Talmudisches

Licht ins Dunkel

Chanukkia: jeden Tag eine Kerze mehr Foto: Lydia Bergida

Wenn es auf den Winter zugeht, werden die Tage kürzer und die Nächte länger. Jeder sehnt sich nach mehr Licht, und manche verfallen fast in einen depressiven Zustand. Es scheint, dass dieser Zustand schon in unseren Genen gespeichert ist und seit Beginn der Menschheit existiert.

Die Rabbiner der Antike lehrten: Als Adam (nachdem er aus dem Garten Eden vertrieben wurde) sah, dass die Tage kürzer wurden, sprach er: »Wehe mir, vielleicht wird nun die Welt, weil ich gesündigt habe, verfinstert und wird zurück in Leere und Öde verwandelt; das ist also der Tod, der im Himmel über mich verhängt wurde« (Avoda Sara 8a).

WENDEPUNKT Da stand er auf und fastete acht Tage lang. Als aber der Wendepunkt des Monats Tewet eintrat und er sah, wie die Tage wieder zunahmen, sprach er: »Das ist also der Lauf der Welt.« Da ging er und machte acht Tage zu Festtagen. Und im folgenden Jahr machte er diese und jene (die Tage vor und nach dem Wendepunkt) zu Festtagen. Er hatte sie im Namen des Himmels festgesetzt.

Auch Chanukka ist ein Fest, das acht Tage dauert und mit Licht und Dunkelheit zu tun hat. Wir lesen im Talmud (Schabbat 21b): »Die Mizwa von Chanukka ist eine Kerze für jeden Menschen und seinen Haushalt. (…) Beit Schammai sagt: Am ersten Tag zündet man acht an; von da an nimmt es ab. Und Beit Hillel sagt: In der ersten Nacht zündet man eine an; von da an nimmt es zu.«

Die Rabbanan lehrten: Am 25. Kislew beginnen die Tage des Chanukkafestes. Es sind acht Tage, an denen man weder eine Trauerfeier abhalten noch fasten darf. Als die Griechen in den Tempel eindrangen, verunreinigten sie alles Öl, das im Tempel war. Nachdem die Hasmonäer die Griechen besiegt hatten, fand man nur ein einziges mit dem Siegel des Hohepriesters versehenes Krüglein Öl, das aber lediglich so viel Öl enthielt, dass der Leuchter einen Tag lang brennen konnte. Aber es geschah ein Wunder, und das Öl reichte für acht Tage. Im folgenden Jahr bestimmte man, diese Tage mit Lob- und Dankliedern als Festtage zu feiern.

ähnlichkeiten Es gibt mehrere Ähnlichkeiten zwischen der Beschreibung der Ursprünge von Chanukka und der Geschichte von Adam und der Wintersonnenwende. Chanukka zählt genauso viele Tage, wie Adam zu Festtagen machte. Und beide Geschichten schließen mit der Aussage ab, dass es im folgenden Jahr eine Veränderung gab: Im ersten Jahr fastete Adam während der acht Tage, im zweiten beging er die acht Tage als Festtage. Ähnlich verhält es sich mit den acht Tagen von Chanukka: Ein Jahr, nachdem das Ölwunder geschehen war, wurde festgelegt, dass die acht Tage Festtage sind und das Fasten an ihnen verboten ist.

Und in beiden Fällen geht es um abnehmendes und zunehmendes Licht: In der Adam-Geschichte werden die Tage immer kürzer und dann wieder allmählich länger. Und in der Talmud-Passage über Chanukka streiten Beit Schammai und Beit Hillel darüber, wie die Kerzen angezündet werden sollen: abnehmend oder zunehmend.

Während Chanukka ein besonderes Ereignis in der jüdischen Geschichte markiert, lädt uns die Adam-Geschichte ein, Chanukka auch als Feier einer universellen menschlichen Erfahrung zu verstehen. Adam – der erste Mensch und jeder Mensch – erfährt den Schrecken, von der Dunkelheit verschlungen zu werden. Doch er erlebt die Rückkehr des Lichts.

neuweihung Chanukka, verstanden in Bezug auf die Geschichte von Adam, wird zu einem Feiertag, an dem der Sieg über die Tyrannen, die Neuweihung des Tempels und das Anzünden des winzigen Rests von Öl ein Ereignis von anhaltender Bedeutung in jedem einzelnen Leben und in der universellen Erfahrung der Menschheit bedeuten.

Doch es gibt einen bedeutenden Unterschied zwischen den beiden Geschichten. Am Ende der Geschichte glaubt Adam, dass »die Welt so ist« und dass er und sein Verhalten keinen Einfluss auf die Welt haben. Doch unsere Weisen sagen: Ein kleines Licht kann einen großen Raum erhellen.

Chanukka lehrt uns, dass wir die Ereignisse in der Welt nicht passiv erleben und uns nicht vor Dunkelheit und Ungerechtigkeit erschrecken sollen, sondern dass wir die Welt verbessern und erhellen sollen.

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