Resilienz

Licht ins Dunkel bringen

Foto: Hartung via AI


Wir leben in einer Welt voller Kriege, Konflikte und Herausforderungen. Vielen fällt es schwer, bei all dem Leid an den Feiertagen wahre Freude zu empfinden. Sie fragen sich: Wie kann ich Hoffnung bewahren, wenn um mich herum so viel Dunkelheit herrscht? Darf ich Freundinnen und Freunde einladen, mit ihnen feiern und glücklich sein, während andere nicht einmal mehr ein Zuhause haben?

Chanukka kommt uns da sehr gelegen. Es erinnert uns daran, wie wichtig Resilienz ist. So wird in der Psychologie die Fähigkeit bezeichnet, trotz widriger Umstände Hoffnung, Kraft und Orientierung zu bewahren. Resilienz bedeutet zu Chanukka, Licht in der Dunkelheit zu finden und dieses mit anderen zu teilen. So wie es jüdischer Brauch ist, eine Kerze nie ganz ausgehen zu lassen, sondern andere damit zu entzünden.

Chanukka vermittelt auch historisch die Botschaft von Resilienz und Hoffnung: Es erinnert uns an die jüdische Wiedereroberung des Zweiten Tempels nach der Entweihung durch die Seleukiden und somit an die Befreiung aus der hellenistischen Unterdrückung. Außerdem an das Wunder des Öls, das im wieder eingeweihten Tempel acht Tage lang brannte, obwohl es doch nur für einen Tag ausreichen sollte. Diese Ereignisse lehren uns, dass auch ein kleines Licht Großes bewirken kann.

Chanukka lehrt uns auch in scheren Zeiten an unserer Jüdischkeit festzuhalten

Das Lichterfest findet zwar keine Erwähnung in der Tora, doch im Talmud, Traktat Schabbat 21b, stellen unsere Weisen die Frage: »Was bedeutet das Chanukkafest?« Ihre Antwort: Das Wunder und die Bedeutung von Dankbarkeit und Lobpreisung in dieser Zeit. Chanukka symbolisiert, dass selbst in Zeiten der Zerstörung und Verfolgung Hoffnung aufrechterhalten werden kann und muss. Das Fest lehrt uns das Festhalten an unserer Jüdischkeit auch im Angesicht der Bedrohung. Es beweist, dass wir gerade im Judentum die Kraft finden, um gegen den Druck von außen zu bestehen. Die Geschichte des Judentums ist eine Geschichte von Widerstand, vom Überleben und Überwinden dunkler Zeiten und vom Festhalten an Licht und Leben. Aus dem Mut der Vergangenheit schöpfen wir Mut für unsere Gegenwart.

Das zentrale Symbol von Chanukka ist die Chanukkia, der achtarmige Leuchter. Jeden Abend wird eine weitere Kerze entzündet, bis am achten Tag alle Kerzen brennen. Dieses wachsende Licht steht auch symbolisch für Hoffnung und die Kraft, Dunkelheit und Hass zu überwinden. Es steht dafür, dass unser Licht nicht kleiner wird, wenn wir es teilen, sondern im Gegenteil: Es wird größer! Feiern wir das Lichterfest als Gemeinschaft, dann gibt es uns Kraft. Wir denken an die, die allein sind. Viele von uns empfinden gerade in der Winterzeit Einsamkeit. Umso mehr nach der fehlenden Solidarität der letzten Monate.

Das Licht soll für alle sichtbar sein

Eine Tradition ist es, die Chanukkia gut sichtbar aufzustellen, um das Licht und das Wunder nach außen zu tragen. Dies wird im Talmud ebenfalls beschrieben: »Es ist Gebot, die Chanukkia draußen vor die Tür hinzustellen; wer in einem Obergeschoss wohnt, stelle sie vor das Fenster, das nach der Straße liegt.« Das Teilen des Lichts symbolisiert, wie wichtig es ist, in schönen wie in schwierigen Zeiten sichtbar zu bleiben. Gerade dadurch geben wir auch anderen Hoffnung.

Das Licht der Chanukkia ist also eine Metapher für Resilienz: Es zeigt, wie Jüdinnen und Juden trotz Herausforderungen Licht und Mut bewahren können. Gleichzeitig erinnert es daran, dass wir selbst Lichter füreinander sein können.

In einer Zeit, in der die Welt von Krisen und Kriegen gezeichnet ist und Vorwürfe und Herausforderungen auf uns einprasseln, bietet Chanukka eine inspirierende Botschaft: Es zeigt, wie wir trotz widriger Umstände weiter leuchten können. Resilienz bedeutet nicht, dass Schwierigkeiten verschwinden, sondern dass wir Wege finden, ihnen mit Zuversicht und Standhaftigkeit zu begegnen. Es ist die Fähigkeit, stärker aus einer unerfreulichen Situation hervorzugehen – als Individuum und als Gemeinschaft. Chanukka erinnert uns daran, dass auch kleine Gesten große Wirkung haben können. Ein kleines Licht kann die Dunkelheit durchdringen und anderen Orientierung und Trost bieten. Es ermutigt uns, nicht nur für uns selbst, sondern auch für andere ein Licht zu sein.

Wir können innere Kraft in kleinen, alltäglichen Handlungen tanken. Eine Chanukkia alleine bringt etwas Licht in die Welt, viele Chanukkiot lassen das Judentum hell und stolz erstrahlen. So wie das Öl acht Tage lang brannte, lässt uns Chanukka erkennen, dass selbst in den dunkelsten Momenten ein Funken der Hoffnung genug ist, um Großes zu bewirken.

Die Autorin ist Rabbinatsstudentin am Abraham Geiger Kolleg und macht ihren Master in Jüdischer Theologie.

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