Neulich beim Kiddusch

Malheur in der Herrentoilette

Notstand: Acht Torarollen besitzt die Synagoge aber nur eine einzige Toilette. Foto: fotolia

Neulich beim Kiddusch

Malheur in der Herrentoilette

Was einem in der Synagoge alles passieren kann

von Beni Frenkel  12.07.2010 16:50 Uhr

Irgendwann zwischen 10 Uhr und 10.30 Uhr passierte es: Die Toilette funktionierte nicht mehr. Wir waren gerade mitten in der Toralesung, als ein Beter die Nachricht herumreichte. Natürlich schrie er nicht laut: »Die Toilette ist kaputt!«, sondern flüsterte leise seinem Nebenmann zu, dass unten das Wasser überläuft. Der wiederum boxte sachte seinen Nachbarn, und der gab das Malheur weiter. Es dauerte nicht lange, bis alle Kenntnis davon hatten und nun unruhig auf ihren Sitzen wippten.

reissleine Ich hatte Glück. Ich ging schon um 9 Uhr nach unten. Die alte Männertoilette war das Einzige, das bei der Gebäudesanierung vor zehn Jahren unangetastet geblieben war. Über dem Toilettenbecken baumelte eine Reißleine, an der man ziehen musste, um zu spülen. Ich schätze die Konstruktion auf etwa 80 Jahre. Im Winter war die Brille arschkalt.

Nun, die Sache war uns allen peinlich. Aber am Schabbat ließ sich nichts machen. Keiner von uns Betern ist Toilettenprofi. Wenn es zu Hause nicht flutscht, rufen wir den Klempner. Am Schabbat aber ist das nicht erlaubt.

Nun waren wir alle erwachsene Männer, Kinder gab es an diesem Schabbat keine in der Synagoge. Der Gottesdienst würde noch etwa eine Stunde dauern. Der Rabbiner hatte bestimmt auch schon die Nachricht erhalten und sich im Geiste eine Kürzung seiner Schrifterklärung vorgenommen. Um 11 Uhr spürte ich ein Ziehen da unten bei mir. Nun, ich habe eine schwache Blase und reagiere sehr sensibel auf Veränderungen. Verflucht, dachte ich mir, warum haben wir acht Torarollen aber nur eine einzige Männertoilette? Warum spendet niemand eine zweite? Im Namen seiner verstorbenen Schwiegermutter?

Um 11.10 Uhr wurde ich wütend. Herr Korolnik wurde zur Tora aufgerufen und wollte sämtliche seiner elf Enkel namentlich segnen lassen. Dann seine Frau, den Rabbiner, den Vorbeter und schließlich alle anderen Anwesenden. Das dauerte!

Muppetshow Um 11.20 Uhr dachte ich zum ersten Mal an die Frauentoilette. Oben auf der Empore befanden sich nur drei ältere Damen. Sie sitzen nebeneinander und gucken auf uns runter wie Statler und Waldorf, die beiden missmutigen Männer aus der Muppetshow. Was würden die über mich denken, wenn sie mich auf ihrer Toilette stöhnen hörten?

Andererseits die Blase! Es wurde jetzt wirklich immer unbequemer. Ich dachte an die Muslime. Die beten fünfmal am Tag, aber geht es bei ihnen auch so lange? Haben die auch unbarmherzig langsame Kantoren und Menschen, die das Kaddisch wie Kaugummi ausdehnen können?

Da, das letzte Amen! Ich rannte los. Herr Briner kam vom Toilettenraum. »Die ist doch kaputt unten?«, fragte ich ihn quälend. »Nö, wir haben nur ein Problem mit der Lüftung, es stinkt bestialisch.« Das war mir so egal!

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