Argumentation

Historischer Anspruch

Im Israel-Museum zu sehen: Stein mit hebräischer Inschrift aus der oberen Umfassungsmauer des Tempels Foto: Flash 90

Angesichts der jüngsten Ereignisse sind wir als Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft gefordert, den historischen Anspruch der Juden auf das Land Israel zu verteidigen. Wir müssen Antworten parat haben, wann immer dieser Anspruch von Palästinensern und ihren Unterstützern infrage gestellt wird. Vor Kurzem veröffentlichte die »New York Times« einen Artikel, in dem behauptet wurde, es gäbe eine Debatte darüber, ob der Tempelberg in Jerusalem tatsächlich der Ort des jüdischen Tempels der Antike ist.

Es stellte sich heraus, dass die Autoren von einer Diskussion über die exakte Lage des Tempelgebäudes auf dem Tempelberg gehört hatten und glaubten, die Debatte würde über die Frage geführt, ob der jüdische Tempel überhaupt jemals auf dem Berg stand. Die New York Times sah sich gezwungen, die Behauptung zurückzunehmen, sich zu entschuldigen und den Artikel zu korrigieren – ein nahezu beispielloser Schritt.

Lüge Wie konnte das passieren? Sie waren mit der »Großen Lüge« bombardiert worden – der verrückten palästinensischen Behauptung, es habe nie einen jüdischen Tempel auf dem Berg gegeben. Dass diese Behauptung den zahllosen historischen Quellen und archäologischen Funden diametral widerspricht, scheint der Times offenbar nicht bekannt gewesen zu sein.

Wenn wir Juden nicht bereit sind, diese Behauptungen zu widerlegen, in der Diskussion unter uns wie auch im Gespräch mit unseren Nachbarn und Freunden außerhalb der jüdischen Gemeinschaft, werden wir bald feststellen, dass diese hassvollen Unwahrheiten breite Akzeptanz gewonnen haben.

Raschi Erstaunlicherweise hat der mittelalterliche jüdische Kommentator Raschi (1040–1105) diese Situation in der ersten Anmerkung zu seinem klassischen Tora-Kommentar vorhergesehen.

In seiner Erläuterung, warum die Tora mit der Schöpfungsgeschichte und der Geschichte der Patriarchen beginnt statt mit dem ersten Gebot im 2. Buch Mose 12, zitiert Raschi einen Midrasch, der geltend macht, die Erzählungen von Genesis und Exodus seien wichtig, »sodass, wenn die Nationen der Welt zu Israel sagen: ›Ihr seid Diebe, denn ihr habt die Länder der sieben (kanaanitischen) Völker erobert‹«, die Juden in der Lage sein werden, die Erzählungen der Tora als Beweis vorzulegen für das historische Verhältnis des jüdischen Volkes zum Land Israel, und zu bekräftigen, dass dieses Land ihnen von Gott gegeben wurde.

Tatsächlich verweist der Midrasch auf die Verwendung der Vergangenheitsform im 1. Buch Mose 15,18, wo Gott sagt, dass Er dieses Land den Nachkommen Abrahams »gegeben hat«. Weiter erklärt der Midrasch, die Transaktion habe durch Gottes Erklärung Gültigkeit erlangt.

Talmud Die talmudischen Rabbiner diskutieren den rechtlichen Status des jüdischen Besitzes am Land Israel mit großer Ausführlichkeit. Nach ihrer Ansicht gibt es einen grundlegenden Unterschied zwischen der Zeit des Ersten Tempels und der Ära des Zweiten Tempels. In ihrem Verständnis beruhte der jüdische Besitz zu Josuas Zeit auf militärischer Eroberung, ein Prozess, der von Saul, David und Salomon fortgesetzt wurde.

Daher ging das Land auf legale Weise in die Hände von anderen über: als Folge der Eroberungen durch die Assyrer 722 v.d.Z. und die Chaldäer 586 v.d.Z. Die Rabbinen unterscheiden diese Entwicklungen von der Situation zur Zeit des Zweiten Tempels. In diesem Fall beruhte der jüdische Besitz von Judäa auf einem »internationalen Abkommen«, nämlich einem offiziellen Dekret des Persischen Reiches.

Die Version dieses Dekrets, das unter den Juden zirkulierte, ist in Esra Kapitel 1 und im letzten Kapitel von 2 Chronik, das auch das letzte Kapitel des Tanach ist, bewahrt. Eine Inschrift des persischen Königs Kyros des Großen bestätigt, dass das Persische Reich ähnliche Wiederansiedlungen von im Exil lebenden Völkern nach der Eroberung von Babylonien im Jahr 540 durchführte. So wurden im Verständnis der talmudischen Rabbiner die jüdische Wiederansiedlung und die Herrschaft über Judäa durch internationales Recht bestätigt.

