Militärseelsorge

Mit Kippa und Uniform

»Mann des Friedens im Gewande des Krieges«: Rabbiner Aron Tänzer um 1916 an der Ostfront Foto: ullstein bild - Süddeutsche Zeitung

Militärseelsorge

Mit Kippa und Uniform

Ein neues Buch wirft Licht auf eine alte Tradition mit aktuellen Herausforderungen

von Ralf Balke  21.06.2021 11:56 Uhr Aktualisiert

Wer heute den Jüdischen Friedhof Berlin- Weißensee besucht, wird auch dort auf sie stoßen – die vielen Gräber jüdischer Frontsoldaten aus der Zeit zwischen 1914 und 1918. »Mehr als 100.000 Soldaten jüdischen Glaubens kämpften in den Reihen der deutschen Armeen«, so Carsten Baus und Katharina Kreuzarek vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Zugleich verweisen die beiden Co-Autoren des opulent bebilderten Buches Feldrabbiner im ersten Weltkrieg und Militärrabbiner in der deutschen Bundeswehr, das anlässlich einer Ausstellung zu diesem Thema in der Stadt Bingen herausgegeben wurde, auf die lange Tradition des Feldrabbinats im deutschsprachigen Raum. So meldeten sich bereits zu Beginn des deutsch-französischen Kriegs 1870/71 vier Rabbiner freiwillig, um jüdische Soldaten zu betreuen.

Gesellschaft Institutionalisiert wurde das Ganze dann als Armeerabbinat 1875 zuerst bei den Österreich-Ungarischen Landstreitkräften. Deutschland zog mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs nach. »Feldrabbiner widerspiegeln die Präsenz deutscher jüdischer Soldaten an den Fronten im Ersten Weltkrieg«, betont die Diplomarchivarin Sabine Hank. »Die jüdischen Gemeinden und Organisationen verbanden damit auch die Hoffnung auf eine weiter zunehmende Anerkennung der jüdischen Gemeinschaft und ihrer Religion durch die Umgebungsgesellschaft.«

An mehreren Biografien prominenter Feldrabbiner skizzieren die Autoren exemplarisch die Aufgaben und Herausforderungen, die der Job so mit sich brachte. Manche von ihnen beließen es aber nicht bei der reinen Seelsorge, sondern engagierten sich parallel dazu auch im sozialen Bereich. So zum Beispiel Leopold Rosenak, der im litauischen Kowno eine Volksküche sowie ein jüdisches Gymnasium ins Leben rief.

Was waren die Aufgaben und Herausforderungen, von früheren Militärrabbinern?Foto: PR

Zugleich wirkten Feldrabbiner auch als eine Art Scharnier zwischen den Soldaten an den Fronten sowie den Angehörigen in der Heimat. Den Familien von Verwundeten und Gefallenen spendeten sie Trost. Zugleich verfassten sie wie Leo Baeck ebenfalls Berichte über das Geschehen an den verschiedenen Kriegsschauplätzen, die wiederum Einzug fanden in die Publikationen der jüdischen Gemeinden und so das Bild über das Geschehen in jenen Jahren maßgeblich mitprägten.

Erinnerung Nach 1918 war wieder Schluss. Zwar gab es Organisationen wie den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, die es als ihre Aufgabe sahen, die Erinnerung an die für Deutschland kämpfenden und gefallenen Juden wachzuhalten und sie vor Diffamierungen zu verteidigen. Doch eine Institution wie das Feldrabbinat existierte nicht mehr. Und nach 1933 blieben jüdische Weltkriegsteilnehmer von einigen der antisemitischen Diskriminierungen vorerst verschont. Aber auch sie mussten später ins Exil gehen, viele von ihnen wurden ermordet. Unter den Opfern befanden sich ebenfalls einige der früheren Feldrabbiner.

Nun wurde mit dem Staatsvertrag für die Einführung einer jüdischen Militärseelsorge bei der Bundeswehr 2019 ein Neuanfang gewagt. »Es tilgt meines Erachtens das Unrecht, das Juden in deutschen Armeen früher erfahren mussten«, bringt es Rabbiner Walter Homolka, Rektor des Abraham Geiger Kollegs in Potsdam und einer der treibenden Kräfte hinter dieser neuen Institution, auf den Punkt. »Die Wiederaufnahme der jüdischen Militärseelsorge durch den Zentralrat der Juden in Deutschland zeigt: Die jüdische Gemeinschaf hat Vertrauen in die Bundeswehr als einer pluralistischen, demokratischen Armee.«

Auch Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, spricht daher in seinem Grußwort von einem Wandel, der stattgefunden hat. »Für die meisten Juden war es in den ersten Jahrzehnten nach der Schoa undenkbar, in einer deutschen Uniform Soldat zu werden.« Heute dagegen will man aktiv mitgestalten. »Neben jüdischen Soldaten, die in der Bundeswehr dienen, möchten wir mit Militärrabbinern die jüdische Perspektive und Ethik einbringen.« Wie so etwas aussehen kann, davon vermittelt das Buch gute Eindrücke.

Carsten Baus, Katharina Kreuzarek, Sabine Hank, Walter Homolka und Klaus Leitsch: »Feldrabbiner im ersten Weltkrieg und Militärrabbiner in der deutschen Bundeswehr«. Herausgegeben vom Arbeitskreis Jüdisches Bingen, Band 13, Bad Kreuznach 2021, 128 S., 5 €

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