ZAKA

»Leichen dürfen nicht auf dem Tempelberg bleiben«

ZAKA-Chef Yehuda Meshi-Zahav beim Abseiltraining Foto: Flash 90

Herr Meshi-Zahav, Sie haben nach dem Terroranschlag mit zwei getöteten israelischen Polizisten im Juli 2017 auf dem Tempelberg bekannt gegeben, dass ZAKA, die orthodoxe Organisation zur Identifizierung von Unfallopfern, eine Spezialeinheit aus Kohanim gründen will. Was hat das aus halachischer Sicht zu bedeuten?
Es ist das erste Mal seit fast 2000 Jahren, seit der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 n.d.Z., dass Kohanim, also Männer aus Priesterfamilien, einen »Einsatzbefehl« für den Tempelberg bekommen könnten. Zuvor war klar, dass Priester dort nichts zu tun haben, bis der jüdische Tempel wiederaufgebaut wird. Jetzt haben sie eine Aufgabe, wenn – was G’tt verhüte – dort ein Unglück passiert.

Gibt es viele Interessenten?
Ja, es haben sich schon zahlreiche Männer aus Kohanim-Familien für die zukünftige Spezialeinheit gemeldet. Aber wir müssen erst Vorbereitungen treffen. Der Rabbinerrat von ZAKA hat eine halachische Entscheidung getroffen, und wir müssen sie konkret umsetzen. Wir müssen uns zum Beispiel mit den geografischen Gegebenheiten auf dem Tempelberg auseinandersetzen und die verschiedenen Bereiche des früheren Tempels abklären, darunter die der gewöhnlichen Juden, der Leviten, der Kohanim – und das »Kodesch haKodaschim«, das Allerheiligste, das der Hohepriester im Tempel nur einmal im Jahr, an Jom Kippur, betreten durfte. Danach werden wir die Einheit so schnell wie möglich aufstellen.

Was ist dabei zu beachten?
Die Kohanim sollen keine Schuhe tragen und so wenig Kleidung und Gerät wie möglich. Außerdem dürfen sie den Tempelberg nicht mit langen Haaren betreten, und sie müssen vorher in einem Tauchbad untertauchen, und zwar in einer besonderen Mikwe mit Regenwasser. Davon gibt es zwei im jüdischen Viertel in der Altstadt von Jerusalem, und eine weitere an der Schiloach-Quelle. Wir müssen prüfen, ob die Kohanim im Notfall dort sofort untertauchen können, oder ob ZAKA einen Schlüssel für die Mikwaot bekommt. Außerdem müssen wir den Kohanim beibringen, wie ZAKA arbeitet – das heißt, wie man mit Leichen umgeht und Tote identifiziert.

Was passiert, wenn die Zeit nicht zulässt, dass die Kohanim vor ihrem Einsatz die Mikwe aufsuchen?
Wenn uns die Polizei Anweisungen gibt, muss entsprechend gehandelt werden. Im Zweifelsfall gilt der Grundsatz von »Pikuach Nefesch«.

Kohanim dürfen laut dem jüdischen Religionsgesetz keine Toten berühren ...
Das ist richtig, aber hier besteht ein Interessenkonflikt. Einerseits dürfen Priester keine Toten berühren, andererseits darf der Tempelberg nicht durch eine Leiche entweiht werden. Aber den Tempelberg dürfen eben nur Kohanim betreten. Deshalb wurde jetzt entschieden, dass es im Zweifelsfall am wichtigsten ist, die Reinheit des Heiligtums sicherzustellen.

Wie groß soll die neue Einheit werden?
Wir wollen 20 Männer rekrutieren, die in zwei Schichten Bereitschaftsdienst haben – morgens und nachts.

Markiert die Gründung einer Kohanim-Einheit bei ZAKA einen Paradigmenwechsel? An Tischa beAw haben in diesem Jahr mehr als 1300 Juden den Tempelberg besucht, obwohl das orthodoxe israelische Oberrabbinat verbietet, das Heiligtum zu betreten.
Nein, das hat damit nichts zu tun. Die maßgeblichen Rabbiner verbieten den Besuch bis heute. Und wir würden nicht über die Gründung einer Kohanim-Einheit sprechen, wenn alle Juden den Tempelberg betreten dürften.

