Chukim

Gesetz ist Gesetz

»So wie Du unsere Vorfahren Satzungen des Lebens gelehrt hast, so lehre auch uns«. (Aus dem Morgengebet)

»Tora uMizwot, Chukim uMischpatim otanu limadeta« – »Lehre, Gebote, Gesetze und Rechtssatzungen hast Du uns gelehrt«. Diesen Satz finden wir unter anderem im Abendgebet für den Schabbat. Und im täglichen Morgengebet sagen wir: »Watelamdem Chukej Chajim, ken techonenu utlamdenu« – »So wie Du unsere Vorfahren Satzungen des Lebens gelehrt hast, so lehre auch uns«.

Was genau ist mit diesen Worten gemeint?
Samson Raphael Hirsch (1808–1888), vormals Landesrabbiner von Oldenburg, beschreibt diese Begriffe in seinem Werk Chorew folgendermaßen: Torot (er benutzt jeweils den Plural) seien Lehren, die den Geist und das Gemüt zum Leben rüsten sollen. Das Annehmen von G’ttes Herrschaft über die Welt, das Akzeptieren von G’ttes Einheit, G’ttesfurcht und G’ttvertrauen zu haben, die Arbeit an sich selbst, um Hass und Stolz zu vermeiden und Demut und Liebe zu lernen und Barmherzigkeit zu üben, gehören hierzu.

Liebe Mizwot umfassen laut Rabbiner Hirsch Gebote der Liebe. Die Eltern zu ehren, ist wohl das schwerste aller Gebote, die wir bekommen haben. Alten und Weisen Ehrerbietung zu zeigen, Tora zu lernen, sich nicht mit Nichtjuden zu verheiraten, eine Familie zu gründen und Kinder zu zeugen, diese Kinder zu erziehen (und sich im schlimmsten Fall wieder scheiden zu lassen), sind Gebote, die unter diesen Begriff fallen. Aber auch alles, was mit Almosen geben, den Nächsten zu unterstützen und Wohltätigkeit zu tun hat, gehört zu den Mizwot.

Der dritte Begriff, die Mischpatim, sind »Aussprüche der Gerechtigkeit gegen Menschen«. Es geht hier um die Achtung gegenüber dem Körper, dem Besitz und dem Eigentum eines anderen sowie um Aufrichtigkeit im Geschäftswesen und vor Gericht.

Der vierte Begriff aus unserem Eingangszitat sind die Chukim. Rabbiner Hirsch interpretiert sie interessanterweise als »Gesetze der Gerechtigkeit gegen die dem Menschen untergeordneten Wesen, gegen Erde, Pflanze, Tier, gegen den eigenen Körper, eigenes Gemüt, eigenen Geist und eigenes Wort«. Nichts zu vernichten (Hebräisch: »bal taschchit«), da alle Wesen G’ttes Eigentum sind, gehört hierzu wie auch das Verbot, verschiedene Tiergattungen und verschiedene Pflanzenarten zu kreuzen und Gewänder zu tragen, die aus pflanzlich-tierischem Mischgewebe, zum Beispiel aus Flachs und Wolle, hergestellt sind.

Satzungen Unsere Parascha beginnt mit dem Satz »Im Bechukotaj telechu« – »Wenn ihr in meinen Satzungen wandelt«. Es geht hier nicht um Mizwot, um Gebote. Und es geht hier auch nicht um Mischpatim, um Rechtsnormen. Es geht um Chukim, Satzungen, Gebote, deren Sinn uns nicht nachvollziehbar erscheint und für die uns vom Gesetzgeber auch kein genauer Grund genannt wird. Dies ist die traditionelle Auslegung des Begriffes Chok.

Es gibt hierfür verschiedene Beispiele. Der Chok von der Roten Kuh ist wohl eines der bekannteren. Man nehme eine rote Kuh, auf die noch kein Joch gekommen ist, töte und verbrenne sie und mische die Asche mit Wasser. Wenn nun jemand sich an einem Toten verunreinigt hat, soll diese Person mit diesem Aschewasser besprengt werden und wird wieder rein. Derjenige, der mit der Asche bei der Zubereitung und Besprengung in Berührung gekommen ist, wird jedoch unrein.

