Mazza

Maschinell oder von Hand?

Im Vergleich: »Maschinen-Mazza« (l.) und handgebackene »Mazza Schmura« (r.) Foto: Getty Images/iStockphoto

Können Sie sich vorstellen, dass jährlich rund 130 Millionen Dollar für Mazza ausgegeben werden? Eine alte Anekdote besagt, dass Mazza deshalb als »Brot der Armut« bezeichnet wird (5. Buch Mose 16,3), weil sie so teuer ist und dem Käufer ein großes Loch in den Geldbeutel reißt.

Diverse Umfragen zeigen, dass heutzutage Pessach und insbesondere das Essen von Mazza an Pessach die Tradition ist, die von den meisten Juden auf der Welt befolgt wird. Allein Manischewitz, eine amerikanische Mazza-Bäckerei, produziert eigenen Angaben zufolge jedes Jahr ungefähr 76 Millionen Mazzot, und sie ist nur eine von vielen.

FABRIK Wir kennen Mazza in zwei verschiedenen Formen: viereckige »Maschinen-Mazza«, hergestellt in einer vollautomatisierten Fabrik, und die mehr oder weniger kreisförmige »Hand-Mazza«, von Menschenhand gemacht.

Heutzutage ist »Maschinen-Mazza« fest in der jüdischen Tradition etabliert. Wahrscheinlich isst der größte Teil der Juden an Pessach keine handgemachte Mazza.

Von Anfang an stand jedoch die maschinell produzierte Mazza in der Kritik, und die Debatte, die anschließend zwischen den Rabbinern des 19. Jahrhunderts entbrannte, spaltete das jüdische Volk. Es gibt in der halachischen Literatur der vergangenen Jahrhunderte kaum ein anderes Thema, über das so viel geschrieben wurde und das sogar innerjüdisch-politische Konsequenzen zur Folge hatte.

INDUSTRIALISIERUNG Alles begann mit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts. Damals machten sich jüdische Ingenieure Gedanken, wie auch das religiöse Leben vereinfacht werden könnte. So erfand 1838 der jüdische Mechaniker Isaac Singer im französischen Ribeauvillé die erste Mazza-Maschine, und die Kunde darüber verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Frankreich und Deutschland.

Mazza wird auch »Brot der Armut« genannt, weil sie so teuer ist und ein Loch in die Börse reißt.

Um zu verstehen, warum diese Erfindung von solch großer Bedeutung und dementsprechend groß auch die Begeisterung war, muss man bedenken, wie schwer die bisherige Herstellung von Mazzot gewesen ist. Die Halacha schreibt vor, dass von dem Zeitpunkt an, da das Mehl mit dem Wasser vermischt wird, bis zu dem Moment, in dem die gebackene Mazza den Ofen verlässt, nicht mehr als 18 Minuten vergehen dürfen.

CHAMETZ Anderenfalls würde der Teig zu Chametz (Sauerteig) werden und wäre somit ungeeignet beziehungsweise verboten an Pessach. Das Vermischen, Zerschneiden, Ausrollen und Backen des Teiges, alles Handarbeit, muss also bei großer Hitze und innerhalb sehr kurzer Zeit verrichtet werden. Entsprechend war die Herstellung von Mazza vor der Erfindung der Maschine sehr zeitaufwendig und teuer.

Mit der Modernisierung dieses Prozesses konnte die Herstellung um ein Vielfaches vereinfacht und beschleunigt werden. Dies sollte zur Folge haben, dass weniger Arbeitskraft für die Herstellung benötigt und der Preis für die Mazza sinken würde. Somit fiel es der ärmeren Bevölkerung leichter, Mazzot zu kaufen, ohne sich auf Almosen und Spenden verlassen zu müssen.

