Gebote

Ratgeber Tora

Wer elementare Grundwahrheiten des Zusammenlebens infrage stellt, läuft langfristig Gefahr, auch die Menschenrechte mit Füßen zu treten. Foto: dpa

Der Wochenabschnitt Tezawe beginnt mit den Worten: »Und du sollst den Kindern Israels gebieten, dass sie dir reines Öl aus zerstoßenen Oliven für den Leuchter bringen, dass man ständig die Lampen anzünden kann.« »Tezawe« bedeutet »du sollst gebieten«, es handelt sich um den gleichen Wortstamm wie bei »Mizwa«, dem Gebot. Wir wissen, dass die Tora neben den historischen und moralischen Elementen ihrer Geschichten vor allem ein Gesetzbuch ist. Sie enthält insgesamt 613 Ge- und Verbote – Mizwot asse und Mizwot lo taasse.

Vernunft Woher kommt wohl die Notwendigkeit, uns Menschen ein umfangreiches, g’ttgegebenes Regelwerk zur Verfügung zu stellen? Folgen wir zunächst der Argumentation von Maimonides (1138–1204). Er geht im zweiten Kapitel seines More Newuchim (Führer der Unschlüssigen) der Frage nach, wie es sein kann, dass der Mensch erst durch die Sünde von Adam und Eva die Fähigkeit erlangte, Gut und Böse zu erkennen. Ist es nicht eben diese Fähigkeit der Vernunft, die den Menschen auszeichnet? Warum wurde die Perfektionierung der Menschheit dann als »Lohn« für eine Sünde gegeben?

Maimonides erklärt, dass der Mensch schon vorher vernunftbegabt gewesen sei, sogar auf einer höheren Ebene. Denn vor dem Sündenfall habe der Mensch nicht nur Gut und Böse, sondern auch Wahr und Falsch unterscheiden können.

Worin besteht der Unterschied zwischen diesen beiden Begriffspaaren? Schauen Sie doch mal aus dem Fenster. Ich behaupte: Es regnet gerade bei Ihnen. Sie können sofort sagen, ob diese Behauptung wahr ist oder falsch. Schwieriger wird es, die Frage zu beantworten, ob es gut oder böse (schlecht) ist, dass es gerade regnet. Bauern und Regenschirmverkäufer mögen es als gut empfinden, Spaziergänger und Betreiber von Freiluftcafés halten es für schlecht.

Richtig und falsch sind objektive, gut und böse hingegen subjektive Einschätzungen. Selbst der Dieb, der etwas objektiv Falsches tut, wird aus seinem Blickwinkel den gelungenen Diebstahl als gut empfinden. Es bedarf also objektiver Gesetze, da der Mensch die Fähigkeit verloren hat, in Wertigkeitsfragen allein auf die richtige Einschätzung zu kommen. Da der Mensch seit jener Sünde aber per se nicht mehr von selbst erkennt, welche Dinge richtig für ihn sind, kann es nur Einen geben, der tatsächlich wahrhaft objektive Regeln bestimmen kann. Und das ist G’tt.

grundwahrheiten Wir können von Glück reden, dass die fundamentalen Gesetze menschlichen Miteinanders in unserer zivilisierten Welt so sehr verinnerlicht sind, dass sie heute die Grundlage der Menschenrechte bilden. Auf der anderen Seite hat diese Verinnerlichung dazu geführt, dass viele Philosophen der Neuzeit, namentlich auch des Humanismus, jene Werte nicht mehr auf G’tt zurückführen. Selbst der Kantsche Imperativ hält den Menschen selbst für den Maßstab aller Dinge.

Diese Einstellung hat leider auch viele jüdische Denker dazu verführt, g’ttliche Gebote nach eigenen, ganz subjektiven Vorstellungen zu gewichten, zu bewerten – und allzu oft zu entwerten. Wer aber die Gesetze über Kaschrut, das Einhalten des Schabbats oder den Tempeldienst nicht mehr als g’ttgegebene Grundwahrheiten anerkennt, bringt auch die von ihm selbst als richtig empfundenen Menschenrechte in Gefahr. Denn wer garantiert, dass man nicht eines Tages auch das Verbot des Mordens oder Stehlens infrage stellt, wenn man keiner übergeordneten Macht mehr Rechenschaft schuldet?