Einige jüdische Extremisten propagieren den Bau des Dritten Tempels. Ist die Kohanim-Einheit in diesem Zusammenhang zu betrachten?
Nein, überhaupt nicht. Das ist eine Einheit, die ein konkretes Ziel hat. Sowohl Juden wie Muslime sehen den Tempelberg als heilig an. Aber obwohl die Muslime sagen, er sei ihr drittwichtigstes Heiligtum, bringen sie Waffen auf den Tempelberg, schießen und morden. Wir hingegen tun alles, damit dort keine Toten liegen bleiben. Das ist der Unterschied. Es spielt für die Reinheit des Heiligtums übrigens keine Rolle, ob ein Jude, ein Muslim oder ein Terrorist ermordet wurde. Die Leiche darf dort nicht verbleiben.

Sie hoffen sicherlich, dass die Kohanim-Einheit nie zum Einsatz kommt ...
Das weiß man hier nie. Der Tempelberg ist wie ein Vulkan, er steht im Herzen des Konflikts. Alles kann sehr plötzlich passieren.

Mit dem Gründer der israelischen Organisation ZAKA sprach Ayala Goldmann.

Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Unsere Autorin ist in dem Kibbuz aufgewachsen, der durch das Massaker traurige Bekanntheit erlangte. Eines der prägendsten Feste ihrer Kindheit war das Wochenfest – wird jene Freude je wieder zurückkehren?

von Eshkar Eldan Cohen  21.05.2026

Schawuot 2

Mit offener Hand

Das Gebot des Zehnten ist weit mehr als eine soziale Maßnahme. Es ist eine geistige Übung

von Rabbiner Joel Berger  21.05.2026

Jerusalem

Auf den Spuren der Pilger

Seit Januar kann man auf jener Straße gehen, auf der zu Schawuot einst Juden ihre Früchte zum Tempel brachten. Die Ausgrabungen bekräftigen religiöse Überzeugungen – und entfachen politische Konflikte

von Detlef David Kauschke  21.05.2026

Schawuot

Sei wie ein kleiner Berg

Der Ewige wählte nicht den höchsten Gipfel der Wüste Sinai für die Offenbarung der Tora. Dahinter steckt eine Botschaft

von Rabbiner Avraham Radbil  21.05.2026

Religionen

Rabbiner: Juden, Christen und Muslime können einander stärken

Der Nahostkrieg hat auch Auswirkungen auf Gesellschaften in Europa und den USA. Ein niederländischer Rabbiner schreibt, was Juden, Christen und Muslime dennoch einander bedeuten können - und welche Werte sie teilen

von Leticia Witte  21.05.2026

Interreligiöser Dialog

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen mehr Austausch

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen sich intensiver austauschen. Am Mittwoch kamen Delegationen in Berlin zusammen, um einen festen Turnus festzulegen

 20.05.2026

Fest

Magdeburger Synagogen-Gemeinde hat neue Torarolle eingeweiht

Mit dem Fest der Toravollendung konnte die neue Torarolle der Magdeburger Synagogen-Gemeinde eingeweiht werden. Traditionell wurden die 5 Bücher Mose von einem Sofer genannten Schreiber in Israel angefertigt

von Thomas Nawrath  20.05.2026

Konflikt

»Große Irritation« nach Gründung eines neuen liberalen Rabbinatsgericht

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin und die Union progressiver Juden haben ein Beit Din gegründet. Die Allgemeine Rabbinerkonferenz kritisiert den Schritt als »Spaltungsmanöver«

von Mascha Malburg  19.05.2026

Klang

Ewiges Nachhallen

Warum die Israeliten in die Stille der Wüste ziehen mussten, um das Wichtigste zu hören

von Rabbiner Jaron Engelmayer  17.05.2026