Mischpatim

Learning by doing

Es gibt unzählige Wege, die heilige Stimme Gottes zu hören. Foto: Getty Images/iStockphoto

Im Wochenabschnitt Mischpatim (Vorschriften, Gesetze) stoßen wir auf eine Redewendung, die für die Tora typisch ist: »Na’ase wenischma« – Wir werden es tun und hören (2. Buch Mose 24,7).

So prominent diese Äußerung der Kinder Israels auch ist, lässt sie uns doch nach ihrer tieferen Bedeutung fragen. Im Talmud finden wir dazu zwei Erklärungen. Die eine besagt, dass das Volk Israel sich in großer Aufregung befand, als es am Sinai stand. Die Israeliten konnten es gewissermaßen nicht erwarten, mit Gott in den Bund zu treten. Bevor sie überhaupt eine Mizwa vernommen hatten, versprachen sie in vorauseilendem Gehorsam: »Was auch immer der Ewige von uns fordert, wir wollen es tun und hören!«

Wir Menschen erfahren Gott auf sehr verschiedenen Wegen und vielfältige Weisen.

Während sich Raschi (1040–1105) diese Erklärung zu eigen macht, lehnen seine Kollegen Ibn Esra (1089–1167) und der Ramban (1194–1270) diese Interpretation ab. Sie erklären sich den Satz schlicht und einfach im Wortsinn: Die Israeliten hätten damals ganz bewusst ihre Zustimmung gegeben.

Dagegen äußert Rabbi Awdimi bar Chama im Talmud die Meinung: Gott habe das Volk Israel gezwungen, die Tora in dieser Weise anzunehmen. Anderenfalls hätte Er gedroht, die Israeliten noch am Fuße des Horeb zu ertränken.

EINSICHT Ein tieferes Verständnis unseres Satzes gewinnen wir eher, wenn wir uns seinem Wortlaut zuwenden. Das Wort »nischma« (hören) bedeutet verstehen. »Wir machen und hören« heißt dann: Indem wir die Gebote Gottes ausführen, werden wir sie verstehen.

Dieses Verständnis bietet uns die grundlegende Einsicht der jüdischen Art und Weise, die Mizwot in unser Leben zu integrieren. Erst das Tun der Gebote eröffnet uns ihr Verständnis – ganz nach dem Motto »Learning by doing«. »Na’ase wenischma« bedeutet dann: Wir werden es tun, und aufgrund der gesammelten praktischen Erfahrung werden wir verstehen.

Der menschlichen Natur läuft diese Herangehensweise bis heute eher zuwider. Der Mensch will zuerst einmal wissen, worauf er sich einlässt, ehe er einen Bund oder Vertrag eingeht. Welche Risiken und Nebenwirkungen sind damit verbunden? Was steht im Kleingedruckten? Welche Vor- und Nachteile ergeben sich mit dem Entschluss, eine Ehe einzugehen? Bevor man zum Beispiel seine Unterschrift unter einen Vertrag zum Kauf eines Hauses setzt, will man abschätzen, welche finanziellen Belastungen damit auf einen zukommen.

BUND Erhellend ist es auch, sich mit der wiederholten Erwähnung dieses Ausspruchs im 2. Buch Mose zu beschäftigen. Dreimal bestätigen die Kinder Israel ihren Bund mit Gott. Zunächst heißt es: »Und alles Volk antwortete einmütig und sprach: Alles, was der Ewige geredet hat, wollen wir tun« (19,8). In 24,3 lesen wir: »Mosche kam und sagte dem Volk alle Worte des Ewigen und alle Rechtsordnungen.

Da antwortete das gesamte Volk mit einer Stimme: Alle Worte, die der Ewige gesagt hat, wollen wir tun.« Bei diesen beiden geschilderten Reaktionen fallen die Geschlossenheit und Einstimmigkeit des Volkes auf.

Nur wenig später in 24,7 mischt sich ein Unterton bei. Nun heißt es nicht nur klipp und klar: Wir wollen alles tun, was der Ewige geredet hat, sondern es kommt zu diesem Zusatz »und hören«. Hier deuten sich Differenzen innerhalb des Volkes an.

