Moskaus Ex-Oberrabbiner

»Wir wurden unter Druck gesetzt

Rabbiner Pinchas Goldschmidt Foto: imago/tagesspiegel

Der frühere Moskauer Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt hat vor seiner Ausreise aus Russland nach eigenem Bekunden vor einem enormen moralischen Problem gestanden. »Jeder, der sich zum Krieg äußert, läuft Gefahr, bestraft zu werden und ins Gefängnis zu kommen. Auf uns wurde Druck ausgeübt, dass sich die jüdische Gemeinde offiziell für den Krieg ausspricht«, sagte Goldschmidt im Interview der »Süddeutschen Zeitung«.

»Weil wir keine Möglichkeiten hatten, etwas Kritisches zu äußern, haben wir anfangs beschlossen, gar nichts zu sagen. Das war für mich ein großes moralisches Problem: Ich schweige - und doch muss ich etwas tun. Deshalb habe ich mit meiner Frau beschlossen, Russland zu verlassen«, erklärte Goldschmidt, der auch Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz (CER) ist. Israel, wo er sich inzwischen aufhält, sei wegen persönlicher Verbindungen auch Heimat, aber er fühle sich tatsächlich im Exil.

Den Krieg in der Ukraine bezeichnete Goldschmidt erneut als Katastrophe, auch für Russland. Das Land gehe in »sehr großen Schritten« zurück in Richtung Sowjetunion.

Der Rabbiner verwies darauf, dass er mit seiner Frau nach der Ausreise zunächst ukrainischen Flüchtlingen in Osteuropa geholfen habe. Für die Hilfe habe die CER einen Fonds angelegt, um Gemeinden in Europa zu unterstützen. Auch seien Dutzende Freiwillige aus Israel als Dolmetscher eingesprungen. »Für Europa und auch für das europäische Judentum war es einer der schönsten Momente, wie diese Flüchtlinge aufgenommen worden sind.«

Während seiner Abwesenheit war Goldschmidt erneut zum Oberrabbiner von Moskau gewählt worden. Er habe aber verstanden, dass es wegen seiner Position großen Druck auf die Gemeinde gebe. »Ich bin zurückgetreten, um die Zukunft der Gemeinde nicht zu gefährden.« Die jüdische Gemeinde funktioniere zwar weiter in Russland, aber es gebe Probleme: »In den letzten Jahren wurden zum Beispiel mehr als zehn Rabbiner ausgewiesen, aus unterschiedlichen Gründen. Das ist ein Anzeichen dafür, dass die Situation sehr heikel ist.«

Er bekomme mittlerweile mehr und mehr Telefonanrufe von Gemeindemitgliedern, die nach Israel gekommen seien. »Meine Ausreise hat wohl vielen Familien geholfen, auch diesen Entschluss zu fassen. Nach der jüngsten Statistik sind seit Kriegsbeginn sogar mehr russische als ukrainische Juden nach Israel eingewandert.« Ein großer Teil der Gemeinde in Russland sei besorgt und die Stimmung bedrückend. kna

Talmudisches

Geister

Was antike jüdische Überlieferungen über Besucher aus dem Jenseits erzählen

von Rabbinerin Yael Deusel  04.06.2026

München/Jerusalem

Rabbinerkonferenz weist Kritik an deutschen Yad-Vashem-Standorten zurück

Die geplanten Außenstellen von Yad Vashem in Deutschland stoßen auch auf Skepsis. Doch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz warnt davor, die Arbeit der Gedenkstätte zum Gegenstand politischer Abrechnungen zu machen

 31.05.2026

Bonn

»Es ist ein Bruch eingetreten.«

Rabbiner Andreas Nachama betonte, dass Jüdinnen und Juden immer weiter in eine »Defensivposition« gebracht würden. Eine Studientagung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit lotete aus, wie es anders gehen könnte

von Leticia Witte  31.05.2026

Antwerpen

Belgien: Empörung über Anklage gegen jüdische Beschneider

Wegen Anklagen gegen zwei jüdische Beschneider kritisieren jüdische Vertreter die belgischen Behörden scharf. Die European Jewish Association wirft der Staatsanwaltschaft vor, die Religionsfreiheit zu verletzen - Belgien weist dies zurück

von Marlene Brey  27.05.2026

Nasso

Raum für die g’ttliche Präsenz

Warum das Lesen dieses Wochenabschnitts beim Finden eines Ehepartners hilfreich sein soll

von Vyacheslav Dobrovych  24.05.2026

Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Unsere Autorin ist in dem Kibbuz aufgewachsen, der durch das Massaker traurige Bekanntheit erlangte. Eines der prägendsten Feste ihrer Kindheit war das Wochenfest – wird jene Freude je wieder zurückkehren?

von Eshkar Eldan Cohen  21.05.2026

Schawuot 2

Mit offener Hand

Das Gebot des Zehnten ist weit mehr als eine soziale Maßnahme. Es ist eine geistige Übung

von Rabbiner Joel Berger  21.05.2026

Jerusalem

Auf den Spuren der Pilger

Seit Januar kann man auf jener Straße gehen, auf der zu Schawuot einst Juden ihre Früchte zum Tempel brachten. Die Ausgrabungen bekräftigen religiöse Überzeugungen – und entfachen politische Konflikte

von Detlef David Kauschke  21.05.2026

Schawuot

Sei wie ein kleiner Berg

Der Ewige wählte nicht den höchsten Gipfel der Wüste Sinai für die Offenbarung der Tora. Dahinter steckt eine Botschaft

von Rabbiner Avraham Radbil  21.05.2026