Religiöse Suche

Furcht und Ehrfurcht

Es heißt, »der Himmel ist für den Herrn, und die Erde hat Er den Menschen gegeben« (Psalm 115), und sowieso ist es heute allgemein bekannt – G’tt findet man nicht unter einem Stein, hinter der Tür oder in der Synagoge an der Decke. Der Mensch benutzt viele Begriffe, die er als Synonym für G’tt gebraucht – aus Mangel an der Fähigkeit, dieses vergleichslose »Wesen«, diese abstrakte Existenz zu beschreiben. Wer ist G’tt? Die Suche nach Ihm hat mit der Erschaffung des Menschen begonnen, und bis heute wird diese Frage gestellt.

Ist man auf der Suche nach sich selbst und seinem Ursprung bei G’tt und Seinem Wort – der Tora – angelangt und hat sich klargemacht, dass nichts außer dieser Urquelle alles Lebendigen als G’tt gelten kann, möchte man weitere Erkenntnisse sammeln. Was soll man tun? Die Verhältnisse klären. Aber welche? Natürlich geht es um die Relation zwischen Mensch und G’tt.

Was für eine Beziehung aber kann der Mensch mit G’tt aufbauen? Und kann es ein solches Verhältnis geben? Ist G’tt nicht zu weit entfernt, dass Er mit uns Kontakt aufbauen wollte? Ist Er nicht zu unerreichbar? Die Philosophen aus verschiedenen Jahrhunderten versuchten, uns das immer wieder zu beweisen.

Es fing mit den Götzendienern an, die dachten, man bräuchte einen Baum oder einen Stein, um mit dem Schöpfer zu sprechen. Aber wie wir aus einem Sprichwort wissen, sahen sie vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr und vergaßen, dass es einen einzigen Schöpfer gab.

Fragen Es kamen die Philosophen – die Griechen, die Römer, die Araber und als Letzte die Europäer. Jehuda ben Samuel ha-Levi, Rabbiner, sefardischer Dichter und Philosoph in einem, schrieb in seinem um 1140 in Spanien vollendeten Buch Kuzari eine flammende Antwort an all diejenigen, die behaupteten, der Schöpfer habe Seine Welt vernachlässigt und säße apathisch auf einer der Sphären ohne weiteres Interesse an Seinem komplizierten Spielzeug.

Das Gegenteil sei richtig, schreibt ha-Levi. G’tt sei mit dem Menschen und mit allem, was ihn umgebe. Weder die Welt noch Sein Volk habe Er verlassen. Er sei der Welt nicht fremd, aber ohne Seine Wirkung würde die Existenz aufhören.

Oft genug hat uns G’tt in der Tora bewiesen, dass Er keine Scheu hat, sich Einzelnen zu zeigen. Jede in der Tora erwähnte Person hatte ihre Vorstellung vom Schöpfer: Noah, Abraham, Jitzchak, Jakob, Josef, Mosche und schließlich ganz Israel am Berg Sinai. Die Gabe der Tora als kollektives Ereignis – so etwas prägt sich in die Natur eines Volkes ein. Dies kann seitdem persönlich bezeugen: Wir waren dabei und wir wissen, dass wir mit dem Schöpfer der Welt verbunden sind. Er war und ist mit uns. Er und kein Engel. Er und kein Stellvertreter.

Vorsorge Nun haben unsere Vorfahren das ganze Wort G’ttes bekommen. Aber nicht nur sie. Im Wochenabschnitt Nizawim heißt es: »Und nicht nur mit euch allein schließe ich diesen Bund (...), sondern mit denen, die heute mit uns sind und die nicht mit uns heute sind« (5. Buch Moses, 13-14). Sprich: Wir waren alle zugegen. G’tt hat »vorgesorgt«.

Was aber will Er von uns? G’tt will immer das Eine. Verbindung. Er will nicht, dass wir Ihn vergessen. Er will, dass wir mithilfe verschiedener Wege, durch die Vernunft, durch die Tora und durch die Gebote, mit Ihm in Kontakt bleiben. Er ist immer mit uns. Die Tatsache, dass wir und unsere Umgebung am Leben sind, sollte uns genügend Zeichen sein. Doch wir merken es nicht. Wir werden in eine Welt hineingeboren, die funktioniert. Daher müssen wir unser Verhältnis zum Schöpfer unabhängig, allein und als Gruppe aufbauen.

Wie findet der Mensch G’tt? Was bringt er Ihm entgegen? Vier Zutaten sind im Verhältnis zwischen Mensch und G’tt enthalten: Angst, Ehrfurcht, Respekt und Annahme. Das Ergebnis aller vier ist die Liebe. Die Ehre zu G’tt kann aus der Schwäche heraus folgen, allerdings erreicht sie dann nur die Stufen der Angst und der Ehrfurcht. Sie kann aber auch durch Stärke ausgeübt werden. Sie wird zu Respekt und zur freiwilligen Annahme.

So erklärt es Rav Abraham Isaak Kook, der Begründer des religiösen Zionismus: »Ehre aus Stärke heraus macht den Menschen groß und glücklich. Diejenigen, die G’tt aus Angst heraus ehren, ehren Ihn nicht. Sie fürchten sich vor Strafe, sie machen sich selbst zum Sklaven, gezwungen, brutal und voller Hass auf alle.«

Sie sagen, sie lieben G’tt, aber was tun sie? Sie wählen die Furcht. G’tt schüchtert sie ein. Er ist der Punkt ihrer größten Schwäche. Wie kann man jemanden lieben, vor dem man sich fürchtet? Der unterdrückt und erniedrigt? G’tt, in diese Rolle »gedrängt«, verliert den wirklichen Wert. Wem gilt die Ehrfurcht am Ende? Dem eigenen Schreckensbild.

Offenbarung »Wo aber ist G’tt?«, fragte einmal ein Vater sein Kind. Das Kind antwortete: »Er ist überall«. »Nein«, sagte der Vater. »Er ist dort, wo man Ihn einlässt.« Dort, wo wir Ihm Seinen Platz zugestehen, dort offenbart er sich in all Seiner Macht. Wo wir verstehen, was Er in unserem Leben bewirkt, dort werden wir Seine Anwesenheit umso mehr spüren.

Wenn wir aus der Rolle der vom Himmel Erdrückten aussteigen und lernen, dass Er ein Grund für jeden Aufstieg ist – dort steigen wir auf, werden zu großen Herzen, großen Geistern und bewegen die Welt. Unser Verhältnis zu G’tt ist unser Blick auf uns und die Mitmenschen. Steigen wir oder fallen wir? Ignorieren wir oder suchen wir? Was wählen wir: »Adam verbarg sich vor G’tt hinter den Büschen« oder »Höre Israel, der Herr ist unser G’tt«?

Aleeza Ben Shalom

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