Pinchas

Notwehr oder Lynchjustiz?

Pinchas durchbohrte einen israelitischen Mann und eine Midjanitin auf ihrem Lager mit einem einzigen Speerstoß Foto: Getty Images / istock

Die Bnej Jisrael stehen an der Grenze zum versprochenen Land. Schon bald wird Mosche die Führung des Volkes an seinen Nachfolger übergeben. Aber noch befinden sich die Israeliten in der Wüste. Und wieder einmal tun sie, was dem Ewigen missfällt – und nicht nur Ihm.

Ganz am Ende der vorigen Parascha haben wir gelesen, wie Pinchas einen israelitischen Mann und eine Midjanitin auf ihrem Lager mit einem einzigen Speerstoß durchbohrt. Nun waren die zwei nicht irgendein Paar, sondern der Mann, Simri, war der Sohn eines israelitischen Stammesfürsten und die Frau, Kosbi, die Tochter eines midjanitischen Stammesoberhauptes. Diese Namen erfahren wir gleich zu Be­ginn unseres Wochenabschnitts, zusam­men mit der Reaktion des Ewigen auf die Tat des Pinchas.

wortlaut Wenn wir den Text oberflächlich lesen, nach seinem einfachen Wortlaut, scheint es, als ob es der Ewige gutheißt, was Pinchas in seinem Glaubenseifer getan hat. Aber stimmt das wirklich?

Gerade in dieser Parascha ist manches nicht so, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Hat Mosche tatsächlich zum Mord an Götzendienern aufgefordert, bevor Pinchas zum Speer griff? Gilt »lo tirzach« (Du sollst nicht morden) hier auf einmal nicht mehr?

Die Ansichten der Kommentatoren vieler Jahrhunderte zur Tat des Pinchas unterscheiden sich sehr stark voneinander.

Sicher, Simri hatte dreist das Gebot des Ewigen übertreten, noch dazu als Sohn aus einer wichtigen Familie. Aber hatte er nicht dennoch ein Recht darauf, zunächst verwarnt zu werden, wie es das Gesetz vorsieht, und auch das Anrecht auf ein Gerichtsverfahren?

Affekt Pinchas hat, bevor er zur Tat schritt, noch nicht einmal Mosche gefragt. War diese Tötung im Affekt eine Art Notwehr, wie es manche Exegeten darstellen, die ihn zum Helden und Retter der Nation machen, oder war es Lynchjustiz? War Pinchas ein heißblütiger Eiferer für den Ewigen, oder hatte er vielleicht Hintergedanken?

Während Maimonides, der Rambam (1135–1204), das Prinzip »kanaim pog’im bo« (Eiferer dürfen über ihn verfügen) anführt und damit dem religiösen Eiferer Pinchas das Recht auf eine solche Bluttat zugesteht, sieht Rabbi Mosche ben Chaim Alschech (1508–1600) das völlig anders. Er meint sogar, Pinchas habe möglicherweise aus Berechnung gehandelt, weniger aus religiös motivierter Entrüstung, sondern um sich bei dieser Gelegenheit als besonders würdiger Vertreter der Priesterschaft hervorzutun.

Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) hingegen kann Alschechs Ansicht nicht nachvollziehen. Für ihn ist Pinchas ein ehrenwerter Mann, der aus reiner Treue zum Gebot des Ewigen handelt, zum Wohle seines Volkes, und dafür vom Ewigen belohnt wird mit Seinem Bund des Friedens und dem ewigen Priestertum für ihn und seine Nachkommen.

Bund Ein Bund des Friedens, das ist es, was der Ewige dem Pinchas nach der Tat zuspricht. Beinhaltet dieser Ausdruck, genau betrachtet, nicht den Hinweis, Frömmigkeit eben nicht mit religiösem Übereifer zu verwechseln? Besteht die Reaktion des Ewigen also darin, Pinchas Seelenfrieden zu geben, Ausgeglichenheit statt Fanatismus?

Die Ansichten der Kommentatoren vieler Jahrhunderte zur Tat des Pinchas unterscheiden sich sehr stark voneinander. Interessant ist, dass die Ge­schichte auf zwei Wochenabschnitte verteilt wird. So entsteht ein Innehalten, eine Aufforderung, nicht einfach weiterzugehen im Text, sondern nachzudenken über das, was hier geschehen ist, es nicht einfach hinzunehmen, sondern zu hinterfragen, sich damit auseinanderzusetzen.

Die sprechenden Namen in der Tora lassen uns eine tiefere Bedeutungsebene erahnen.

Nicht alles ist so, wie es vordergründig scheint. Heißt die junge Dame, die von Pinchas erstochen wurde, nicht ausgerechnet Kosbi – die Täuscherin, Lügnerin? Und worum geht es in der Parascha wirklich? Nur um Pinchas’ Glaubenseifer? Oder liegt der rote Faden bei der Autorität von Mosche, die Pinchas missachtet, indem er ihn einfach übergeht?

Wer Mosche und seine Führungsrolle im Gegensatz dazu sehr wohl respektiert, sind die Töchter des Zlofchad. Fünf Frauen stehen vor Mosche und fordern in wohl gesetzten Worten das Erbrecht, hochoffiziell, vor Mosche und vor El’asar und vor den Fürsten und vor der ganzen Gemeinde an der Tür des Stiftszelts.

Korach Ihr Vater ist tot, und sie haben keinen Bruder, darum stünde ihrer Familie bei der Verteilung des Landes kein Anteil zu, jedenfalls nicht nach der patriarchalischen Auffassung. Sie betonen, dass ihr Vater nicht unter den Anhängern Korachs war – Korach, der sich einst gegen Mosche stellte und seinerseits dessen Autorität nicht anerkannte.

