Talmudisches

Geben und Nehmen

Der Mond empfängt sein Licht von der Sonne, während die Sonne keinerlei Licht vom Mond empfängt. Foto: Getty Images/iStockphoto

Talmudisches

Geben und Nehmen

Was unsere Weisen über Mond und Sonne lehren

von Vyacheslav Dobrovych  02.05.2025 09:48 Uhr

Es heißt: »Und Gʼtt erschuf zwei große Lichter.« Zum anderen heißt es: »das große (Licht) zur Herrschaft über den Tag, das kleine (Licht) zur Herrschaft über die Nacht (1. Buch Mose 1,16)«. Waren es nun zwei große Lichter oder ein kleines und ein großes?

Im 3. Buch Mose 28,15 steht, dass am Neumond ein Sühneopfer »für Gʼtt« gegeben werden soll. Den Zusatz »für Gʼtt« finden wir nicht für Mussafopfer an anderen Daten.

In einer talmudischen Geschichte (Chullin 60b) werden diese Verse miteinander verknüpft. Der Talmud berichtet: Zunächst wurden die beiden Planeten gleich groß erschaffen. Dann sagte der Mond: »Wie können zwei Herrscher gleichzeitig herrschen?« Daraufhin sagte Gʼtt: »Du hast recht! Dann mach dich kleiner als die Sonne.« Das machte den Mond traurig, und Gʼtt versuchte, ihn zu besänftigen.

Sühne für die Verkleinerung des Mondes

Als nichts den Mond glücklich machen konnte, sagte Gʼtt, dass wir am Tag des Neumonds auch ein Sühneopfer für Ihn (für Gʼtt selbst!) geben sollen, als Sühne für die Verkleinerung des Mondes. Diese Stelle wirft viele Fragen auf. Ein allmächtiger Gʼtt, der erst den Mond kleiner macht und dem es dann leidtut und der unsere Opfer braucht, statt den Mond einfach wieder größer zu machen? Das scheint den Grundprinzipien des Judentums zu widersprechen.

Darüber hinaus beten wir zum Beginn des neuen Mondmonats das »Kiddusch Levana«. Darin heißt es: »Möge das Licht des Mondes dem Licht der Sonne gleichen.« Was soll das bedeuten?

Diese talmudische Episode illustriert, dass keine der Geschichten wörtlich genommen werden darf, sondern symbolisch für andere Dinge steht, die in Geschichten versteckt werden, sodass jeder die Geschichten auf seiner eigenen Verständnisstufe neu begreifen kann.

Was ist ein größerer Liebesakt: zu geben oder zu nehmen?

Bekannterweise hat der Mond kein eigenes Licht, sondern empfängt sein Licht von der Sonne, während die Sonne keinerlei Licht vom Mond empfängt. Die Sonne steht für das Geben, der Mond für die Fähigkeit anzunehmen.

Nun stellt sich die Frage: Was ist ein größerer Liebesakt: zu geben oder zu nehmen? Viele würden instinktiv sagen, dass das Geben die Basis der Liebe ist. Doch stellen wir uns einen Mann vor, der seine Frau ständig beschenkt, aber in dem Moment, in dem sie ihm einen Kuss geben möchte, es ablehnt, geküsst zu werden. Indem er die Annahme des Kusses verweigert, nimmt er der Frau die Möglichkeit zu lieben und behält diese Möglichkeit allein für sich.

Anzunehmen, was andere uns geben, ist manchmal liebevoller als zu geben. Zu begehren und haben zu wollen, ist die Basis dafür, dass andere uns etwas geben können.

Übermäßige Begierde mündet in Egoismus

Der Mond (also der Wunsch zu nehmen) sagte, er solle dominieren, er solle das Ziel des Menschen sein, da die Begierde die Basis des Nehmens und damit die Basis für Beziehung ist. Doch die übermäßige Begierde mündet in Egoismus. Also sagte Gʼtt, dass der Trieb zu nehmen sich zunächst zügeln soll, damit das Geben an erster Stelle steht.

Die Begierde darf nicht die Oberhand gewinnen, da sonst die Gefahr des Egoismus zu hoch wird. Doch sie leidet, wenn sie sich nicht voll ausdrücken kann. Gʼtt selbst tut es leid, weil Er um das Potenzial der Begierde weiß, und dennoch weiß Er, dass sie lernen muss, vom Wunsch des Gebens dominiert zu werden. Er gleicht einem Vater, der uns trainiert, mit den Dingen umzugehen, bevor wir sie ausleben können, auch wenn es Ihm selbst leidtut, uns nicht alles sofort zu geben.

Jedes Mal, wenn der Neumond gesichtet wird und beginnt, am Himmel zu wachsen, beten wir das Kiddusch Levana in der Hoffnung, dass das Nehmen und Geben sich eines Tages voll ausdrücken können, ohne dass das Nehmen in Egoismus mündet.

Weil es das Schicksal des Nehmens ist, irgendwann in voller Harmonie mit dem Geben zu sein, wurde es im Moment seiner Schöpfung bereits in Harmonie erschaffen, denn wir können nur die Dinge erreichen, die von Anfang an Teil von uns waren.

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