Iran

Gebete für Jakows Enkelin

In Isfahan, etwa 20 Kilometer vom Grab der Serach Bat Ascher entfernt, liegt die Aqa-Shukrullah-Synagoge. Im Iran leben etwa noch 10.000 Juden. Foto: Gundula Madeleine Tegtmeyer

Im Iran leben schätzungsweise noch 10.000 Juden – es ist die größte jüdische Gemeinde in der islamischen Welt. Eines ihrer Zentren ist Isfahan, die ehemalige Haupstadt der safawidischen Dynastie. Fährt man in südwestlicher Richtung 20 Kilometer weiter, kommt man nach Pir-i-Bakran, auch Linjan genannt.

FRIEDHOF Dieser beschauliche Ort beherbergt auf dem historischen jüdischen Friedhof das älteste jüdische Grab im Iran sowie die vermeintliche Grabstätte der legendären Serach Bat Ascher, der Enkelin des biblischen Patriarchen Jakow. Es ist eine Pilgerstätte für Juden und Muslime gleichermaßen, um persönliche Bittgebete zu sprechen.

Muslime nennen die jüdische Ortheilige respektvoll »Chanume Sara«, zu deutsch »Dame Sara«. Seit einem tragischen Brand tragen Synagoge und Friedhof ihren Namen, der in Form des hebräischen Buchstaben Chet angelegt ist – dem achten Buchstaben des hebräischen Alphabets.
Um die biblische Frauenfigur Serach Bat Ascher ranken sich viele Mythen und Legenden. So auch im Iran. Ein alter Volksglaube besagt, sie sei im Zuge der exilierten Juden des Stammes Juda nach Persien gekommen.

EXODUS Serachs Geschichte ist eng verwoben mit der israelitischen Wanderung nach Ägypten, Versklavung, Erlösung und Rückkehr nach Eretz Israel. Die Tora erwähnt sie zweimal. Zum einen im 1. Buch Mose 46,17, als Jakows Nachkommen nach Ägypten ziehen, und im 4. Buch Mose 26,4 bei der Aufzählung der Israeliten in den moabitischen Steppen.

Mehrere Midraschim widmen sich eingehend Jakows Enkelin. Nachdem Josef mit seinen Brüdern wiedervereint war und sie nach Kanaan schickte, um seinen Vater zu ihm nach Ägypten zu bringen, wies Josef seine Brüder an, den hochbetagten Vater nicht zu verängstigen.

Die Tora erwähnt Serach im Zusammenhang mit der Wanderung der Israeliten nach Ägypten.

Laut dem Midrasch Hagadol, der im Targum Jonatan zum 1. Buch Mose 46,17 zitiert wird, war es Serach bat Ascher, die Jakow davon unterrichtete, dass sein tot geglaubter Sohn Joef nicht von einem wilden Tier zerrissen worden sei: »Sie nahm ihre Leier, setzte sich neben Jakow und sang: Josef, mein Onkel, lebt und herrscht über ganz Ägypten.« Aus Dank über diese gute Nachricht segnete der Patriach seine Enkelin Serach mit dem Versprechen ewigen Lebens.

NAMEN Obwohl die Tora Serach unter Jakows 70 Familienmitgliedern aufzählt, kamen die Rabbinen auf nur 69 Namen. Eine gewisse Logik spricht dafür, dass folglich der Partriach Jakow das 70. Familienmitglied war, das nach Ägypten zog.

Ein Midrasch hingegen gibt die Auslegung wieder, dass Serach das 70. Mitglied des Gefolges war. Folgt man der rabbinischen Auslegung weiter und zudem einer alten Tradition, wurde Serach nicht unter den 70 Nachkommen aufgezählt, weil sie nach dem Tod ihrer leiblichen Eltern von Jakows Sohn Ascher adoptiert worden war und somit nicht als Nachkommin zählt.

Die Rabbinen schreiben Serach bat Ascher eine Schlüsselrolle bei der Bestätigung Mosches als dem Mann zu, der die Israeliten aus Ägypten in die Freiheit führen wird. Der Midrasch Rabba (Schemot Rabba 5,13) erklärt, dass Serach Bat Ascher zur Zeit des Exodus aus Ägypten noch lebte.

Im 1. Buch Mose 50,25 lesen wir: »Josef ließ die Söhne Israels schwören: Wenn G’tt sich euer annimmt, dann nehmt meine Gebeine von hier mit hinauf!« Der Midrasch stellt folgenden Zusammenhang her: Das Geheimnis der Erlösung war an Awraham gegeben worden, dieser übergab es an Jizchak, Jakow und an Josef.

Manche glauben, ein unterirdischer Gang führe von Serachs Grab nach Jerusalem.


Ascher gab das Geheimnis an seine Tochter Serach weiter. Laut dem Midrasch war es Serach, die Mosche unterstützte, Josef Sarg zu finden und somit den ihm geleisteten Schwur, seine Gebeine aus Ägypten zu tragen, zu erfüllen. Weitere Midraschim beschäftigen sich mit dieser erstaunlichen biblischen Frauenfigur. Einer besagt, sie sei zu Zeiten König Davids noch am Leben gewesen (Bereschit Rabba 94,9). Als Davids Feldherr Joab sie fragte: »Wer bist du?«, antwortete Serach (II. Buch Schmuel 20,9): »Ich bin eine derjenigen, die Wohlergehen der Gläubigen in Israel anstreben.«

Nach rabbinischer Auslegung sagte Serach folgendes zu Joab: »Ich bin eine von den Israeliten, die nach Ägypten zogen. Ich habe die Anzahl Israels vervollständigt. Willst du die ganze Stadt umbringen, auch mich, die ich eine wichtige Frau bin?« Auf diese Weise rettete Serach das Leben aller Bewohner ihrer Stadt (Kohelet Rabba 9,18,2).

PARADIES Eine exegetische Tradition geht weiter. Demnach sei Serach nicht gestorben, sondern eine derjenigen, die das Paradies als Lebende betreten haben, wie auch Enoch, der Prophet Elija und weitere. An diese Tradition ihrer Unsterblichkeit knüpft eine rabbinische Erzählung an, in der Serach in einem Beit Midrasch erscheint.

Rabbiner Jochanan Ben Zakkai interpretierte das 2. Buch Mose 14,22: »Und die Kinder Israel gingen mitten in das Meer hinein auf dem Trockenen, und die Wasser waren ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken«, mit einem undurchlässigen Netz.
Serach, als Zeugin der Teilung des Roten Meeres auf der Flucht vor den Ägyptern, widersprach dem Gelehrten und sagte: »Ich war da, das Wasser war kein Netz, aber als durchsichtige Fenster.«

LEBENSENDE Seit vielen Generationen überliefern iranische Juden die Tradition, Serach Bat Ascher sei gegen Ende ihres Lebens durch Persien gewandert und habe sich dann, im 9. Jahrhundert n.d.Z., in Isfahan niedergelassen.

Fest im Volksglauben verankert ist auch die Vorstellung, ein unterirdischer Gang führe von Serach Bat Aschers Grabstätte nach Jerusalem. An dem Tag, an dem der Messias erscheint, seien die Toten von Pir- i-Bakran unter den Ersten in Jerusalem am Jüngsten Tag.

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