St. Gallen

Rabbiner Tovia Ben-Chorin ist tot

Rabbiner Tovia Ben Chorin Foto: Stephan Pramme

St. Gallen

Rabbiner Tovia Ben-Chorin ist tot

Der liberale Rabbiner amtierte in zahlreichen Gemeinden Europas und in Israel

 23.03.2022 16:17 Uhr Aktualisiert

Rabbiner Tovia Ben-Chorin ist tot. Er starb am Dienstag in St. Gallen in der Schweiz. Das teilte der Münchner Rabbiner Tom Kučera mit.

In einem Rundschreiben an die liberale Jüdische Gemeinde Beth Schalom erinnerte Rabbiner Kučera an Ben-Chorin. Er schrieb unter anderem:

ERINNERUNG »Immer, wenn ich ihm eine Frage stellte, griff er nach Mischna Brura, einem Kommentar von Schulchan Aruch, dem klassischen jüdischen Gesetz. Dann griff er auch nach einem anderen Buch, und noch nach einem anderen Buch, sodass ich oft am Ende meine Frage vergaß und verstand, warum er manchmal überspitzt sagte, dass ein Rabbiner für seine Rede keine Uhr, sondern einen Kalender brauche.

Wenn ich mit ihm spazieren ging, verwickelte er sich spontan in ein nettes Schmoozing mit einem Polizisten, Jugendlichen oder Straßenkehrer, mit jedem, der ihm begegnete. Er hatte für alle ein nettes Wort parat, einen kleinen Witz oder eine kurze Weisheit. Er war wie ein Zauberer, der zu jeder Zeit aus seinem Zauberhut eine schöne Blume herausziehen und überreichen kann.«

Tovia Ben-Chorin wurde 1936 in Jerusalem als Sohn von Schalom und Gabriella Ben-Chorin geboren, die kurz zuvor aus Deutschland nach Palästina eingewandert waren. Er studierte Bibel und Jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem und wurde 1964 am Hebrew Union College – Jewish Institute of Religion in Cincinnati als Rabbiner ordiniert.

LAUFBAHN Nach Beendigung der Rabbinerausbildung in den USA amtierte er in zahlreichen liberalen Gemeinden in den USA, Israel, England, Südafrika und der Schweiz, unter anderem auch in der von seinem Vater Schalom Ben-Chorin mitbegründeten Gemeinde Har El in Jerusalem.

Auch in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin war Ben-Chorin von 2009 bis 2015 als Rabbiner angestellt. Er war zudem Mitglied des Lehrkörpers des Abraham Geiger Kollegs in Potsdam, wo er auch an der Universität unterrichtete. Zuletzt amtierte er als Rabbiner in St. Gallen. Rabbiner Tovia Ben-Chorin war sowohl im christlich-jüdischen Dialog als auch im israelisch-palästinensischen Dialog aktiv.

ABSCHIED AUS BERLIN Zu seinem Abschied aus der Jüdischen Gemeinde Berlin beschrieb die »Jüdische Allgemeine« im Jahr 2015 Ben-Chorin als neugierig und voller Schwung. Er sagte damals, dass er nach sechs Jahren nicht nur die Beterschaft dort vermissen werde, sondern auch die Begegnungen in Berlin mit Juden und Nichtjuden sowie die Gespräche rund um das interreligiöse Projekt »House of One«. Von Berlin ging er seinerzeit in die Schweiz.

In Berlin habe er oft an seinen Vater denken müssen, sagte er der Zeitung. Schalom Ben-Chorin war aus Deutschland vor den Nazis geflohen und ins damalige Palästina emigriert. In Jerusalem habe er, der Sohn, dann ganz praktisch den Dialog zwischen den Religionen mitbekommen. Dass er das von seinen Eltern erleben und lernen durfte, dafür sei er heute noch dankbar, zitierte ihn die Zeitung. ja/kna

Lesen Sie mehr in der kommenden Printausgabe der Jüdischen Allgemeinen.

Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Unsere Autorin ist in dem Kibbuz aufgewachsen, der durch das Massaker traurige Bekanntheit erlangte. Eines der prägendsten Feste ihrer Kindheit war das Wochenfest – wird jene Freude je wieder zurückkehren?

von Eshkar Eldan Cohen  21.05.2026

Schawuot 2

Mit offener Hand

Das Gebot des Zehnten ist weit mehr als eine soziale Maßnahme. Es ist eine geistige Übung

von Rabbiner Joel Berger  21.05.2026

Jerusalem

Auf den Spuren der Pilger

Seit Januar kann man auf jener Straße gehen, auf der zu Schawuot einst Juden ihre Früchte zum Tempel brachten. Die Ausgrabungen bekräftigen religiöse Überzeugungen – und entfachen politische Konflikte

von Detlef David Kauschke  21.05.2026

Schawuot

Sei wie ein kleiner Berg

Der Ewige wählte nicht den höchsten Gipfel der Wüste Sinai für die Offenbarung der Tora. Dahinter steckt eine Botschaft

von Rabbiner Avraham Radbil  21.05.2026

Religionen

Rabbiner: Juden, Christen und Muslime können einander stärken

Der Nahostkrieg hat auch Auswirkungen auf Gesellschaften in Europa und den USA. Ein niederländischer Rabbiner schreibt, was Juden, Christen und Muslime dennoch einander bedeuten können - und welche Werte sie teilen

von Leticia Witte  21.05.2026

Interreligiöser Dialog

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen mehr Austausch

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen sich intensiver austauschen. Am Mittwoch kamen Delegationen in Berlin zusammen, um einen festen Turnus festzulegen

 20.05.2026

Fest

Magdeburger Synagogen-Gemeinde hat neue Torarolle eingeweiht

Mit dem Fest der Toravollendung konnte die neue Torarolle der Magdeburger Synagogen-Gemeinde eingeweiht werden. Traditionell wurden die 5 Bücher Mose von einem Sofer genannten Schreiber in Israel angefertigt

von Thomas Nawrath  20.05.2026

Konflikt

»Große Irritation« nach Gründung eines neuen liberalen Rabbinatsgericht

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin und die Union progressiver Juden haben ein Beit Din gegründet. Die Allgemeine Rabbinerkonferenz kritisiert den Schritt als »Spaltungsmanöver«

von Mascha Malburg  19.05.2026

Klang

Ewiges Nachhallen

Warum die Israeliten in die Stille der Wüste ziehen mussten, um das Wichtigste zu hören

von Rabbiner Jaron Engelmayer  17.05.2026