Uhr

Minus eine Stunde

Am 31. März werden die Uhren am frühen Morgen eine Stunde vorgestellt. Foto: Getty Images/iStockphoto

An diesem Sonntag, dem 31. März, erleben wir wieder, dass die Uhr in Deutschland auf Sommerzeit umgestellt wird. In dieser Nacht werden die Zeiger um eine Stunde »vorgerückt«: Aus zwei Uhr morgens wird drei Uhr. Der Morgen beginnt früher, der Schlaf wird um eine Stunde verkürzt, aber der Vorteil ist, dass wir von diesem Moment an für sieben Monate in den Genuss längeren Tageslichts kommen.

Die Stunde des verlorenen Schlafes bekommen wir in der Winterzeit wieder zurück, die am Sonntag, den 27. Oktober, beginnt. Dann werden die Zeiger am frühen Morgen eine Stunde »vorgestellt«, von drei auf zwei Uhr. Der Morgen beginnt später, also schlafen wir eine Stunde länger. Aber am Abend des 27. Oktober 2019 ist es eine Stunde früher dunkel.

EU-Parlament Diese Zeitverschiebung wollte die EU- Kommission bereits 2019 abschaffen. Für viele EU-Mitgliedsstaaten erwies sich dieses Vorhaben aber als zu schnell. Nun hat das EU-Parlament am Dienstag beschlossen, den Übergang zwischen Sommer- und Winterzeit erst im Jahr 2021 abzuschaffen. Letztlich soll (nach weiteren Schritten in diesem Prozess) jeder Mitgliedsstaat selbst entscheiden können, ob er in zwei Jahren eine dauerhafte Winter- oder Sommerzeit einführen will.

Die Auswirkungen der Sommerzeit auf den Sederabend sind schon jetzt katastrophal.

Umfrage Bereits im Sommer 2018 hat die EU-Kommission eine Online-Umfrage durchgeführt. 84 Prozent der Teilnehmer waren gegen die Zeitumstellung. 4,6 Millionen Menschen wurden befragt. Frankreich argumentierte anschließend, dass die Teilnehmer hauptsächlich aus einer begrenzten Anzahl von Mitgliedsstaaten stammten. Das ist wahr: Von den 4,6 Millionen Befragten kamen 3,1 Millionen aus Deutschland.

Gegen eine permanente Sommerzeit protestierte bereits der Deutsche Lehrerverband– aus Angst um die Gesundheit der Schüler (und vielleicht auch der Lehrer). Lernprobleme, Depressionen und Diabetes würden enorm zunehmen. Durch den »späten Morgen« würden die Unfallrisiken steigen. Zwei Monate lang müssten sich Millionen von Schülernjeden Morgen noch im Dunkeln auf den Weg zur Schule machen.Auch für das jüdische Leben in Deutschland und in der gesamten EU wäre die Einführung der permanenten Sommerzeit ein echtes Drama. Denken wir nur an das Purimfest, das in der vergangenen Woche begangen wurde.

Purim Am Abend des 20. März (noch zur Winterzeit), zu Beginn des Festes, haben wir nachts die Tatsache gefeiert, dass G’tt uns vor der Intrige Hamans gerettet hat. Aber Nacht wird es erst um halb acht. Das bedeutet, dass wir vorher mit dem Abendgebet beginnen müssen. Das dauert etwa 15 Minuten. Dann lesen wir mit der Gemeinschaft in der Synagoge das Buch Esther, das mindestens eine Dreiviertelstunde dauert. So beginnen die Feierlichkeiten erst um halb neun Uhr abends, aber dann sind die Kinder schon todmüde. Für sie ist schon lange Schlafenszeit, und vernünftige Eltern entscheiden, dass ihre Kinder nach Hause gehen müssen, um eine wohlverdiente Nachtruhe zu finden.

Wegen der Sommerzeit schlafen die Jüngsten schon längst, bevor der Kiddusch das Fest einläutet.

Zugegeben: Kinder freuen sich das ganze Jahr über auf Purim. Das Fest bringt Freude und viel Spaß. Doch wenn wir schon im März Sommerzeit hätten, würde das bedeuten, dass die Party erst um halb zehn beginnt. Für die meisten Kinder ist das einfach viel zu spät. So gäbe es keinen Spaß mehr, und unsere Kinder könnten nicht mehr an der Feier teilnehmen. Es wäre vorbei mit dem Vergnügen, das Fest zu genießen. Für die junge Generation des Judentums wäre einer der Höhepunkte des jüdischen Jahres für immer verloren.

Die Auswirkungen der Sommerzeit auf den Sederabend sind schon jetzt katastrophal. An diesem Pessach feiern wir die Befreiung von der ägyptischen Sklaverei vor 3331 Jahren. Das ist schon lange her, aberweil wir Juden ständig verfolgt werden, bleibt dieses Fest hochaktuell.

»Manischtana« Die Kinder bereiten sich monatelang auf Pessach vor. Während des Sederabends dürfen sie verschiedene Stücke aus der Haggada vorlesen. Der Jüngste der Familie singt das »Manischtana« und fragt auf Hebräisch, was an diesem Abend passiert: »Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten?« Für Eltern und Großeltern gilt dies als der emotionalste Moment des Jahres. Sie sind dann Zeugen, dass ihre Kinder und Enkelkinder die jüdische Tradition fortführen.

Doch wegen der Sommerzeit schlafen die Jüngsten schon längst, bevor der Kiddusch das Fest einläutet. In diesem Jahr feiern wir den Sederabend am 19. April erst etwa ab 21.30 Uhr, wenn es dunkel ist – unterschiedlich je nach Stadt und Land in der EU. Das bedeutet nicht nur, dass die Kinder schon längst schlafen, sondern dass auch viele Bewohner unserer Seniorenheime nicht mehr am späten Sederabend teilnehmen können.

Wir sollten die Uhren das ganze Jahr über um eine Stunde zurückstellen.

Denn nicht alle älteren Menschen bleiben so lange wach. Am ersten Pessach­abend wird die Sederfeier stattfinden, bevor es ganz dunkel wird. Aber um die Regeln für das Pessachfest einzuhalten, dürfen einige Teile erst nach Beginn der Dunkelheit gesagt werden.

Kiddusch Konkret sind das der Kiddusch, der Segen des Sederabends über das erste Glas Wein, das »Jachatz« (das Brechen der mittleren Mazza), »Ha lachma anja« (rezitiert: »Das ist das Brot des Elends«), das »Manischtana«, das Lied »Awadim hajinu («Wir waren Sklaven des Pharaos»), das Essen von Mazza und Maror (bitteres Kraut), das Tischgebet und das Trinken des dritten Glases Wein, das Hallel (Dankgebet), und das Trinken des vierten Glases Wein, die Danksegensprüche und das Lied «Chasal siddur pessach», ein Lied am Ende des Seder.

Ich glaube, nun genug Argumente vorgebracht zu haben, um zu meinem Fazit zu kommen: Ich bin für eine permanente Winterzeit –und das heißt, wir sollten die Uhren das ganze Jahr über um eine ganze Stunde zurückstellen!

Der Autor ist Oberrabbiner der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Dajan beim Europäischen Beit Din und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

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