Schabbat

Nur die Ruhe

»Sechs Tage darf Arbeit getan werden, aber am siebten Tag sei euch ein Schabbat zur heiligen Feier dem Ewigen« (2. Buch Mose 35,2). Foto: Thinkstock

Warum ist das Lichtanschalten am Schabbat untersagt, doch in demselben Haus dürfen wir am Schabbat einen Tisch vom ersten in den vierten Stock tragen? Der Schabbat als Ruhetag kann sehr individuell ausgelegt werden: Der eine ruht sich auf dem Sofa aus, ein anderer erholt sich, indem er im Garten seine Pflanzen betreut. Welche Ruhe ist die richtige? Kann man sagen, dass es eine einheitliche Ruhe für das ganze jüdische Volk gibt?

Die 39 Melachot, die als Grundlage für das Verbot der Arbeiten am Schabbat festgehalten wurden, sind keineswegs willkürlich gewählt, sondern sie haben einen Bezug zur Stiftshütte. Als sie gebaut wurde, erinnerte Mosche das Volk an seine Pflicht, den Schabbat zu halten: »Sechs Tage darf Arbeit getan werden, aber am siebenten Tag sei euch ein Schabbat zur heiligen Feier dem Ewigen. Wer an ihm eine Arbeit tut, soll getötet werden« (2. Buch Mose 35,2).

stiftshütte Die Zeit, als die Stiftshütte errichtet wurde, nimmt in der Geschichte des jüdischen Volkes eine sehr wichtige Stellung ein. Alle beteiligten sich an der Arbeit, spendeten wertvolle Dinge aus Gold, Silber, Bronze, Geweben und Leder, die sie bei ihrem Auszug aus Ägypten mitgenommen hatten.

Die Stiftshütte war das geistige Zentrum des jüdischen Volkes. Die heilige Stätte des Ewigen erfüllte die Welt mit Seinem Geist. Mosche war besorgt darum, dass die Menschen nicht zwischen Wichtigem und Nebensächlichem zu unterscheiden wissen. So könnte es passieren, dass alle denken, die Arbeit an der Stiftshütte stünde über der Einhaltung des Schabbats. Deshalb schärfte Mosche dem Volk frühzeitig ein, dass die Gebote der Arbeit an der Stiftshütte nicht den Schabbat aufheben (Raschi, 1040–1105).

Die 39 Melachot beruhen auf den verschiedenen Arbeiten, die zur Errichtung der Stiftshütte notwendig waren. Nach ihnen wurden die Handlungen festgesetzt, die am Schabbat untersagt sind.

Ergebnis Bei den verbotenen Tätigkeiten handelt es sich eigentlich nicht um Arbeiten, die schwer zu vollziehen sind. Einige fallen uns heute gerade besonders leicht. Der Grund, warum diese oder jene Arbeit am Schabbat untersagt ist, hängt mit der Bedeutung ihres Ergebnisses zusammen.

Sehr viele der verbotenen Arbeiten führen zu einer Veränderung des Gegenstands oder der Sache. Das Säen, Mahlen, Backen, Bauen, Schächten, Schreiben und Ausradieren sind nur einige Beispiele, die veranschaulichen, wie die Arbeiten, die am Schabbat zu unterlassen sind, sich nicht dadurch auszeichnen, dass sie mühsam sind, sondern dass sie neue Situationen einleiten.

Hinter der Ruhe, die uns am Schabbat auferlegt ist, steht das Verbot, neue Zustände einzuleiten. Dem Menschen wird während der ganzen Woche das Erzeugen gewährt. Er darf aufbauen, abreißen, initiieren, erforschen, die Schöpfung entwickeln, das Leben verbessern, damit die Menschheit fortbesteht. Am Schabbat aber wird vom Menschen verlangt, das Verändern der Welt zu unterlassen. Ihm wird geboten, das Königreich des Schöpfers in seiner Fülle anzunehmen und dabei anzuerkennen, dass die Fähigkeiten des Menschen, die Welt zu verändern, nicht unbeschränkt sind.

