Lesezyklus

Keine drei Tage ohne Tora

Zur Alija aufgerufener Beter Foto: Getty Images/iStockphoto

Lesezyklus

Keine drei Tage ohne Tora

Wann in der Synagoge aus der heiligen Schrift vorgelesen wird, steht bereits seit Jahrtausenden fest

von Rabbiner Avraham Radbil  15.02.2024 10:51 Uhr

Kürzlich habe ich an dieser Stelle erklärt, wie sich ein Betender verhält, wenn er zur Tora aufgerufen wurde. Aber wann lesen wir aus der Tora, und wer hat die Abschnitte, zu denen die Betenden aufgerufen werden, ursprünglich festgelegt?

Die Gliederung des Tora-Lesezyklus wurde bereits größtenteils von Mosche Rabbeinu eingeführt. Der Überlieferung nach verfügte er, dass die Tora am Schabbat sowie am Montag- und Donnerstagmorgen gelesen werden soll. Der Abstand war bewusst gewählt, um sicherzustellen, dass die Gemeinde nicht drei Tage lang ohne die Worte der Tora bleibt.

Auch die Anzahl der gelesenen Abschnitte, also der Alijot, wurde von Mosche festgelegt: sieben am Schabbat-Morgen und drei an den Wochentagen. Später ergänzte Esra, der aus Babylon nach Jerusalem zurückkehrte, den Tora-Lesezyklus und führte die Lesung am Schabbat-Nachmittag hinzu. Von diesem Zeitpunkt an war es verboten, zu jeder anderen Zeit eine öffentliche Tora-Lesung durchzuführen, die Alijot und die dazugehörigen Segnungen beinhaltete.

Es gibt jedoch eine alternative Version, die lehrt, dass Mosche eingeführt hat, dass die Tora am Schabbat, an Feiertagen, an Rosch Chodesch und Chol Hamoed gelesen wird, und Esra den Montag- und Donnerstagmorgen sowie den Schabbat-Nachmittag hinzufügte.

Im Gegensatz zur Megillat-Esther-Lesung an Purim, bei der es wichtig ist, dass jede Person darauf achtet, jedes Wort der Lesung zu hören, unterliegen die regulären Tora-Lesungen einer etwas anderen Gerichtsbarkeit. Den meisten Rabbinern zufolge obliegt die Verpflichtung, die Tora zu lesen, eher der Gemeinschaft als dem Einzelnen. Daher ist es zwar wichtig, jedem Wort der Tora-Lesung Aufmerksamkeit zu schenken, man muss jedoch nicht eine andere Gemeinde aufsuchen, wenn man mehrere Wörter oder sogar einen ganzen Abschnitt der Lesung verpasst hat.

Für den Fall, dass eine Gemeinde an einem bestimmten Schabbat-Morgen nicht in der Lage war, die Tora zu lesen, soll sie den versäumten Abschnitt am nächsten Schabbat, zusammen mit dem für diese Woche vorgesehenen Abschnitt nachholen. Es versteht sich von selbst, dass es verboten ist, zu reden, während die Tora gelesen wird.

Alle Abschnitte, die gelesen werden, sind natürlich wichtig, und jede Alija, also jeder Aufruf zur Tora, ist eine Ehre. Die prestigeträchtigste Alija jedoch, die man erhalten kann, ist die letzte der jeweils fünf Bücher der Tora.

An einem regulären Schabbat ist die sechste Alija besonders ehrenvoll, gefolgt von der dritten. An einem Schabbat, an dem eine herausragende Textstelle gelesen wird, wie beispielsweise die Zehn Gebote oder die Opferung von Jizchak, ist es entsprechend ehrsam, zu diesen Abschnitten aufgerufen zu werden. Die erste Alija soll an einen Kohen und die zweite an einen Levi vergeben werden. Falls kein Levi vorhanden ist, bekommt der Kohen beide erste Alijot. Falls kein Kohen vorhanden ist, bekommt der Levi entweder die erste oder gar keine Alija.

Nahe Verwandte (Vater, Sohn oder zwei Brüder) sollten nicht unmittelbar hintereinander zur Tora aufgerufen werden. Wer zur Bima aufgestiegen ist, nachdem er zu einer Alija aufgerufen wurde, ohne zu wissen, dass ein naher Verwandter die vorherige Alija erhalten hat, sollte aber die Alija annehmen und wie gewohnt fortfahren.

Sowohl der Leser als auch der Aufgerufene müssen beim Lesen der Tora stehen und sollten daher darauf achten, sich nicht auf den Schulchan, das Vorlesepult, zu stützen. Außerdem sollte noch eine dritte Person bei der Tora stehen. Zusammen repräsentieren diese drei Gʼtt, Mo­sche und das jüdische Volk. Es gibt einige Diskussionen darüber, ob jemand, der an einen Rollstuhl gebunden ist oder sonst aus irgendwelchen Gründen nicht stehen kann, eine Alija erhalten darf. Obwohl die Angelegenheit alles andere als einfach ist, scheint der Brauch, nachsichtig zu sein. Ein blinder Mensch kann übrigens ebenfalls zur Tora aufgerufen werden. Schließlich sollen alle Juden die Heiligkeit, der Tora aus nächster Nähe zu lauschen, genießen können.

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