Mikwe

Nicht nur sauber, sondern rein

Eine Mikwe wird nicht nur von Frauen genutzt. Allerdings sind Männer nicht ausdrücklich gemäß der Tora zum Untertauchen verpflichtet. Foto: Rafael Herlich

Eine der wichtigsten Institutionen jeder jüdischen Gemeinde ist die Mikwa oder Mikwe, das rituelle Tauchbad. Vielen ist es nicht bekannt, aber die Mikwe ist so essenziell und bedeutend, dass ihr Bau sogar Vorrang vor der Errichtung einer Synagoge hat. So steht es im Talmud (Megilla 27a), so sieht es die Halacha, das jüdische Religionsgesetz (Igrot Mosche, Choschen Mischpat 1,42), vor.

Der Grund dafür ist, dass man nur in der Mikwe die vorgeschriebene rituelle Reinigung vornehmen und dass damit – wie gleich erläutert wird – die Zukunft einer jüdischen Gemeinde gesichert werden kann. Hingegen können Gebete rein theoretisch in einem anderen Raum verrichtet werden, wenn es keine Synagoge gibt.

Heutzutage wird die Mikwe in erster Linie von verheirateten Frauen benutzt. Der Halacha zufolge ist dem Ehepaar in der Zeit, in der Frauen ihre Periode haben, der physische Kontakt miteinander untersagt. Praktisch bedeutet das nicht nur, dass man keine intime Beziehung eingehen darf, sondern dass auch das Küssen, Umarmen und selbst das absichtliche Berühren in dieser Zeit verboten sind.

In dieser Phase sollen die Ehepartner als Freunde statt »nur« als Liebespaar zusammenwachsen. Es ist die Zeit, in der sie vermehrt miteinander kommunizieren, sich gegenseitig geistig bereichern und auf einer ganz anderen Ebene dem Partner näherkommen sollen.

Eine Ehe braucht sowohl die körperliche als auch eine geistige Anziehung zwischen Mann und Frau. Doch alles Körperliche ist vergänglich. Die geistige Nähe macht die wahre Liebe aus und ist das, was für immer bestehen bleibt.

Talmud Unsere Weisen des Talmuds betonen dabei, dass wir immer dazu tendieren, uns an vieles zu gewöhnen und dabei mit der Zeit verlernen, es wertzuschätzen. Das darf auf keinen Fall in der Beziehung zwischen Mann und Frau geschehen. Aus diesem Grund, weil die Tora wollte, dass die Ehefrau von ihrem Ehemann für immer begehrt, gewünscht und gesucht bleibt, hat sie uns diese Abstinenzgesetze befohlen.

So wird die Beziehung, die für viele leider zu einer langweiligen Routine wird, für andere, die sich an diese Gesetze halten, zu einem monatlichen und lange erwarteten Honeymoon. Viele führen die Tatsache, dass die Scheidungsrate innerhalb der gesetzestreuen jüdischen Gemeinschaft – im Gegensatz zur säkularen Gesellschaft – so niedrig geblieben ist, unter anderem auf diese Gesetze zurück.

Nach der Menstruationsperiode, die in der Regel fünf Tage dauert, warten die Frauen noch sieben (reine) Tage ab, um sicherzustellen, dass die Blutung tatsächlich aufgehört hat – und gehen anschließend in die Mikwe. Dieser Besuch im Tauchbad findet stets erst nach Sonnenuntergang statt, weil es etwas sehr Privates ist und keiner davon etwas mitbekommen soll. Die Frau wird von einer sogenannten Mikwefrau, die für alle Belange in der Mikwe zuständig ist, begleitet.

Sie hilft ihr bei den Vorbereitungen und achtet darauf, dass sie tatsächlich ganz im Wasser untertaucht. Vor jedem Besuch gibt es eine Vorbereitung, bei der die Frau ein warmes Bad nimmt, sich die Fingernägel schneidet, die Zähne putzt und ihren Körper von allem reinigt, was den direkten Kontakt zwischen Körper und Mikwewasser behindern könnte.

Auch in der Nacht vor dem Hochzeitstag besucht die Braut die Mikwe, um am nächsten Tag für ihren Bräutigam »erlaubt« zu sein.

Männer Aber die Mikwe wird nicht nur von Frauen genutzt. So müssen sowohl weibliche als auch männliche Konvertiten das Tauchbad aufsuchen. Der Übertritt zum Judentum ist nicht vollständig, wenn die Konvertiten nicht in Anwesenheit des Rabbinatsgerichtes in einer Mikwe untergetaucht sind.

Viele gesetzestreue Männer suchen eine Mikwe regelmäßig auf. Interessanterweise gibt es heutzutage für einen Mann keine ausdrücklich von der Tora vorgegebene Pflicht, im Wasser unterzutauchen. Jedoch haben sich im Laufe der Zeit mehrere Bräuche entwickelt. Der verbreitetste ist, vor den Hohen Feiertagen in die Mikwe zu gehen. Manche haben es aber auch zum guten Brauch gemacht, vor jedem Schabbat oder Feiertag in die Mikwe zu gehen, andere sogar täglich, meist vor dem Morgengebet.

Es hängt auch vom selbst befolgten Brauch ab, wie oft man in der Mikwe untertaucht: Die meisten tun es einmal, andere tauchen drei oder sieben Mal unter.