Mit dem Wort »hören« verbinden sich verschiedene Bedeutungsebenen. Zunächst kann es ganz schlicht und einfach heißen: Man nimmt ein Geräusch wahr, man hört eine Stimme, einen Befehl. Kommt es zu einem differenzierten Hören, dann geht es darum, dass man zuhört, auf etwas achtet, verstehen und Antwort geben will. Im Hören und Empfangen eröffnen sich verschiedene, individuelle Möglichkeiten.

HALACHA Das Judentum ist jedoch vom Code der Halacha bestimmt. Die Gemeinde ist primär definiert als eine Gemeinschaft der Tat, nicht der Hörenden. Das Hören ergänzt die Tat, es bringt die spirituelle, persönliche Komponente ein. In diesem Bereich gibt es keine Norm.

Der Tanach ist ein beredtes Zeugnis, was die Vielfalt und Verschiedenartigkeit des spirituellen Zugangs zu Gott im Judentum angeht. So beinhaltet die Tora verschiedene literarische Gattungen wie Anekdoten, Visionen, Geschichtserzählungen und Mizwot, Anweisungen für kultische Zeremonien und Gebete.

Es gab Priester und Propheten. Und unter diesen spricht Jeschajahua mit einer anderen Stimme zu uns als Jecheskel. Mischle, das Buch der Sprüche, eröffnet uns wiederum eine ganz andere spirituelle Welt, als es Amos und Hoschea tun. Und heute begegnen uns Rationalisten und Mystiker, Philosophen und Dichter.

Es fällt auf, dass die Tora dem Juden vorgibt, was er tun und wie er sich verhalten soll – aber wir finden nur wenige Angaben darüber, wie wir denken und fühlen sollen.

Es ist offensichtlich: Wir Menschen erfahren Gott auf sehr verschiedenen Wegen und vielfältige Weisen, sei es in der Natur, in Begegnungen mit anderen Menschen oder in Dingen der Liebe. So sagt Rabbi Akiva: Wenn Mann und Frau es schaffen, als Paar zu existieren, wohnt die Schechina, die göttliche Präsenz, bei ihnen.

Andere finden Gott, während sie Tora lernen. Wie geschrieben steht: »Wir freuen uns, in den Dingen deiner Tora (…), denn diese Dinge sind unser Leben und die Verlängerung unserer Tage, und diese Dinge werden wir Tag und Nacht wiederholen.« Wieder andere begegnen Gott im Gebet, manche, wenn sie tanzen und singen, oder in der Reue eines gebrochenen Herzens.

universum Es gibt unzählige Wege, die heilige Stimme Gottes zu hören, in der Synagoge, an einem heiligen Ort, dem Grab eines Zaddiks, oder wenn sich der Mensch der unendlichen Größe des Universums bewusst wird und sich dabei fragt: »Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?« (Tehillim 8).

Wir können den Ewigen überall erfahren: auf dem Gipfel eines Berges, in der Tiefe unseres Lebens, in der Einsamkeit und der Gemeinschaft, in Liebe und Furcht, in der Dankbarkeit, in einem lichten und in einem dunklen Herzen. Wenn wir ihn brauchen, werden wir ihn finden. Doch manchmal findet er uns, wenn wir ihn gar nicht erwarten.

Das ist der Unterschied zwischen »na’ase wenischma«, zwischen machen und hören: Was Gott uns befiehlt, das tun wir gemeinsam. Seine Stimme und Anwesenheit nehmen wir dagegen auf ganz unterschiedlichen Kanälen wahr, individuell und persönlich. Jeder und jede begegnet Ihm auf seinem und ihrem Weg.

Der Autor ist Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

Inhalt: Mischpatim
Der Wochenabschnitt wird auch als Buch des Bundes bezeichnet. Hier geht es um Gesetze, die das Zusammenleben regeln. Der zweite Teil besteht aus Regelungen zur Körperverletzung, daran schließen sich Gesetze zum Eigentum an. Den Abschluss der Parascha bildet die Bestätigung des Bundes. Am Ende steigen Mosche, Aharon, Nadav, Avihu und die 70 Ältesten Israels auf den Berg, um den Ewigen zu sehen.
2. Buch Mose 21,1 – 24,18

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