Corona

Leben ist heilig

Hygiene- und Abstandregeln in der Frankfurter Synagoge Westend Foto: Rafael Herlich

Corona

Leben ist heilig

Seit einem halben Jahr beherrscht uns das Virus. Wir haben inzwischen gelernt, wie wir uns und andere schützen können

von Rabbiner Avicha Apel  30.07.2020 11:32 Uhr

Halsschmerzen, Schüttelfrost, Gliederschmerzen: Über diese Symptome klagte ein Mitarbeiter des Autozulieferers Webasto in Stockdorf bei München. Er hatte Kontakt zu einer Kollegin aus China gehabt, die nach ihrer Rückkehr in die Heimat positiv auf das Coronavirus getestet wurde.

Am 27. Januar erreichte uns die Nachricht, er sei der Erste, der sich in Deutschland mit dem neuen Virus infiziert hat – »Patient 1«.
Das liegt jetzt ein halbes Jahr zurück. Damals hielten viele – auch Mediziner und Politiker – die alarmierenden Meldungen über mögliche Auswirkungen und Ansteckungsgefahren für übertrieben.

krankheit Die Sicht auf die neue Krankheit ist inzwischen eine andere – eine ganz andere. Weltweit haben sich fast 17 Millionen Menschen infiziert, mehr als 660.000 sind an Covid-19 gestorben. Nicht zuletzt aus Israel und den USA gibt es besorgniserregende Meldungen.

In Deutschland scheinen wir noch recht glimpflich durch die Pandemie zu kommen. Aber auch bei uns sind mehr als 9000 Opfer zu beklagen, viele Menschen sind erkrankt oder leiden an den Folgen, die Wirtschaft ist nach dem mehrwöchigen Lockdown schwer angeschlagen, etliche müssen um ihre Existenz fürchten.

Das Virus hat die Welt verändert, die Realität jedes Einzelnen.

Das Virus hat die Welt verändert, die Realität jedes Einzelnen. Auch das jüdische Leben ist nicht mehr das, was es einmal war. Wer hätte sich vorstellen können, dass es eine Mizwa ist, nicht zum Gebet in die Synagoge zu gehen? Wer hat geahnt, dass der jüdische Staat die Grenzen weitestgehend dichtmacht und Juden aus der Diaspora nicht mehr nach Israel einreisen dürfen? Ein halbes Jahr Corona: Dieser Moment ist dazu geeignet, innezuhalten, darüber nachzudenken, was wir derzeit erleben und wie wir es verstehen können.

freiheitsrechte Der ehemalige britische Oberrabbiner Jonathan Sacks hat kürzlich daran erinnert, dass die Pandemie eine Reihe grundlegender moralischer und politischer Fragen aufgeworfen hat. Wie weit sollen Regierungen gehen, um die Verbreitung des Virus aufzuhalten, inwieweit können dabei Freiheitsrechte eingeschränkt werden? Wie weit dürfen Einschränkungen der Wirtschaft reichen, wenn Konkurse, Massenarbeitslosigkeit und riesige Schuldenberge die Folge sind?

Bemerkenswert ist, dass die überwiegende Mehrheit der Regierungen in aller Welt dieselben Maßnahmen ergriffen hat: Social Distancing, also Abstand halten, Maskenpflicht und ein Lockdown während der Phase der höchsten Infektionsraten. Nicht der ökonomische Aspekt, sondern der Erhalt des Lebens stand an erster Stelle. Ganz im Sinne der talmudischen Idee (Sanhedrin 4,5): »Wer auch nur eine Seele rettet, rettet die ganze Welt.«

Nicht der ökonomische Aspekt, sondern der Erhalt des Lebens stand
an erster Stelle.

Anders verhielt es sich in der Geschichte. Rabbi Sacks verweist auf den Turmbau zu Babel oder die ägyptischen Pyramiden, die Millionen Toten unter Stalin oder dem kommunistischen Regime Chinas. »Die Tatsache, dass praktisch alle Nationen angesichts der Pandemie das Leben gewählt haben, war ein bedeutender Sieg für die Ethik der Tora in Bezug auf die Heiligkeit des Lebens«, schreibt Rabbi Sacks.

einwand Zugleich erwähnt er aber den Einwand derer, die argumentieren, dass angesichts der Corona-Bedrohung überreagiert werde. Dass nicht nur der Eingriff in die Freiheit jedes Einzelnen unvertretbar, sondern womöglich auch der Preis, den Gesellschaft und Wirtschaft zahlen müssten, zu hoch sei.

Die Folgen der Heilung seien schlimmer als die der Krankheit. Es gebe in dieser Hinsicht keine absoluten Werte. Das Leben stehe eben doch nicht über allem, wenn beispielsweise Autos, die jährlich Tausende Menschenleben fordern, im Straßenverkehr zugelassen sind.

Der Talmud kennt noch andere ethische Dilemmas. Dort wird zum Beispiel (Baba Metzia 62a) von zwei Menschen erzählt, die in der Wüste verloren waren, aber nur einen Krug Wasser hatten. Sollte also nur einer trinken und überleben, oder sollten sich beide das Wasser teilen und sterben? Unsere Weisen waren unterschiedlicher Meinung, wobei Rabbi Akiva die mehrheitlich akzeptierte Auffassung vertrat, dass der, dem der Krug Wasser gehört, trinken sollte. Wir müssen unserem Nächsten helfen, aber nicht auf Kosten unseres eigenen Lebens.

Wir wissen, was auch in den kommenden Wochen und Monaten zu tun ist.

konsequenzen Kommen wir zurück zur Pandemie. Wir haben gelernt, wie wir das Leben anderer schützen und womöglich retten können: Abstand halten, Maske tragen, Quarantäneregeln einhalten. Es sind schwere Einschränkungen mit weitreichenden Konsequenzen. Aber sie sind alternativlos, wenn wir uns entsprechend der Tora verhalten, die uns immer wieder verdeutlicht, dass wir das Leben heiligen sollen.

Daher wissen wir, was auch in den kommenden Wochen und Monaten zu tun ist. Und wir sind im Vertrauen auf Gott, der uns mit jeder Krankheit bereits die Medizin gegeben hat – die in Bezug auf Covid-19 hoffentlich zeitnah allen zur Verfügung stehen wird –, der Überzeugung, dass diese Pandemie ihre Schrecken bald verlieren wird. Wir sollten nicht blauäugig darauf vertrauen, dass alles wieder so wird, wie es vor einem halben Jahr war. Aber wir dürfen auch nicht die Hoffnung verlieren, dass sich alles zum Besseren wendet.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt/Main und Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

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