Talmudisches

Frieden stiften

Symbol des Friedens: Taube Foto: Getty Images

Talmudisches

Frieden stiften

Was unsere Weisen über das Zusammenleben der Menschen lehren

von Rabbiner Jehoschua Ahrens  03.03.2022 08:14 Uhr

In Pirkej Awot heißt es: »Rabban Schimon ben Gamliel sagt: Auf drei Dingen besteht die Welt; auf Wahrheit, auf Gerechtigkeit und auf Frieden« (1,18).

Rabbiner Selig Bamberger (1872–1936) erklärt in seinem Kommentar, wie elementar es ist, dass Frieden herrscht, nicht nur zwischen den Völkern, sondern auch zwischen den einzelnen Menschen. Es ist die höchste Aufgabe des Menschen, Wahrheit, Recht und Frieden in Einklang zu bringen. Gelingt dies nicht, wäre es das Ende der menschlichen Gesellschaft. Ohne Frieden kann es weder Wohlergehen noch Prosperität geben.

welt G’tt wünscht sich eine Welt, die mit Frieden gesegnet ist, wie es der Talmud erläutert: »Der Mensch wurde einzig erschaffen (…) wegen der Familien (der verschiedenen Völker), damit nämlich die Familien einander nicht befehden. Wenn sie jetzt sogar, wo (der Urmensch) einzig erschaffen wurde (also alle vom selben Menschen abstammen), einander befehden, um wie viel mehr wäre dies der Fall, wenn zwei erschaffen worden wären?« (Sanhedrin 38a).

Für das Friedenstiften zwischen Menschen wird man bereits im Diesseits belohnt, aber es bleibt auch als Verdienst für die kommende Welt erhalten (Schabbat 127a). Das beten wir jeden Tag im Schacharit, und es zeigt entsprechend die Wichtigkeit des Friedens auf.

Unterstrichen wird dies durch die Geschichte eines Rabbiners im Talmud, der regelmäßig auf einem Marktplatz dem Propheten Elijahu begegnet: »Er fragt Elijahu: Gibt es auf diesem Marktplatz irgendjemanden, der einen Anteil an der kommenden Welt hat? Dieser erwiderte: Nein. (…) Dann gingen zwei Brüder vorüber, und Elijahu sprach: Diese sind Kinder der zukünftigen Welt. Da ging der Rabbiner auf sie zu und fragte: ›Was ist eure Beschäftigung?‹ Diese erwiderten: ›Wir sind Komiker und erheitern die Betrübten, und wenn wir Streitende sehen, bemühen wir uns und stiften Frieden‹« (Ta’anit 22a).

friedensstifter Als berühmtester Friedensstifter gilt Mo­sches Bruder Aharon. Er war der erste Hohepriester. An ihm, heißt es, sollen wir uns ein Beispiel nehmen: »Gehöre zu den Schülern Aharons, Frieden liebend und nach Frieden strebend« (Pirkej Awot 1,12).

Laut dem Midrasch (Awot de Rabbi Nathan, Kapitel 12) war Aharon jemand, der nicht nur den Frieden erhalten hat, sondern ihn auch aktiv suchte. Waren zwei Personen miteinander zerstritten, sagte er jeweils beiden, dass der andere seine Vergehen bereue, und so schaffte er es, beide wieder zusammenzubringen. Aharon wirkte mit seinem Verhalten auch präventiv gegen Streit und schlechte Taten.

Wenn er durch die Straßen lief und eine böse Person traf, so grüßte er sie trotzdem höflich. Am nächsten Tag, wenn diese böse Person eine Sünde begehen wollte, dann sagte sie sich: Wie kann ich das machen und dann noch Aharon in die Augen schauen? Ich sollte mich vor dem, der mich so freundlich grüßte, schämen. Und so unterließ die Person die Sünde.

MEIR Ein anderer großer Friedensstifter war Rabbi Meir, der sich selbst zurücknehmen und sich sogar lächerlich machen konnte, solange es nur dem Frieden diente (Jerusalemer Talmud, Sota 16d).

Streit führt immer zu (bleibendem) Schaden. Im Babylonischen Talmud sagt Rabbi Hona: »Der Streit gleicht einem Wasserstrom, der sich allmählich erweitert« (Sanhedrin 7a). Und Abbaje fügt hinzu: »Er gleicht Brettern eines Steges; je länger sie liegen, desto stärker werden sie.« Wenn möglich, sollen wir Streit aus dem Weg gehen: »Glücklich ist derjenige, der (eine Beleidigung) hört und sie einfach ignoriert. Viel Schlechtes wird an ihm vorbeigehen.«

Es ist wichtig, dafür die Grundlagen zu schaffen, nämlich ein Umfeld, das auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden basiert, und letztlich »sind alle drei in Wirklichkeit eins: Wenn Recht gesprochen wird und Wahrheit verteidigt, dann führt das zum Frieden« (Jerusalemer Talmud Ta’anit 68a).

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

Schweiz

Ein Eruv für Zürich

Unsichtbar im Stadtbild, spürbar im religiösen Alltag. Die größte jüdische Gemeinschaft der Schweiz spannt einen symbolischen Faden – und macht jüdisches Leben sichtbarer

von Nicole Dreyfus  16.01.2026

Talmudisches

Schlechter Atem als Scheidungsgrund

Was unsere Weisen über Mundgeruch wussten

von Detlef David Kauschke  16.01.2026

Rabbi Schalom Scharabi

Jedes Wort eine Intention

Der jemenitische Raschasch ist in unseren Breitengraden kaum bekannt. Dabei hat er schon im 18. Jahrhundert gelehrt, was auch heute wieder gefragt ist: ganz bewusst zu leben – und zu beten

von Vyacheslav Dobrovych  16.01.2026

Waera

Wahre Größe

Mosche blieb stets bescheiden – und ist damit ein Vorbild an vollkommener Demut

von Aviezer Kantor  15.01.2026

Schemot

Mutige Hebammen

Die Tora lehrt, dass Zivilcourage oft im Verborgenen beginnt – bei Menschen, die keine Chronik nennt

von Rabbiner Joel Berger  09.01.2026

Talmudisches

Fledermaus

Unsere Weisen diskutieren: Handelt es sich um ein Kriechtier unter den Vögeln oder einen Vogel unter den Kriechtieren?

von Rabbinerin Yael Deusel  09.01.2026

Piraten

Ahoi vey!

Entführte Rabbiner und Sefarden auf Kaperfahrt: Ein unbekanntes Kapitel jüdischer Geschichte

von Sophie Goldblum  08.01.2026

Wajechi

Wenn Taten Segen bringen

Wie jeder einzelne Mensch durch sein Tun Engel erschaffen kann

von Vyacheslav Dobrovych  02.01.2026

Talmudisches

Sorge dich nicht!

Was unsere Weisen über den Umgang mit Angst und innerer Unruhe lehren

von Detlef David Kauschke  02.01.2026