Balfour-Erklärung Dieser Punkt ist sehr wichtig für die moderne Zeit. In seinem Plädoyer für eine jüdische Ansiedlung in Israel berief sich Rabbi Yissachar S. Teichtal (1885–1945) auf die Balfour-Deklaration von 1917 und die Anerkennung des jüdischen Rechts auf einen Staat im Land Israel durch den Völkerbund 1922, die auf die Schaffung des britischen Mandats durch die Alliierten im Jahr 1920 folgte. Die Mandatsherrschaft wurde den Briten gewährt mit der spezifischen Auflage, einen jüdischen Staat zu gründen.

In diesem Zusammenhang erwähnt werden müssen auch die Peel-Kommission im Jahr 1937 und der Beschluss der Vereinten Nationen 1947, die beide den Teilungsplan befürworteten – das, was wir heute Zwei-Staaten-Lösung nennen – und damit das Recht auf einen jüdischen Staat anerkannten. Es folgten die Anerkennung des Staates Israel durch die Vereinten Nationen 1949 und die UN-Resolution 242 infolge des Sechstagekriegs von 1967. An den international anerkannten Rechten des jüdischen Volkes auf einen Staat Israel kann absolut kein Zweifel bestehen.

Widerspruch Verblüffend ist, dass wenn die Palästinenser die antike Geschichte der jüdischen Königreiche in Israel leugnen und die Lage des Tempels von Jerusalem bestreiten, sie den klassischen muslimischen Texten eklatant widersprechen. Der Koran spricht vom spirituellen Aufstieg Mohammeds zum Himmel aus »der am weitesten entfernten Moschee«, was die Bedeutung des Namens von Al Aksa ist. Zahlreiche fromme muslimische Kommentare definierten diesen Ort als die Stelle des alten jüdischen Tempels von König Salomo.

Diese Erklärung basiert eindeutig auf der Vorstellung, dass Mohammeds spiritueller Aufstieg an dem Ort stattfand, der seit vielen Jahrhunderten geheiligt war als der Standort des jüdischen Tempels. Was wir heute erleben, ist die Bereitschaft, klassische muslimische Glaubensvorstellungen zu unterdrücken, um einer antijüdischen und antiisraelischen Agenda Vorschub zu leisten.

Beweisführung Während aus der Bibel und dem jüdischen Glauben abgeleitete Argumente sicherlich unsere tiefe emotionale und religiöse Bindung an das Land Israel erklären und auch für viele Christen Gültigkeit haben, können wir nicht erwarten, dass eine solche Beweisführung die internationale Gemeinschaft überzeugt.

Doch die Argumente des Völkerrechts sind eindeutig aufseiten Israels und müssen hervorgehoben werden. Wir müssen stets bereit sein – und unsere Kinder lehren, bereit zu sein –, uns gegen den unehrlichen Versuch, den Staat Israel zu delegitimieren und sein historisches Existenzrecht zu leugnen, mit Argumenten zu wappnen.

Der Autor ist Professor für Hebräische und Jüdische Studien an der New York University.

Justiz

Ehemaliger Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlin verurteilt

Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte den Angeklagten wegen eines sexuellen Übergriffs und sexueller Nötigung zu 10 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung

 23.01.2026

Talmudisches

Von hellen Tagen und dunklen Nächten

Was unsere Weisen über die Bedeutung von Licht und Dunkelheit lehren

von Vyacheslav Dobrovych  23.01.2026

Chidon Hatanach

Unser Fundament

Der Bibelwettbewerb, der nun in München in eine neue Runde geht, erinnert an den Kern der jüdischen Seele – die Texte der heiligen Schrift

von Rabbiner Dovid Gernetz  23.01.2026

Rezension

Eine Liebe in »bitterböser Zeit«

Die Briefe von Joseph Norden an Regina Jonas eröffnen einen völlig neuen Blick auf die erste Rabbinerin der Welt

von Mascha Malburg  23.01.2026

Bo

Funke der Hoffnung

Die Tora lehrt, wie wir auch in schweren Zeiten nie Glauben und Zuversicht verlieren

von Rabbiner Netanel Olhoeft  22.01.2026

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

Schweiz

Ein Eruv für Zürich

Unsichtbar im Stadtbild, spürbar im religiösen Alltag. Die größte jüdische Gemeinschaft der Schweiz spannt einen symbolischen Faden – und macht jüdisches Leben sichtbarer

von Nicole Dreyfus  20.01.2026 Aktualisiert

Talmudisches

Schlechter Atem als Scheidungsgrund

Was unsere Weisen über Mundgeruch wussten

von Detlef David Kauschke  16.01.2026

Rabbi Schalom Scharabi

Jedes Wort eine Intention

Der jemenitische Raschasch ist in unseren Breitengraden kaum bekannt. Dabei hat er schon im 18. Jahrhundert gelehrt, was auch heute wieder gefragt ist: ganz bewusst zu leben – und zu beten

von Vyacheslav Dobrovych  16.01.2026

Waera

Wahre Größe

Mosche blieb stets bescheiden – und ist damit ein Vorbild an vollkommener Demut

von Aviezer Kantor  15.01.2026