Vor diesem Hintergrund verstehen wir den Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888), jenem berühmten Vertreter der Neoorthodoxie, besser, der zu diesem Wochenabschnitt erklärt: »Tezawe legt es ihnen als besondere Pflicht auf, wie überall, wo ein Gebot ›Mijad weleDorot‹, sofort und für alle Zeit erteilt werden soll.«

zeitlos Alle Gebote sind zeitlos gültig, da der Ewige sie uns gegeben hat. Nur in der Akzeptanz ihrer Gesamtheit schützen wir jedes einzelne vor der Beliebigkeit menschlicher Bewertung. Die Rabbiner erklären, dass die 365 Verbote den Tagen des Jahres und die 248 Gebote den Teilen, den Gliedern des menschlichen Körpers entsprechen. Daraus lässt sich zweierlei ableiten: Die Gebote sind zu jeder Zeit gültig. Und ebenso wie man durch das allmähliche Entfernen einzelner Körperteile den gesamten Organismus in Gefahr bringt, ist es fatal, einzelne Gebote für nichtig zu erklären.

So wie das Öl der Menora aus unserem Wochenabschnitt die Grundlage für das Licht darstellt, so sind unsere Traditionen und Gesetze das Fundament, ohne das wir kein »Licht für die Völker« sein könnten. Und so sagt Mosche: »Seht, ich habe euch Gesetze und Rechtsvorschriften gelehrt, wie der Ewige es mir geboten hat. Beobachtet sie und übt sie aus, denn sie sind eure Weisheit und Klugheit auch in den Augen der Völker; wenn sie alle diese Gesetze hören, dann werden sie sagen: Fürwahr ein weises und kluges Volk ist diese große Nation« (5. Buch Moses 4, 5-6).

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf.

Wale

Leviathan in der Ostsee

Die Aufregung um »Timmy« zeigt: Riesige Meerestiere faszinieren die Menschen bis heute. Schon die Gelehrten im Talmud hatten ihre Theorien über die Bewohner der Tiefe

von Vyacheslav Dobrovych  03.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  03.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  02.05.2026

Talmudisches

Richtig beten

Kawana: Eine bestimmte geistige Haltung ist Vorbedingung für das innere Gespräch mit G’tt

von Yizhak Ahren  01.05.2026

Feiertage

Besondere Zeiten

Die Tora möchte, dass wir uns immer wieder aus unserer Routine lösen, um uns mit unseren Mitmenschen zu verbinden

von Miksa Gáspár  01.05.2026

Forschung

Der Fuchs, die Gans und der Rambam

Eine Illustration in der Kölner Abschrift der »Mischne Tora« scheint auf das Volkslied anzuspielen. Doch dies entstand viel später

von Lorenz Hegeler  30.04.2026

Berlin

»Ich will mich nicht verstecken«

Ron Dekel wurde angepöbelt, weil er eine Kippa trug. Ein Video davon ging viral, er wurde im Netz beleidigt, man lauerte ihm vor der Synagoge auf. Hier spricht der Präsident der Studierendenunion darüber, was ihm passiert, seitdem er sich sichtbar als Jude zeigt

von Mascha Malburg  27.04.2026

Talmudisches

Kraft der Gemeinschaft

Was unsere Weisen über Zusammenhalt lehren

von Rabbiner Avraham Radbil  24.04.2026

Geschichte

Als die Zeit stillstand

Während der Schoa hatten viele Juden keinen Zugang zu einem jüdischen Kalender. Trotz allem fanden sie Wege, um in den Lagern oder im Versteck den Schabbat und die Feiertage einzuhalten

von Valentin Suckut  24.04.2026