Elektrizität Warum ist die Nutzung von Elektrizität am Schabbat verboten? Früher musste man zwei Steine aneinander reiben, bis ihnen ein Funke entsprang. Doch heute ist das Lichtanmachen äußerst einfach: Ein leichter Druck auf einen Schalter oder eine unscheinbare Handbewegung über einen Sensor, und es wird hell.

Dem Verbot, Feuer zu entfachen, widmet die Tora einen eigenen Satz: »Ihr sollt kein Feuer anzünden in all euren Wohnsitzen am Tag des Schabbats« (2. Buch Mose 35,3). Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) erklärt, dass diese Arbeit separat erwähnt wurde, da das Feuer dem Anschein nach etwas zerstört und nicht erzeugt. Doch ebendieses Feuer wird genutzt, wenn wir metallene Werkzeuge und Geräte herstellen, mit denen wir verschiedene Arbeiten verrichten, die uns am Schabbat untersagt sind.

Seit die Nutzung von Elektrizität sehr intensiv in unser Leben eingedrungen ist, diskutieren Rabbiner darüber, warum es uns nicht erlaubt ist, am Schabbat Änderungen an elektrischen Geräten vorzunehmen. Das Benutzen elektrischer Geräte, die vor Eingang des Schabbats angestellt wurden, ist selbstverständlich gestattet. Die Frage ist aber: Wie geht man mit Änderungen von Schaltzuständen im Verlauf des Schabbats um?

Feuer
Es gibt dazu im Wesentlichen drei Meinungen. Die erste: Elektrizität ist wie Feuer. Lampen spenden Licht durch einen Glühfaden, der angezündet wird. Diese Aktivität hat manche Poskim – das sind Gelehrte, die bei der Auslegung religiöser Gesetze bindende Entscheidungen treffen können – zu der Ansicht geführt, dass es verboten ist, am Schabbat das Licht an- oder auszuschalten, weil es wie Feueranzünden ist. Diese Meinung vertreten unter anderem Rabbiner Awraham Jitzchak Kook (1865–1935) und Rabbiner Ben Zion Meir Chai Uziel (1880–1953).

Die zweite Ansicht bezieht sich darauf, dass nicht alle elektrischen Geräte einen Glühfaden enthalten, sondern das Wichtigste ist das Schließen des Stromkreises. Der Chason Isch, Rabbi Awraham Jeschajahu Karelitz (1878–1953), meint daher, das Verbot, den Strom an- und abzustellen, kommt von der Arbeit, die »Bauen« genannt wird. Beim Anstellen eines elektrischen Geräts wird ein Stromkreis geschlossen, und das ermöglicht den Stromfluss. Die dritte Meinung sagt: Wenn es keinen Glühfaden gibt, dann ist die Nutzung von Elektrizität am Schabbat wie das Herstellen von etwas zu bewerten, das es bisher nicht gegeben hat. Der Strom werde erst in den Stromkabeln erzeugt. Diese Erklärung lässt das Verbot der Elektrizitätsnutzung weniger schwerwiegend erscheinen als das Verbot des Feuerentfachens und des Bauens.

Sofern es nicht um das Retten von Menschenleben geht, sind die meisten dafür, das Verbot der Strombenutzung am Schabbat streng zu befolgen. In einer Zeit, in der es so viele elektrische Geräte gibt, die den Menschen im Alltag fesseln und in Anspruch nehmen wie Computer, Telefone und vieles mehr, trägt die Ruhe des Schabbats dazu bei, dass sich der Mensch einmal in der Woche ausruht und von diesen Fesseln befreit.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Groß-Dortmund.

Inhalt
Im Wochenabschnitt Wajakhel werden die Israeliten daran erinnert, das Schabbatgesetz nicht zu übertreten. Die Künstler Bezalel und Oholiab sollen aus freiwilligen Spenden Geräte für das Stiftszelt herstellen, und es wird die Bundeslade angefertigt.
2. Buch Mose 35,1 – 38,20

Pekudej, der letzte Abschnitt des Buches Schemot, berichtet von der Berechnung der Stoffe, die für das Stiftszelt verarbeitet werden, und wiederholt die Anweisungen zur Herstellung der Priesterkleidung. Die Arbeiten am Mischkan werden vollendet, und es wird eingeweiht. Über ihm erscheint eine »Wolke des Ewigen«.
2. Buch Mose 38,21 – 40,38

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