Idealerweise sollte übrigens jede Gemeinde zwei unterschiedliche Mikwaot haben, eine für Frauen und eine für Männer. Doch falls es nur eine gibt, und selbst wenn es nur eine Frau gibt, die nicht in dieselbe Mikwe mit den Männern gehen möchte, ist es laut Rabbiner Mosche Feinstein Grund genug, diese als eine reine Frauenmikwe zu deklarieren und Männern den Zugang zu untersagen.

Und, dieser Hinweis sollte nicht fehlen, auch neues Geschirr sollte vor der ersten Nutzung in eine Mikwe getaucht werden. Für alle diese rituellen Reinigungen gibt es dazugehörige Segenssprüche, denn sie weisen auf eine Erneuerung, ein geistiges Wachstum und einen Anlass zur Freude hin.

Wasser
Die Tora (3. Buch Mose 11,36) lehrt uns, dass das Wasser einer Mikwe einen natürlichen Ursprung haben soll, also kommen nur Regen‐ oder Grundwasser infrage. Das Tauchbecken sollte mindestens 40 Sea enthalten. Sea ist eine halachische Maßeinheit und unterliegt einer Diskussion, wie genau sie in moderne Maßeinheiten umgerechnet werden soll.

Um allen Meinungen gerecht zu werden, soll eine Mikwe nicht weniger als circa 1000 Liter Wasser enthalten. Natürliche bewegliche Wasserkörper, wie beispielsweise Meere oder Ozeane, dürfen ebenfalls als Mikwe benutzt werden. Seen mit stehendem Wasser kommen nicht infrage. Falls es geht, sollte man auch keine Flüsse als Mikwe nutzen (Schulchan Aruch, Jore Dea 201,2).

Konstruktion Die meisten modernen Mikwaot sind so gebaut, dass man eigentlich in reines Leitungswasser taucht. Der Grund dafür ist, dass man nicht in das Quellwasser selbst, sondern in ein Wasser, welches mit dem Quellwasser verbunden ist, untertauchen soll.

So haben sich drei Möglichkeiten der Konstruktion einer Mikwe entwickelt: Die erste nennt sich »Haschaka« (Küssen). Hier handelt es sich eigentlich um zwei Becken. Das größere, in das man taucht, wird mit Leitungswasser gefüllt. Das zweite Becken, das sich nebenan befindet, wird mit Quellwasser aufgefüllt. Diese zwei Becken werden durch eine Öffnung verbunden. Und indem sich diese zwei Wasser berühren (küssen), wird das Leitungswasser vom Quellwasser zu »koscherem Mikwewasser« (Mikwaot 6,7).

Die zweite Konstruktion nennt sich »Seria« (Samen). Hier wird ein spezielles Reservoir entsprechender Größe mit Regenwasser gefüllt. Danach lässt man das Leitungswasser in dieses Reservoir fließen, und zwar so, dass, nachdem das Reservoir dadurch überfüllt wird, das Wasser seinen Weg vom Reservoir in das Tauchbecken findet. Durch die Verbindung wird das Leitungswasser zum koscheren Mikwewasser und füllt bereits in diesem »koscheren« Zustand das Tauchbecken (Mikwaot 6,8).

Drittens gibt es noch das »Bor al gabej Bor« (Becken auf einem anderen Becken). Diese Methode wurde vom fünften Chabad‐Rebben entwickelt. Hier werden, wie der Name schon verrät, zwei Becken übereinander gebaut und durch eine oder mehrere Öffnungen verbunden. Das untere Becken wird mit Regenwasser, das obere mit Leitungswasser gefüllt. Ähnlich wie beim »Haschaka« macht die Verbindung das Wasser im oberen Becken »koscher«, um es als Mikwa benutzen zu können.

Komfort Zurück zur heutigen Nutzung der Mikwaot: Sie sind vielfach von höchstem Hygienestandard und mit bestem Komfort, beheizt und mit Filtern ausgestattet. Einem Spa ähnlich, bieten viele Mikwaot zudem Hygieneartikel, Badetücher, Slipper und Bademäntel an. So kann jede Frau die Zeit dort auch gut für und mit sich verbringen, kommt erholt, erfrischt und entspannt zurück nach Hause zur Familie.

Jeder, der mehr über die Gesetze des Familienlebens, die Mikwe und ihre Bedeutung lernen möchte, kann sich direkt an seinen Rabbiner wenden. Es gibt auch im Internet viele Informationen, beispielsweise auf www.mikvah.org, sodass man sich zusätzliches Wissen über diese Themen aneignen kann. Dort sind auch Adressen der Mikwaot in der Nähe und überall auf der Welt zu finden.

Abschließend sei noch einmal hervorgehoben, wie enorm wichtig die Mikwe nicht nur für jede jüdische Familie, sondern auch für die Gemeinde ist. Der Besuch der Mikwe gehört für eine Frau zu den wichtigsten Geboten im Judentum. Daher empfiehlt es sich für eine jüdische verheiratete Frau, einmal im Monat eine Mikwe aufzusuchen.

Dann zeigt sich, wie ein kleines Tauchbecken ein großes und breites Spektrum im Leben einer jüdischen Familie erfüllen kann. Auch aus diesem Grund gehört eine Mikwe zur elementaren Ausstattung jeder jüdischen Gemeinde.

Im Talmud (Kidduschin 30a) heißt es, dass G’tt selbst die Mikwe für das gesamte jüdische Volk ist, der es reinigt, wenn seine Herzen zu ihm gerichtet sind.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Osnabrück.

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