Bereits 1845 soll es in Frankfurt am Main eine Mazza-Maschine gegeben haben. 1852 entstand in Posen die erste Mazza-Fabrik. Und sieben weitere Jahre später erreichte die Erfolgsgeschichte der Mazza-Maschine auch Galizien und die dortigen Rabbiner. Das Jahr 1859 ging, wenn man so will, in die Geschichte ein, weil dieses Jahr den Beginn der anschließenden Debatte markiert. Der Erste, der die Benutzung von »Maschinen-Mazza« verbot, war Rabbiner Schlomo Kluger (1785–1869), Rabbiner von Brody und Autor des halachischen Werkes Chochmat Schlomo, eine der größten halachischen Autoritäten des 19. Jahrhunderts.

Auch Rabbi Chaim Halberstam (1793–1876), Rabbiner von Zans und Autor der Responsen Divrei Chaim, und Rabbi Jizchak Meir Alter (1783–1866) aus Gur teilten die Meinung von Rabbi Schlomo Kluger. Gemeinsam verfassten sie im selben Jahr das Werk Modaah LeBeit Israel (»Warnung an das Haus Israels«), in dem sie ihre Argumente gegen die »Maschinen-Mazza« sammelten.

REFORM Hier die vier Hauptargumente gegen die Verwendung von »Maschinen-Mazza«:
1) Das Rabbinergremium behauptete, die Reformbewegung habe die »Maschinen-Mazza« eingeführt, um die jüdische Tradition zu schwächen oder zu reformieren. Dass die »Maschinen-Mazza« ausgerechnet in Frankreich erfunden wurde, wo die Reformbewegung einen großen Einfluss hatte, war ihrer Ansicht nach eine Bestätigung für ihre Befürchtung.
2) Bei der Mazza-Maschine ist zu befürchten, dass Teigreste an der Maschine kleben bleiben und zu Chametz werden, weil sie nicht innerhalb von 18 Minuten gebacken werden.
3) Außerdem wird für die Mazza Mizwa (Mazza, mit der man am Sederabend seine Pflicht aus der Tora erfüllt) bei der Herstellung die richtige Kawana (Andacht) benötigt (Schulchan Aruch, Orach Chaim Siman 460), und bei der Herstellung mithilfe einer Maschine ist dies nicht gegeben.
4) Die privaten Hand-Mazza-Bäckereien würden infolge der Modernisierung ihren Lebensunterhalt verlieren.

An der Natur und Vielfalt der Argumente erkennt man, dass die Rabbiner bei einer solchen Entscheidung nicht nur Halacha und Haschkafa, also die jüdische Weltanschauung, in Betracht zogen, sondern auch potenzielle gesellschaftliche Auswirkungen berücksichtigten. Aber es gab auch viele prominente Rabbiner, die nicht nur die »Maschinen-Mazza« verteidigten, sondern sie sogar gegenüber der bisherigen »Hand-Mazza« bevorzugten.

Der erste und größte Befürworter der »Maschinen-Mazza« war der Lemberger Rabbi Josef Schaul Nathansohn (1810–1875). An seiner Seite standen Rabbi Avraham Schmuel Sofer (1815–1871), der Ktaw Sofer, Rabbiner von Pressburg, Rabbi Jakov Ettlinger (1798–1871), Rabbiner von Altona und Autor des Werkes Aruch LeNer, und Rabbi Israel Lipschitz (1782–1860), Rabbiner von Danzig und Autor des umfangreichen Mischna-Kommentars Tiferet Israel.

Rabbi Nathansohn verfasste ebenfalls im Jahr 1859 das Werk Bitul Modaah (»Annullierung der Warnung«) als Antwort auf das von Rabbi Schlomo Kluger verfasste Werk Modaah LeBeit Israel, in dem er den Gebrauch von »Maschinen-Mazza« verteidigt und dessen Argumente entkräftet.

