Talmudisches

Harsche Worte

Heiße Eisen – Wann dürfen Geräte aus Metall rituell verunreinigt werden? Foto: Getty Images / istock

Talmudisches

Harsche Worte

Warum sich Rabbi Jochanans und Resch Lakisch stritten

von Rabbinerin Yael Deusel  22.10.2018 16:13 Uhr

Resch Lakisch und Rabbi Jochanan bar Nappacha waren bedeutende Gelehrte des dritten Jahrhun­derts u.Z. in Eretz Jisrael – aber die beiden Männer hätten verschiedener nicht sein können. Der eine, Rabbi Jochanan, verbrachte seine jungen Jahre mit dem Studium bei berühmten Lehrern wie Rabbi Jehuda HaNasi, dem Redaktor der Mischna.

Rabbi Jochanan war nicht nur für seinen Lerneifer und seine überragenden geistigen Fähigkeiten bekannt, sondern auch für sein außergewöhnlich gutes Aussehen, auf das er nicht wenig stolz war. Sowohl den Jerusalemer wie auch den Babylonischen Talmud hat seine Lehre maßgeblich beeinflusst, und er leitete über lange Jahre das Lehrhaus in Tiberias.

Sein Schwager hingegen, Rabbi Schimon ben Lakisch, kurz Resch Lakisch, war vor seinem Eintritt in Rabbi Jocha­nans Lehrhaus ein Räuberhauptmann gewesen, wie uns der Talmud berichtet (Baba Metzia 84a).

Treffen Legendär ist das entscheidende erste Zusammentreffen beider Männer anlässlich eines Bades im Jordan, wo Resch Lakisch Rabbi Jochanan offenbar zunächst für eine Frau gehalten hatte und ihm nachgesprungen war. In der Folge wurde Resch Lakisch nicht nur der Schüler von Rabbi Jochanan, sondern heiratete auch dessen Schwester.

Berühmt sind die Pilpul-Dispute der beiden Männer über talmudische Fragen. Wenn Rabbi Jochanan in Auslegung der Halacha eine Feststellung traf, dann pflegte ihm Resch Lakisch 24 Gegenargumente zu liefern, die Rabbi Jochanan wiederum konterte. Dadurch wurde die Halacha nicht nur fundiert erklärt, sondern gleichzeitig auch weiterentwickelt.

Trotz seiner Vergangenheit, erst als Gladiator, später als Anführer einer Räuberbande, und ungeachtet seiner bemerkenswerten physischen Kraft war Resch Lakisch auch geistig Rabbi Jochanan durchaus ebenbürtig, und bald betrachtete ihn sein Schwager als einen Gelehrten seinesgleichen.

Doch eines Tages gerieten die beiden ernsthaft in Streit über eine halachische Frage, nämlich darum, ab wann ein Schwert, ein Messer, ein Dolch, eine Lanze, eine Handsichel und eine Erntesichel rituell unrein werden können.

Metall Die Baraita sagt, Geräte aus Metall können dann rituell verunreinigt werden, wenn sie vollständig fertig sind. Und wann sind sie vollständig fertig? Rabbi Jochanan meinte, sobald man sie im Ofen gebrannt und aus dem Feuer genommen habe. Damit vertrat er einen eher theoretischen Standpunkt.

Resch Lakisch argumentierte dagegen, erst müsse man diese Gegenstände noch in Wasser gehärtet haben, bevor sie gebrauchsfertig und somit auch verunreinigungsfähig seien. Er brachte damit praktische Erfahrung in die talmudische Diskussion ein.

Offenbar fühlte sich Rabbi Jochanan durch Resch Lakischs Äußerung in seiner Position als Oberhaupt der Jeschiwa angegriffen, und er sagte zu seinem Schwager: »Na, du musst es ja wissen – ein Räuber kennt sein Handwerkszeug.« Ob diese bissige Bemerkung wirklich ernst oder vielleicht nur scherzhaft gemeint war, oder ob sie gar dazu dienen sollte, Resch Lakisch nicht zu widersprechen, sondern ihm im Gegenteil recht zu geben, darüber sind sich die Kommentatoren späterer Zeiten nicht einig.
Resch Lakisch war jedenfalls tödlich beleidigt, und der Streit wurde sehr persönlich.

Krankheit Resch Lakisch nahm sich die Sache derart zu Herzen, dass er schwer krank wurde. Als seine Frau zu ihrem Bruder Rabbi Jochanan ging und ihn bat, sich doch wieder mit ihrem Mann zu versöhnen und für dessen Genesung zu beten, dieser werde sonst womöglich sterben, da antwortete ihr Rabbi Jochanan ziemlich von oben herab mit einem Zitat aus Jirmejahu: »Lass deine Waisen, ich will sie ernähren, und deine Witwen, auf mich sollen sie vertrauen.«

Erst als Resch Lakisch in der Folge tatsächlich starb, wurde Rabbi Jochanan bewusst, was er verloren hatte, und er trauerte sehr um seinen Freund und unersetzlichen Partner im Lehrhaus.

Video

Pessach verstehen: Bedeutung, Bräuche und Traditionen

Rabbiner Dovid Gernetz erläutert die religiöse und historische Bedeutung von Pessach

von Jan Feldmann  01.04.2026

Chol HaMoed

Warum der Esel?

Das Grautier steht in der biblischen Geschichte für die Kraft, die den Menschen an seine niederen körperlichen Bedürfnisse bindet

von Vyacheslav Dobrovych  01.04.2026

Schemini

Fremdes Feuer

Wer mehr tut als geboten, läuft Gefahr, dass Frömmigkeit zur Selbstdarstellung wird

von Rabbiner Bryan Weisz  01.04.2026

Meinung

Hauptsache, Israel steht am Pranger!

Palmsonntag in Jerusalem und auf Social Media: Ein Rückblick

von Wolf J. Reuter  01.04.2026

Mascha Malburg

Jerusalem ist allen heilig

Regelmäßig knirscht es vor Ostern zwischen Christen und den israelischen Behörden. Unsere Redakteurin wünscht sich nach dem neuesten Vorfall an der Grabeskirche mehr gegenseitiges Verständnis

von Mascha Malburg  31.03.2026

Psychologie

Mizrajim ist wie die Enge in der Brust

Aus chassidischer Sicht geht es an Pessach nicht darum, der Bitterkeit schnellstmöglich zu entfliehen. Wir müssen sie durchleben

von Rabbiner David Kraus  31.03.2026

Exodus

Türen öffnen, Freiheiten erobern

Der Auszug aus Ägypten ist ein Appell, den Mut zu haben, uns der Welt zuzuwenden – auch wenn sie noch so bedrohlich erscheint

von Shoshana Ruerup  31.03.2026

Essay

Das fünfte Glas

Beim Seder füllen wir voller Hoffnung einen Becher Wein für Elijahu – doch er bleibt unberührt. Es ist eine Geduldsprobe, ein ritualisiertes Sehnen. Wir wissen: Seine Zeit wird kommen

von Rabbiner Noam Hertig  31.03.2026

Talmudisches

Der jüdische Sindbad

Wenn Wale zu Inseln werden: Was unsere Weisen über die Abenteuer des Rabba bar bar Hana erzählen

von Detlef David Kauschke  29.03.2026