Reue

Inventur des Herzens

Hand aufs Herz: Was habe ich im zu Ende gehenden Jahr falsch gemacht? Foto: Fotolia

Die zehn Tage zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur dienen dem Einzelnen zur geistigen Umkehr. Im Gegensatz zu den allwöchentlichen Gottesdiensten, wo sich in vielen Synagogen kaum genügend Beter zusammenfinden, um einen Minjan zu bilden, kommen an den Hohen Feiertagen Menschen, die selten oder nie die Synagoge aufsuchen.

Also müssen diese zehn Tage etwas Besonderes sein. Sie geben die Möglichkeit, die Taten des abgelaufenen Jahres zu betrachten, damit jeder mit seinen Mitmenschen, mit Gott und am Ende mit sich selbst ins Reine kommt. Wir schauen auf unsere Taten zurück, auf die guten, von denen wir meist zu wenig verrichten, und auf die schlechten, von denen es oft zu viele gab. Die zehn Tage der Umkehr geben uns die Möglichkeit, uns für die schlechten Taten zu entschuldigen, aufrichtig Buße zu tun und mit einem weißen Blatt im neuen Jahr anzufangen.

Zeitlinie Jeder Einzelne von uns steht auf einer Zeitlinie, die mit unserer Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Wir wissen, wo sie begonnen hat, jedoch fehlt uns das Wissen über ihr Ende. Jeder Mensch hat seine eigene, persönliche Zeitlinie mit den auf seine Person bezogenen Erfahrungen, Erfolgen und Rückschlägen, Wünschen und Zielen, dem immer wiederkehrenden Alltäglichen und dem selten vorkommenden Außergewöhnlichen. Der Punkt, an dem wir stehen, ist das Jetzt, und jede abgelaufene Sekunde bedeutet, dass der Augenblick davor Vergangenheit ist. Die Zukunft kennen wir nicht, aber wir können sie durch die Erkenntnisse der Vergangenheit beeinflussen.

Die Jamim Noraim, die ehrfurchtvollen Tage, sind eine Art Vergrößerungsglas, das uns die Zeitlinie ganz nahebringt und uns auffordert, uns mit unserem eigenen Leben auseinanderzusetzen. Diese besondere Zeit verdeutlicht uns also die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.

Diese Faktoren spielen auch in den Hilchot Teschuwa von Maimonides, des Rabbi Mosche ben Maimon (um 1135–1204), eine entscheidende Rolle. So ist nach seiner Ansicht die Umkehr möglich, wenn man vor derselben Sünde steht, die man schon einmal begangen hat und diese nicht wiederholt. Somit ist Teschuwa (Umkehr) eigentlich eine Tatsache, mit der wir jeden Tag konfrontiert sind, denn wir stehen immer vor Entscheidungen, die unsere Zukunft betreffen und greifen dabei auf die Vergangenheit zurück, um in der Gegenwart eine richtige Entscheidung zu treffen. In den zehn Tagen handeln wir in Bezug auf die Umkehr viel aufmerksamer, unsere Radare sind viel feinfühliger eingestellt als sonst.

Loblied Der Wochenabschnitt Ha’asinu – Leopold Zunz übersetzt es mit »Horchet auf!« – enthält eines der zehn Lieder, die im Tanach vorkommen. Wie Mosches Auftreten im Buch Schemot (2. Buch Moses) mit dem Loblied auf den Ewigen begann, so ist auch Mosches Ende durch ein Loblied an den Ewigen gezeichnet. Das Lied ist die letzte große Botschaft Gottes, die Mosche an das Volk Israel richtet. Rabbi Mosche ben Nachman, Nachmanides (1194–1270), nennt das Lied ein wahrhaftiges und treues Zeugnis und sieht darin zugleich die Erklärung dafür, was mit dem jüdischen Volk geschah, geschieht und geschehen wird.

Der Abschnitt lässt sich also in die drei zeitlichen Kategorien Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterteilen. Die Verse 4 bis 15 berichten von der Vergangenheit des jüdischen Volkes, die als »Brautzeit« verstanden werden kann. Es ist die Zeit in der Wüste gleich nach dem Auszug aus der Sklaverei. Ab Vers 15 wird vom gegenwärtigen Verhältnis zischen dem Ewigen und dem Volk Israel gesprochen. Bereits die ersten Worte – »Da wurde Jeschurun (Israel) fett und schlug aus« – deuten darauf hin, dass sich das Verhältnis verschlechtert hat und die Kinder Israel ihren Gott gekränkt und vergessen haben. So beschreiben die Verse die anstehende Vernichtung, zu der es aber nicht kommen wird.

Die Zukunftsaussichten in den folgenden Versen können auch als ewiger Auftrag des jüdischen Volkes verstanden werden, des Volkes, das als Einziges von der Herrlichkeit Gottes zu berichten weiß, wenn alle anderen Völker sich vom Ewigen bereits losgesagt haben. Der Ewige kann sein Volk nicht vernichten – denn, wenn es nicht mehr da ist, wird keiner den anderen Völkern von der Herrlichkeit Gottes berichten können.

Zukunft Erstaunlicherweise spricht der ganze Wochenabschnitt in keinem Satz von der Umkehr, die das Volk vollziehen muss, um seinem Gott wieder nahe zu sein. Es ist vielmehr Prophezeiung einer schlimmen Zukunft, die sich aber letztendlich zum Guten richten wird. Jedoch bleibt die Frage offen, was das Volk tun muss.

Die Zeitlinie der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft spielt sowohl im Wochenabschnitt als auch bei der Teschuwa in den zehn Tagen eine entscheidende Rolle. Mag die Gegenwart auch noch so negativ und trostlos aussehen – der Blick in die Vergangenheit und das Suchen darin nach Positivem und Hoffnungsvollem ist der einzige Weg für eine gute Zukunft. Wir können sie nur aus Erfahrungen aus der Vergangenheit aufbauen. So steht es auch im siebten Vers des Wochenabschnitts: »Frag deinen Vater, dass er dir kündet, deine Alten, dass sie dir ansagen.«

Es muss aber auch klar sein, dass Aussagen wie »Früher war alles besser« allein nicht dazu ausreichen, um die Zukunft zu verändern. Schon Maimonides schrieb in seinen Hilchot Teschuwa: »Der Weg der Reue ist, dass der Büßer vor Gott mit Tränen und innigen Bitten betet und nach seiner Möglichkeit für wohltätige Zwecke spende.« Erst damit ist die Umkehr wirklich eine Umkehr.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen.

Inhalt
Ha’asinu, der vorletzte Wochenabschnitt der Tora, gibt zum Großteil das »Lied Mosches« wieder. Es erzählt von der Macht Gottes und wie sie sich in der Geschichte der Welt gezeigt hat. Es erinnert an das Gute, das der Ewige Israel zuteil werden ließ, aber auch an die Widerspenstigkeit der Israeliten und die Bestrafung dafür. Gott spricht zu Mosche und fordert ihn auf, auf den Berg Nebo zu kommen. Von dort soll er auf das Land Israel schauen. Betreten aber darf er es nicht.
5. Buch Moses 32, 1-52

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