DEBATTE Auch in der nächsten Rabbinergeneration setzte sich die Debatte fort, jedoch bekam sie eine ganz neue Struktur. Weil die rabbinischen Gegner der »Maschinen-Mazza« hauptsächlich Chassidim waren und es sich bei den Befürwortern fast ausschließlich um nicht-chassidische Gelehrte handelte, wurde die halachische Debatte zu einem nahezu politischen Konflikt zwischen Chassidim und Mitnagdim, den Gegnern des Chassidismus.

Mit der Modernisierung konnte die Herstellung von Mazza vereinfacht und beschleunigt werden.

Mit der Zeit wurden die Mazza-Maschinen und -Fabriken modernisiert, die Gefahr, dass im Produktionsprozess Chametz entstehen könnte, vermindert. Daher sind auch die heutigen chassidischen Autoritäten davon überzeugt, dass die moderne »Maschinen-Mazza« koscher für Pessach ist. Auch die anderen Argumente, die damals gegen »Maschinen-Mazza« vorgebracht wurden, sind zum größten Teil nicht mehr aktuell. Dennoch sind die Chassidim der ursprünglichen »Hand-Mazza« treu geblieben.

dynastien So kam es, dass heutzutage alle chassidischen Dynastien auf der ganzen Welt an Pessach ausschließlich »Hand-Mazza« essen, während der Rest des jüdischen Volkes, Aschkenasen und Sefarden in Israel und in der Diaspora, auch »Maschinen-Mazza« zu sich nimmt. In manchen Gemeinden ist es Brauch, nur am Seder handgemachte Mazza zu essen und die maschinell produzierte Mazza für den Rest von Pessach zu verwenden, um das Gebot der Tora, am 15. Nissan Mazza zu essen, nach allen Meinungen zu erfüllen.

Wenn Sie also das nächste Mal in Ihre Mazza, egal, ob viereckig oder kreisförmig, beißen, dann können Sie, während Sie diese mühsam kauen, dieses interessante Kapitel der jüdischen Geschichte Revue passieren lassen.

Der Autor ist Rabbiner und lebt in Berlin.

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

Schweiz

Ein Eruv für Zürich

Unsichtbar im Stadtbild, spürbar im religiösen Alltag. Die größte jüdische Gemeinschaft der Schweiz spannt einen symbolischen Faden – und macht jüdisches Leben sichtbarer

von Nicole Dreyfus  20.01.2026 Aktualisiert

Talmudisches

Schlechter Atem als Scheidungsgrund

Was unsere Weisen über Mundgeruch wussten

von Detlef David Kauschke  16.01.2026

Rabbi Schalom Scharabi

Jedes Wort eine Intention

Der jemenitische Raschasch ist in unseren Breitengraden kaum bekannt. Dabei hat er schon im 18. Jahrhundert gelehrt, was auch heute wieder gefragt ist: ganz bewusst zu leben – und zu beten

von Vyacheslav Dobrovych  16.01.2026

Waera

Wahre Größe

Mosche blieb stets bescheiden – und ist damit ein Vorbild an vollkommener Demut

von Aviezer Kantor  15.01.2026

Schemot

Mutige Hebammen

Die Tora lehrt, dass Zivilcourage oft im Verborgenen beginnt – bei Menschen, die keine Chronik nennt

von Rabbiner Joel Berger  09.01.2026

Talmudisches

Fledermaus

Unsere Weisen diskutieren: Handelt es sich um ein Kriechtier unter den Vögeln oder einen Vogel unter den Kriechtieren?

von Rabbinerin Yael Deusel  09.01.2026

Piraten

Ahoi vey!

Entführte Rabbiner und Sefarden auf Kaperfahrt: Ein unbekanntes Kapitel jüdischer Geschichte

von Sophie Goldblum  08.01.2026

Wajechi

Wenn Taten Segen bringen

Wie jeder einzelne Mensch durch sein Tun Engel erschaffen kann

von Vyacheslav Dobrovych  02.01.2026

Talmudisches

Sorge dich nicht!

Was unsere Weisen über den Umgang mit Angst und innerer Unruhe lehren

von Detlef David Kauschke  02.01.2026