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Bereschit

Höhen und Tiefen

Verkörpert die Schlange das Böse, oder ist sie nur ein Werkzeug?

Am Anfang schuf G’tt den Himmel und die Erde und alles, was in ihnen ist. Und als Er Sein Werk vollendet hatte, ruhte Er am siebten Tag. Mit jedem Schabbat erinnern wir uns an das Schöpfungswerk des Ewigen und daran, dass Er uns diesen Tag als Ruhetag gegeben hat. Doch enthält die Beschreibung davon, wie alles begann, so viel mehr.

Die Parascha Bereschit umfasst vom Moment der Erschaffung unserer Erde bis zu den Tagen Noachs eine immense Zeitspanne, und sie wirft am Ende mehr Fragen auf, als sie Antworten gibt. Eine davon ist die Frage, wie eigentlich das Böse in die Welt kam. Hatte der Ewige denn nicht angesichts des von Ihm Geschaffenen gesagt: »Hine tov meod« (Siehe, es war sehr gut)? Und doch existiert ein Gegenteil zu diesem »sehr gut«. Die Menschheit entwickelte sich auch prompt von jenem ersten Schabbat an bis zu Noach in eine ausgesprochen negative Richtung.

Verkörpert die Schlange das Böse, oder ist sie nur ein Werkzeug?

Das erste Menschenpaar weiß noch nicht, dass es auch Böses und Falsches gibt. Die beiden sind wie Kinder, die mit arglosen Augen ihre Welt betrachten. Wohl gibt es diesen Baum im Gan Eden, von dem sie nicht essen sollen. Doch der interessiert sie offenbar zunächst nicht besonders. Dann verwickelt die zwielichtige Schlange Chawa geschickt in ein Gespräch und weckt damit erst Begehrlichkeiten. In aller Unschuld antwortet Chawa der Schlange und wird am Ende dazu gebracht, das Verbot des Ewigen zu übertreten. Die Schlange gilt seit jeher als Symbol der Hinterlist.

Sicher, sie wird vom Ewigen bestraft; aber was war die Absicht ihrer Tat? Verkörpert die Schlange das Böse, oder ist sie nur ein Werkzeug? Wurde nicht auch die Schlange vom Ewigen geschaffen?

Täglich loben wir im Morgengebet den Ewigen mit den Worten »jozer or u-wore choschech« (Der das Licht gebildet und die Finsternis erschaffen hat). Da der Ewige alles erschaffen hat, hat Er also mit dem Licht auch sein Gegenteil entstehen lassen, nämlich den Schatten und die Dunkelheit.

Sollten wir, wie von uns ersehnt, tatsächlich einmal in den Gan Eden zurückkehren, werden wir dort vermutlich glücklicher sein als Adam und Chawa

Das bringt uns zu der Frage, ob die Dunkelheit, im tatsächlichen wie im übertragenen Sinn, denn immer gleichbedeutend mit etwas Schlechtem sein muss. Der Midrasch Bereschit Rabba erklärt: »›Und Gʼtt sah alles, was Er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.‹ Dies bezieht sich auf die beiden Triebe im Menschen, den guten Trieb (Jezer ha-tov) und den bösen Trieb (Jezer ha-ra). Ist also der böse Trieb ›sehr gut‹? Gäbe es diesen Trieb nicht, würde niemand ein Haus bauen, heiraten, Kinder zeugen und bekommen oder geschäftliche Interessen verfolgen.«

Beide Triebe, Symbol für Gut und Böse, wohnen also notwendigerweise der Schöpfung inne und damit auch den Menschen. Dessen sind sich Adam und Chawa aber am Anfang noch nicht bewusst. Das ändert sich erst mit dem Essen jener Frucht vom verbotenen Baum. Dadurch verlieren sie ihre kindlich naive Unbefangenheit, und sie werden – erwachsen. Bald genug werden Adam und Chawa sich den Mühen und Problemen des Erwachsenenlebens stellen müssen, und nur allzu früh werden sie auch erfahren, was Sterben bedeutet. Sie wussten nichts vom Tod, und es war ihnen nicht bekannt, dass es außer gut noch etwas anderes geben könnte. So ahnten sie auch nicht, wovor sie der Ewige eigentlich gewarnt hatte.

Seit jeher beklagt die Menschheit die Vertreibung aus dem Gan Eden, den Verlust eines sorglosen Lebens ohne Arbeit und Mühe. Und doch war der Mensch im Gan Eden letztlich wie ein Kleinkind, zwar ohne Probleme, ohne Verantwortlichkeit, ohne Sexualität, aber auch ohne körperliche und spirituelle Weiterentwicklung. Er musste dafür zunächst erkennen, dass er den Jezer ha-ra ebenso wie den Jezer ha-tov in sich trägt, damit er lernen konnte, verantwortlich zu handeln. Erst in diesem Bewusstsein ist schließlich das Streben nach Tikkun Olam, der Verbesserung der Welt, möglich.

Sollten wir, wie von uns ersehnt, tatsächlich einmal in den Gan Eden zurückkehren, werden wir dort vermutlich glücklicher sein als Adam und Chawa. Denn nur wer um das Leben draußen in der Welt mit seinen Höhen und Tiefen weiß, kann das wiedererlangte Paradies bewusst schätzen.

Die Autorin ist Rabbinerin der Liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

INHALT
Mit dem Wochenabschnitt Bereschit fängt ein neuer Jahreszyklus an. Die Tora beginnt mit zwei Berichten über die Erschaffung der Welt. Aus dem Staub der aus dem Nichts erschaffenen Welt formt der Ewige den Menschen und setzt ihn in den Garten Eden. Adam und Chawa wird verboten, vom Baum der Erkenntnis zu essen, der inmitten des Gartens steht. Doch weil sie – verführt von der Schlange – dennoch eine Frucht vom Baum essen, weist sie der Ewige aus dem Garten. Draußen werden ihnen zwei Söhne geboren: die Brüder Kajin und Hewel. Der Ältere, Kajin, tötet seinen Bruder Hewel.
Buch Mose 1,1 – 6,8

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