Wallfahrtsfeste

Heilige Termine

»Dreimal im Jahr sollst du für Mich ein Fest feiern« (2. Buch Mose 23,15) Foto: Getty Images / istock

Die morgendliche Toralesung am Schabbat Chol Hamo’ed besteht aus ausgewählten Teilen des Wochenabschnitts Ki Tisa. Der Abschluss der Lesung beschreibt die drei Wallfahrtsfeste. Allerdings haben die ersten sechs Passagen nichts mit den Feiertagen zu tun. Sie handeln vielmehr von Mosches Bitte, G’tt möge dem jüdischen Volk die Sünde des Goldenen Kalbs vergeben, von G’ttes Gewährung der Bitte sowie von der Nähe des Volkes zu G’tt, die daraus entstand.

Die Tora berichtet an vielen Stellen und in verschiedenen Kontexten von den Feiertagen. Die wichtigsten Passagen finden wir in den Wochenabschnitten Emor, Pinchas und Re’eh. Dort werden die Feiertage einzeln behandelt und die jeweiligen Mizwot und Opfer beschrieben.

Kontext In den Wochenabschnitten Ki Tisa und Mischpatim stellen die Feiertage eine Art Zusatz dar, der keine Verbindung zu den vorangegangenen Themen erkennen lässt. In beiden Abschnitten finden wir fast denselben Wortlaut – doch der Kontext ist auffallend unterschiedlich.

Der Wochenabschnitt Mischpatim, der direkt den Zehn Geboten am Berg Sinai folgt, stellt das Zivilrecht des Judentums vor. Unmittelbar bevor die drei Wallfahrtsfeste beschrieben werden, präsentiert die Tora eine Reihe von Gesetzen, die sich auf die Grundlage einer Gesellschaft konzentrieren: den Fremden nicht unterdrücken, sich von Falschheit fernhalten, die Armen unterstützen, den Schabbat halten ...

In diesem Zusammenhang lesen wir die Worte: »Dreimal im Jahr sollst du für Mich ein Fest feiern« (2. Buch Mose 23,15). Diesem Satz folgt eine Reihe von Gesetzen, die die Feiertage betreffen.
Im Wochenabschnitt Ki Tisa steht die Beschreibung der Wallfahrtsfeste im Kontext der Sünde vom Goldenen Kalb.

Die Tora beendet die Geschichte mit der Ermahnung, dass »du gegossene Götter nicht machen sollst« (2. Buch Mose 34,17) und fährt ohne Überleitung fort: »Das Fest der ungesäuerten Brote …«, gefolgt von einer Reihe von Gesetzen, die das Wesen der Feiertage betreffen und definieren.

Im Wochenabschnitt Mischpatim werden jene Wallfahrtsfeste als Feiertage eingeführt, die so-ziale Aspekte thematisieren. So können die Feiertage nur im Kontext einer gerechten Gesellschaft begangen werden.

Im Wochenabschnitt Ki Tisa haben die Feiertage hingegen einen anderen Fokus. Es geht um die besondere Beziehung zwischen G’tt und dem jüdischen Volk: An Pessach hat uns G’tt aus Ägypten erlöst, an Schawuot hat Er uns die Tora offenbart, und an Sukkot schauen wir auf G’tt, der immer Seine schützende Hand über uns hält.

Das jüdische Volk ist G’tt sehr wichtig. Deshalb fordert Er auch sehr viel von uns, genauso wie ein liebender Vater viel von seinen Kindern erwartet. Obgleich wir selten unserem gesamten Potenzial gerecht werden, ist G’tt doch immer für uns da.

Beziehung Egal, wie schwerwiegend auch die Sünde sein mag, unsere innige und besondere Beziehung zu G’tt ist unzertrennlich. Selbst – nein, besonders – nach dem Goldenen Kalb sollen wir die Feiertage feiern. Sie dienen als Ausdruck und Erinnerung an G’ttes ewig währende Gnade und an den unzerstörbaren Bund des jüdischen Volkes mit Ihm.

Natürlich sind die Feiertage im Wochenabschnitt Mischpatim dieselben wie in Ki Tisa. Der fast gleiche Wortlaut ist ein Beweis hierfür. Vor Kurzem erst haben wir als einen der Höhepunkte in der Liturgie der Hohen Feiertage ein Gebet gesagt, das heute als »Aleinu« bekannt ist. Darin ist die Rede davon, dass in Zeiten des Erlösers die gesamte Menschheit als Einheit zusammenkommen wird, um G’tt gemeinsam zu dienen. Hier haben wir wieder die beiden Elemente: die Gesellschaft, die in Gerechtigkeit zusammenkommt, und dies, um G’tt zu ehren.

Konstrukt Auch in dem Konstrukt »Schabbat Chol Hamo’ed« finden wir einen Hinweis da­rauf. Schon das hebräische Wort sagt, dass jener Schabbat in eine Festtagswoche fällt. Ebenso wie der Schabbat, der mit Jom Tow zusammenfällt, ist er einzigartig, denn sein Charakter ist nicht nur der des wöchentlichen Feiertags, sondern wenn Schabbat und Mo’ed zusammenkommen, verschmelzen sie zu einer besonderen Heiligkeit und erlangen einen beispiellosen Status.

Der Schabbat ist dadurch gekennzeichnet, dass er zu den Juden kommt. Wir gehen hinaus, um die Königin Schabbat zu begrüßen, die bereits auf dem Weg zu uns ist, und wir begrüßen Engel am Freitagabend in unseren Häusern. Wallfahrtsfeste sind das genaue Gegenteil, denn wir müssen nach Jerusalem gehen und in das Reich der Schechina, der g’ttlichen Präsenz, eintreten. Statt dass G’tt seine Heiligkeit zu uns schickt, machen wir uns auf den Weg zu G’tt und zu seinem heiligen Ort.

Wenn dann Schabbat und Feiertag zusammenfallen, erheben wir uns, um uns G’tt zu nähern, und gleichzeitig kommt der Ewige auch zu uns. Die dadurch entstehende Nähe zwischen Ihm und dem jüdischen Volk spiegelt sich an einem solchen Tag besonders wider.

Dies ist auch der Grund dafür, warum wir am Schabbat Chol Hamo’ed Pessach im G’ttesdienst das Buch Schir Haschirim (Hohelied) lesen und am Schabbat Chol Hamo’ed Sukkot das Buch Kohelet (Prediger Salomo). Beide Bücher spiegeln diese innige Verbindung wider und dienen uns als Anleitung und Inspiration an diesen heiligen Tagen.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim/Ruhr-Oberhausen und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland.

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