Teschuwa

Jederzeit neu anfangen

Wir haben jederzeit die Möglichkeit, unser Leben positiv zu verändern. Foto: Getty Images

Teschuwa

Jederzeit neu anfangen

Warum Umkehr zu einem besseren Leben auch nach Jom Kippur noch möglich ist

von Rabbiner Jehoschua Ahrens  15.09.2021 08:17 Uhr

Im Gegensatz zu Jom Kippur haben wir uns auch dieses Jahr auf Rosch Haschana gefreut, auf ein Neujahrsfest mit gutem Essen und nettem Beisammensein in der Familie oder mit Freunden. Dabei haben wir aber vergessen, dass Rosch Haschana eigentlich gar kein so leichter Feiertag ist. Auch wenn wir uns ein süßes Jahr gewünscht haben, waren die Themen des Tages sehr ernst.

Wir stehen jedes Jahr an Rosch Haschana vor unserem Schöpfer und König. Es wird über uns und unsere Taten gerichtet. Es geht wortwörtlich um eine Entscheidung zwischen Leben und Tod. Was viele gar nicht wissen: Eigentlich ist Jom Kippur der fröhlichere Tag.

feststimmung Rabbeinu Jona spricht in Scha’arei Tschuwa 4,9 von Jom Kippur als Freudentag, Rabbeinu Jonatan in seinem Kommentar zu Rif Eruwin 10b von Feststimmung, und Raw Achai Gaon vergleicht (in Schiltot 15) Jom Kippur mit den äußerst ausgelassenen Wallfahrtsfesten. Die Mischna (Taanit 4,8) vergleicht Jom Kippur sogar mit Tu Beaw (also nicht Tischa Beaw!), mit dem 15. Aw, dem jüdischen »Valentinstag«.

Was viele nicht wissen: Jom Kippur ist ein fröhlicherer Tag als Rosch Haschana.

Man kann aus der Mischna die große Fröhlichkeit herauslesen, mit der Jom Kippur begangen werden soll. Diese Fröhlichkeit spiegelt sich übrigens teilweise auch in den Melodien zur Jom-Kippur-Liturgie wider, beispielsweise in der sefardischen Version des Kol Nidrei oder des aschkenasischen Al-Chet-Gebets.

ERLASSE Der Grund für diese Freude an Jom Kippur ist, dass unsere Verfehlungen letztendlich vergeben werden und wir unbeschwert ins neue Jahr starten können. An Jom Kippur wurden auch die Schabbat- und Jubeljahre verkündet, das heißt, Schulden wurden erlassen, Land zurückgegeben und Schuldknechte kamen frei.
Dabei ist wichtig, dass der Prozess der Sündenvergebung und Versöhnung an Jom Kippur abgeschlossen wird und nicht erst hier beginnt. Die Teschuwa, der Prozess der Buße und Umkehr, sollte im Idealfall ein konstanter Begleiter jedes Menschen sein.

Der Rambam (Maimonides) schreibt in seiner Mischne Tora, wie wundervoll doch Teschuwa ist: »einen Tag noch ist der Mensch getrennt von G’tt, wie es beim Propheten Jeschaja heißt: ›Deine Missetaten haben dich von G’tt getrennt‹, und schon im nächsten Moment kann er mit G’ttes Gegenwart verbunden sein, wie es in der Tora heißt: ›Du bist G’tt dem Ewigen, deinem G’tt, für immer verbunden.‹«

Wir haben also jederzeit die Möglichkeit, neu anzufangen und unser Leben positiv zu verändern. Jeden Tag, wenn wir die Amida – das Hauptgebet – sagen, rezitieren wir unter anderem die Bracha für die Teschuwa. Und dort heißt es am Schluss: »Gelobt seist Du, Ewiger, der Wohlgefallen hat an der Rückkehr.«

TORE G’tt wünscht sich also unsere Teschuwa, wir müssen nur ein bisschen guten Willen zeigen. Der Midrasch erklärt uns, dass wenn wir uns für G’tt öffnen, und wenn es nur ein bisschen ist, so klein wie ein Nadelöhr, dann wird G’tt die Tore des Himmels für uns weit öffnen. Es muss nur einmal »Klick« bei uns machen, und wir müssen ehrliche Reue für das empfinden, was wir falsch gemacht haben. Jede und jeder von uns kann das – jederzeit.

Die Realität ist leider oft eine andere. Wir sind so in unseren Alltag eingebunden, mit seiner Hektik und den vielen Aufgaben und Tätigkeiten, dass wir kaum zu einer gründlichen Selbstreflexion kommen, die für echte Teschuwa unerlässlich ist.
Deshalb wird uns eine Zeit für die Umkehr zugewiesen. Der letzte Monat des jüdischen Jahres, Elul, war der Auftakt. Jeden Tag sollte ich über meine Taten des vergangenen Jahres nachdenken, und mit Beginn der Slichot-Gebete intensivierte ich diese Selbstreflexion. Zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur sind die Zehn Tage der Umkehr, an denen ich mich mit G’tt und den Menschen versöhnen soll, und an Jom Kippur ist dann schließlich der Höhepunkt und Abschluss dieses Prozesses.

Das Ziel der Teschuwa ist es, mein Leben zu ändern, an mir und meinem Charakter, vor allem an meinen Schwächen, zu arbeiten, mich zu verbessern, nach dem Guten zu streben. Wir alle machen Fehler. Der Talmud stellt in Sanhedrin 46b fest, dass es niemanden gibt, der nichts falsch macht. Das ist grundsätzlich nicht schlimm, die Frage ist nur, wie ich mit meinen Fehlern umgehe.

RICHTUNG Das hebräische Wort Chet heißt nicht wirklich »Sünde«, wie es manchmal übersetzt wird, sondern »Verfehlung«. Das bedeutet, dass wir manchmal mit unseren Taten vom Ziel abweichen, die Richtung verlieren. Die Teschuwa soll uns wieder zurückführen. Das ist es auch, was Umkehr wortwörtlich bedeutet: dorthin umkehren, wo man falsch abgebogen ist im Leben, und den anderen, den richtigen Weg einschlagen.

Wenn wir nur ein kleines bisschen guten Willen zeigen, wird G’tt die Tore des Himmels weit öffnen.

Zu Recht heißt es in der Mischna (Ta’anit 26b), dass es keinen größeren Tag für das jüdische Volk gibt als Jom Kippur, wenn uns die außergewöhnliche Chance gegeben wird, Teschuwa zu machen und sie auch gewährt zu bekommen und damit unsere Verfehlungen aufzuheben.

An Jom Kippur können wir also unseren Charakter vervollkommnen und unsere Beziehungen zu anderen Menschen und zu G’tt erneuern. Jom Kippur bietet einmal im Jahr die Möglichkeit, ernsthaft über uns selbst zu reflektieren und mit einer besseren Version unseres Selbst ins neue Jahr zu starten. Wir sollten diese Chance unbedingt nutzen – auch wenn es glücklicherweise nicht die letzte ist.

Der Autor ist Mitteleuropa-Direktor des Center for Jewish-Christian Understanding and Cooperation sowie Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

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