Es gibt für dieses Gesetz keine logisch nachvollziehbare Begründung. Das oben erwähnte Schatnes-Gebot, das Verbot, Mischgewebe zu tragen, ist ein weiteres Beispiel hierfür.
Die Parascha droht uns bei Nichtbefolgung dieser Chukim eine Menge Strafen an. Wenn man diese Aufzählung liest, läuft es einem kalt den Rücken hinunter. Nicht nur Missernten und ausbleibender Regen sind darunter, sondern Vertreibung aus dem Land – so geschehen nach dem Bar-Kochba-Aufstand –, Zerstörung unserer Heiligtümer – so geschehen im Jahre 70 n.d.Z. –, Kannibalismus unter Eltern und Kindern – so beschrieben von Flavius Josephus während der Belagerung Jerusalems.

Bedingungen Die Abschnitte, in denen wir die eingangs zitierten Sätze finden, beginnen mit den Worten »Mit ewiger Liebe hast Du uns geliebt« und »Mit großer Liebe hast Du uns geliebt«. Wir haben diese Chukim nicht bekommen, weil G’tt uns ärgern will, sondern als Liebesbezeugung. Zugegeben, eine Liebe, die konditional ist, also an Bedingungen geknüpft, mutet etwas falsch an. Liebe ist doch eben Liebe, weil sie bedingungslos ist. Wie können wir nun diesen Text verstehen?

Diese Plagen sind nicht als Strafe zu sehen, sondern als Erziehungsmaßnahme, als sehr konsequente sogar. G’tt verlässt uns während dieser ganzen Zeit nicht. In der Parascha heißt es weiter: »Ich werde meines Bundes mit Jakow gedenken, meines Bundes mit Jizchak und auch meines Bundes mit Awraham, und des Landes werde ich gedenken.«

Es gibt Gebote, deren Befolgung uns nicht schwerfällt. Die wenigsten von uns haben einen Mord begangen, kein Priester hat in letzter Zeit ein fehlerhaftes Opfer dargebracht. Es gibt Gebote, deren Befolgung ein gewisses Maß an Selbstdisziplin voraussetzt, zum Beispiel das tägliche Tefillinlegen oder sogar das tägliche Lesen des Schma.

Es gibt Gebote, deren Sinn und Zweck völlig einleuchtend erscheint, zum Beispiel, einen Toten zu bestatten oder keine sexuelle Beziehung mit Töchtern einzugehen. Es gibt aber eben auch die Chukim, Gebote, deren Befolgung uns nicht logisch erscheint. Als aufgeklärte Menschen des 21. Jahrhunderts widerstrebt es uns, Gesetze zu befolgen, nur weil sie so im Text stehen. Die kurze militärische Begründung mit vier Buchstaben, »Is so!«, reicht uns nicht aus.

Nichtsdestotrotz müssen wir uns diesen Geboten gegenüber aber irgendwie verhalten. Wir können sie ignorieren. Wir können sie einfach ausblenden, als ob es sie nicht gäbe. Aber, und auf diese Frage habe ich leider keine Antwort, mit welchem Recht nehmen wir es uns heraus, die Rosinen aus dem Kuchen zu picken? Schabbatkerzen zünde ich an, das ist doch so gemütlich. Sederabend feiere ich, Familienessen sind doch so schön. Eine Mesusa befestige ich an meinem Türpfosten, das ist irgendwie cool, und das hat nicht jeder. Aber aus welchem Material mein Hemd und meine Hose gemacht sind, interessiert mich nicht – für Schatnes gibt es ja keine Begründung.

Ich will hier nicht drohend den Zeigefinger heben und, »nununu«, zu mehr Observanz aufrufen. Aber ich möchte, dass wir uns als bewusste Juden die Fragen stellen, und zwar immer wieder aufs Neue: Welche Gebote befolge ich warum? Warum glaube ich, das Recht zu haben, meine persönlichen Vorlieben über das Gesetz oder zumindest über die Regeln der Gemeinschaft zu stellen? Und nicht zuletzt: Was möchte ich meinen Kindern vermitteln und auf ihren Weg als Zukunft unseres Volkes mitgeben, und wie möchte ich das tun?

Der Autor ist rabbinischer Studienleiter des Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerks (ELES).

Inhalt
Mit dem Wochenabschnitt Bechukotaj – auf Deutsch heißt er »In meinen Satzungen« – endet Wajikra, das dritte Buch der Tora. Im Mittelpunkt steht die Verheißung des Segens für diejenigen, die den Geboten folgen: Rechtschaffenheit wird belohnt. Diesem Segen steht ein Fluch für diejenigen gegenüber, die die Gebote nicht halten. Im letzten Teil der Parascha geht es um Gaben für das Heiligtum. Sie können mit einem Gelübde verbunden sein (»wenn der Ewige dies und jenes für mich tut, werde ich ihm das und das geben«) oder aus Dankbarkeit geleistet werden.
3. Buch Mose 26,3 – 27,34

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