Schofar

Klang der Hoffnung

Foto: Getty Images/iStockphoto

Rosch Haschana ist der Tag des Posaunenschalls. »Und im siebenten Monat am Ersten des Monats sollt ihr heilige Versammlung haben; keine Arbeitsverrichtung sollt ihr tun; ein Tag des Posaunenschalls sei es euch«: So steht es in der Tora (4. Buch Mose 29,1). Unsere Weisen haben es zu einer religiösen Pflicht erklärt, einer Mizwa, am Neujahrstag die Töne des Widderhorns zu hören.

Rosch Haschana ist der Tag, an dem wir G’tt krönen. Wir sprechen von Melech in der Gegenwart, Malach in der Vergangenheit und Imloch in der Zukunft. Und wir beten zu unserem Vater, von dem wir wissen, dass er uns ständig begleitet und uns seine volle Aufmerksamkeit schenkt.

gericht Rosch Haschana ist zugleich der »Jom HaDin«, Tag des Gerichts. Es geht um unser Schicksal und das der gesamten Menschheit. In dieser besonderen Zeit soll uns der Ton des Schofars an die Ernsthaftigkeit dieser Situation erinnern und uns zur Teschuwa, zur Rückkehr zu G’tt, ermahnen. Der Prophet Amos (3,6) fragt: »Oder wird in die Posaune gestoßen in der Stadt, und das Volk sollte nicht erschrecken?«

Der Ton des Schofars wird in der Tora als »Terua« dreimal erwähnt. So haben unsere Weisen entschieden, dass drei verschiedene Klänge zu hören sein müssen. Daraus wurde im Lauf der Jahrhunderte die Tradition, Tekia, Shewarim und Terua zu unterscheiden. Und so folgte auch die Anweisung, dass mit drei Sätzen von je zehn Tönen die religiöse Pflicht erfüllt ist.
Der Ton des Schofars kann, neben dem Ruf zur Umkehr, zusätzlich noch etwas anderes vermitteln, etwas, was wir angesichts von Schlagzeilen zu Covid-19 und den tragischen Folgen der Pandemie in Israel und aller Welt dringend brauchen: Hoffnung.

Der ehemalige britische Oberrabbiner Jonathan Sacks hat die Hoffnung als einen der größten jüdischen Beiträge zur westlichen Zivilisation bezeichnet. Er nennt das Judentum »die Stimme der Hoffnung«. Während in Kulturen der Antike die Menschen höchstens glaubten, dass ihre Götter in Bezug auf ihre Existenz bestenfalls indifferent, im schlimmsten Falle bösartig waren, sehe die moderne Gesellschaft das menschliche Leben als Ergebnis von reinen Zufällen.

Der Ton des Schofars soll zur Umkehr, zur Teschuwa, mahnen.

Währenddessen sei sich das Judentum bewusst, so Rabbi Sacks, dass die Realität, die dem Universum zugrunde liege, »für unsere Gebete nicht taub, für unsere Bestrebungen nicht blind und für unsere Existenz nicht gleichgültig ist«. So wie Mosche dem Volk Israel versprochen hat, dass es auch nach dem schlimmsten Leid nicht verloren gehen wird, sei keine Niederlage endgültig, kein Exil endlos, keine Tragödie das letzte Wort der Geschichte.

Hatikwa In diesem Zusammenhang verweist Rabbi Sacks auf das Gedicht von Naphtali Herz Imber, das sich beinahe prophetisch mit den biblischen Worten verbunden habe und zum Text der israelischen Nationalhymne wurde: »Od lo avda tikvatenu«, unsere Hoffnung ist noch nicht verloren. Durch Hoffnung, so Rabbi Sacks weiter, überwinden die Menschen die Schwierigkeiten eines bestimmten Hier und Jetzt.

So, wie es König Schlomo in Kohelet (9,4) ausdrückte: »Wer irgend noch verbunden ist mit dem Lebendigen, hat Hoffnung.« Während der Zehn Tage der Umkehr werden wir an die Strafen erinnert, die Sünder erwarten, die keine Teschuwa machen.

Zugleich wird ein anderer Weg gezeigt. Der Ton des Schofars mahnt zur Umkehr. Während der Schofarklänge hören wir in der Rosch-Haschana-Liturgie auch diese Worte: »Führe uns mit Liedern nach Zion, Deiner Stadt, mit Liedern und nach Jerusalem, der Heimat Deines alten Tempels, mit immerwährender Freude!«

Es ist kein Zufall, dass die Nationalhymne des jüdischen Staates den Titel »Hatikwa« – Hoffnung – trägt. Der Schofar ist ein Symbol dieser Hoffnung. In diesem Sinne können wir einem glücklichen und gesunden neuen Jahr entgegensehen – voller Hoffnung.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt/Main und ORD-
Vorstandsmitglied.

9/11

Suche nach Gewissheit

Auch 25 Jahre nach dem Terror sind noch nicht alle Opfer eindeutig identifiziert. Das stellte jüdische Gelehrte vor halachische Fragen – neben dem großen Ringen um eine religiöse Erklärung für die Katastrophe

von Rabbiner Dovid Gernetz  08.09.2026

Talmudisches

Sitzen

Was unsere Weisen über das Verharren auf Stuhl, Sessel und Sofa lehrten

von Detlef David Kauschke  04.09.2026

Nizawim–Wajelech

Geheimnis des Neubeginns

Die Rückkehr zum Ewigen ist ein tiefgreifender Prozess – für den Einzelnen und das ganze Volk

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  03.09.2026

Interview

»Meine Musik soll Herzen öffnen«

Motty Steinmetz ist in der orthodoxen Welt ein Superstar. Sein Großvater überlebte Auschwitz, nun tritt er zum ersten Mal in Deutschland auf. Wir haben mit dem chassidischen Sänger gesprochen

von Jan Feldmann, Mascha Malburg  02.09.2026

Ki Tawo

Demut ist größer als Erfolg

Was die Tora über Dankbarkeit, Besitz und den respektvollen Umgang mit anderen lehrt

von Rabbiner Elie Dues  28.08.2026

Rezension

»Eine ziemlich dramatische Zeit«

Rabbiner Walter Rothschild wäre beinahe an einer Infektion gestorben – nun hat er über den Kampf um sein Leben geschrieben

von Detlef David Kauschke  28.08.2026

Talmudisches

Die Folgen des Hasses

Was unsere Weisen über die Konsequenzen aus Feindschaft und Groll lehrten

von Chajm Guski  27.08.2026

Schule

Jüdisch alphabetisiert

Zum ersten Mal seit der Schoa entstehen in Deutschland Arbeitsbücher für den jüdischen Religionsunterricht. Der erste Band widmet sich der Tora und ist nun erschienen

von Mascha Malburg  25.08.2026

Einspruch

Jeden Tag neu

Rabbinerin Ulrike Offenberg erinnert daran, dass im Elul alle Verantwortung tragen, sich selbst zu verändern

von Rabbinerin Ulrike Offenberg  25.08.2026