Mosche ist offenbar perplex und sagt erst einmal gar nichts, sondern bringt diesen scheinbar ungeheuerlichen Anspruch der fünf Frauen vor den Ewigen. Vermutlich ist er sehr überrascht von der Antwort des Ewigen, der ihnen recht gibt. In jener patriarchalischen Welt war es von den Töchtern des Zlofchad sehr mutig, vor Mosche und die ganze Gemeinde mit all ihren Würdenträgern zu treten und ihr Recht zu verlangen. Sahen doch die Männer keine gleichberechtigte Partnerin in einer Frau, sondern eine unmündige Person, im Talmud bisweilen in einem Atemzug mit Kindern, Sklaven, Taubstummen und geistig Minderbemittelten genannt.

anspruch Es sind selbstbewusste Frauen, die aus dem Schatten hervortreten, um furchtlos ihren Rechtsanspruch öffentlich geltend zu machen. Zlofchad hieß ihr Vater, Zel (Schatten) und Pachad (Furcht, Angst) stecken in diesem Namen.

Und auch die doppeldeutigen Namen seiner Töchter sind aufschlussreich: Machla, die Spielende, Tanzende – oder eine, die verzeiht; Noa, die Umherziehende – oder eine, die hochrüttelt und etwas in Bewegung bringt; Milka, die Besitzende, Herrschende – oder die Ratgeberin; Tirza, die Wohlgefällige – oder eine, die etwas angemessen in Ordnung bringt. Allein der Name Chogla hat eine ganz andere Bedeutung, nämlich Rebhuhn.

Die Männer sahen keine gleichberechtigte Partnerin in einer Frau, sondern eine unmündige Person.

Tora Die sprechenden Namen in der Tora lassen uns eine tiefere Bedeutungsebene erahnen, die sich hinter dem einfachen Wortlaut verbirgt. Wir sollen uns nicht auf den ersten Augenschein beschränken, sondern genauer hinsehen, um das ganze Bild wahrzunehmen.

Als Mosche gegen Ende seines Lebens den Ewigen bittet, einen Nachfolger für ihn, Mosche, zu bestellen, da erwählt Er, der Allwissende, schließlich Jehoschua, »einen Mann, der Geist hat«, und nicht den frommen Eiferer Pinchas.

Die Autorin ist Rabbinerin der Liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

Inhalt
Der Wochenabschnitt Pinchas berichtet von dem gleichnamigen Priester, der durch seinen Einsatz den Zorn G’ttes abwandte.
Dafür wird er mit dem »Bund des ewigen Priestertums« belohnt. Die kriegsfähigen Männer werden gezählt, und das Land Israel wird unter den Stämmen aufgeteilt. Mosches Leben nähert sich dem Ende. Deshalb wird Jehoschua zu seinem Nachfolger bestimmt. Am Schluss der Parascha stehen Opfervorschriften.
4. Buch Mose 25,10 – 30,1

München/Jerusalem

Rabbinerkonferenz weist Kritik an deutschen Yad-Vashem-Standorten zurück

Die geplanten Außenstellen von Yad Vashem in Deutschland stoßen auch auf Skepsis. Doch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz warnt davor, die Arbeit der Gedenkstätte zum Gegenstand politischer Abrechnungen zu machen

 31.05.2026

Bonn

»Es ist ein Bruch eingetreten.«

Rabbiner Andreas Nachama betonte, dass Jüdinnen und Juden immer weiter in eine »Defensivposition« gebracht würden. Eine Studientagung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit lotete aus, wie es anders gehen könnte

von Leticia Witte  31.05.2026

Antwerpen

Belgien: Empörung über Anklage gegen jüdische Beschneider

Wegen Anklagen gegen zwei jüdische Beschneider kritisieren jüdische Vertreter die belgischen Behörden scharf. Die European Jewish Association wirft der Staatsanwaltschaft vor, die Religionsfreiheit zu verletzen - Belgien weist dies zurück

von Marlene Brey  27.05.2026

Nasso

Raum für die g’ttliche Präsenz

Warum das Lesen dieses Wochenabschnitts beim Finden eines Ehepartners hilfreich sein soll

von Vyacheslav Dobrovych  24.05.2026

Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Unsere Autorin ist in dem Kibbuz aufgewachsen, der durch das Massaker traurige Bekanntheit erlangte. Eines der prägendsten Feste ihrer Kindheit war das Wochenfest – wird jene Freude je wieder zurückkehren?

von Eshkar Eldan Cohen  21.05.2026

Schawuot 2

Mit offener Hand

Das Gebot des Zehnten ist weit mehr als eine soziale Maßnahme. Es ist eine geistige Übung

von Rabbiner Joel Berger  21.05.2026

Jerusalem

Auf den Spuren der Pilger

Seit Januar kann man auf jener Straße gehen, auf der zu Schawuot einst Juden ihre Früchte zum Tempel brachten. Die Ausgrabungen bekräftigen religiöse Überzeugungen – und entfachen politische Konflikte

von Detlef David Kauschke  21.05.2026

Schawuot

Sei wie ein kleiner Berg

Der Ewige wählte nicht den höchsten Gipfel der Wüste Sinai für die Offenbarung der Tora. Dahinter steckt eine Botschaft

von Rabbiner Avraham Radbil  21.05.2026

Religionen

Rabbiner: Juden, Christen und Muslime können einander stärken

Der Nahostkrieg hat auch Auswirkungen auf Gesellschaften in Europa und den USA. Ein niederländischer Rabbiner schreibt, was Juden, Christen und Muslime dennoch einander bedeuten können - und welche Werte sie teilen

von Leticia Witte  21.05.2026