#4U9525

»Es gibt dafür keine Antworten«

Rabbiner Julian-Chaim Soussan Foto: JA

Rabbiner Soussan, kann man Katastrophen wie den Absturz der Germanwings-Maschine erklären?
Nein. Selbstverständlich werden jetzt die Flugsicherheitsexperten versuchen, die technischen Ursachen für den Absturz zu ermitteln. Ich hoffe, dass sie so bald wie möglich die Ursachen klären können, damit alle Beteiligten eine gewisse Sicherheit erhalten und eventuelle technische Probleme für die Zukunft behoben werden können. Aber auch die Auswertung der Flugschreiber werden uns nicht die Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen geben können.

Welche Fragen sind das?
Die nach dem wirklichen Grund dafür, warum Männer und Frauen, Kinder und sogar Babys an Bord der Maschine ihr Leben verlieren mussten. Aber diese Antworten werden wir nicht bekommen. Das jüdische Volk ist bekannt dafür, dass es in solchen Fällen auch immer wieder mit G’tt diskutiert, nach den Gründen fragt, vielleicht auch mit ihm argumentiert. Wir müssen uns trauen, diese Fragen zu stellen. Wir bringen unsere Menschlichkeit auch dadurch zum Ausdruck, dass wir nicht bereit sind, solche Schicksalsschläge einfach nur hinzunehmen. Gleichzeitig müssen wir aber auch anerkennen, dass wir keine abschließenden Antworten bekommen. Wir können G’ttes Entscheidungen nicht verstehen.

Wie lautet der Versuch einer rabbinischen Antwort?

Ich habe gleich, als ich in den Nachrichten vom Absturz des Flugzeugs hörte, daran denken müssen, dass sich dieses Unglück wenige Tage vor Pessach ereignet hat. Dieses Fest führt uns unter anderem das Leid vor Augen, das unsere Vorfahren einst erlebten. Es zeigt unsere eigene Zerbrechlichkeit, es verdeutlicht uns, wie verletzlich wir doch sind. Dieses selbstverständlich erscheinende Gefühl der Gesundheit und Sicherheit, mit dem wir leben, ist trügerisch.

Wie kann man Hinterbliebenen in solchen Situationen helfen?
Im Talmud heißt es, dass man schon alleine dafür entlohnt wird, dass man einen Trauernden aufsucht. Wir bekommen den Lohn für das Schweigen. Es geht in den ersten Stunden und Tagen nach so einer Katastrophe nicht darum, die richtigen Worte zu finden, sondern den Betroffenen einfach nur Empathie zu zeigen und ihnen in den einfachsten Fragen Hilfe anzubieten.

Werden Sie demnächst wieder ohne Angst ein Flugzeug besteigen?
Selbstverständlich wird man nach solchen Ereignissen immer nachdenklich. Aber grundsätzlich kann ich sagen, dass ich gerne fliege. Wenn ich eine Maschine besteige, tue ich das mit Vertrauen und Emuna. Wir können nicht leben, wenn wir uns von Ängsten bestimmen lassen. Wir müssen eine rationale Gefahrenabwägung vornehmen, sollten keine unnötigen Risiken eingehen. Aber ich weiß, dass das Flugzeug nach wie vor das sicherste Verkehrsmittel überhaupt ist.

Mit dem Frankfurter Gemeinderabbiner sprach Detlef David Kauschke.

Berlin

Berliner Rabbinerin wird Präsidentin der Rabbinical Assembly

Mit Gesa Ederberg übernimmt erstmals eine Europäerin das Spitzenamt der internationalen Organisation

 18.03.2026

Wajakhel–Pekudej

Serie mit Botschaft

In »Alles für die Liebe« geht es um Familie, Zusammenhalt und Werte, die bereits im Mischkan und heute am Pessachfest eine besondere Bedeutung haben

von Yonatan Amrani  13.03.2026

Talmudisches

Die Zahl Dreizehn

Was unsere Weisen über Vollständigkeit und gʼttliche Ordnung lehren

von Chajm Guski  13.03.2026

Unterricht

Wenn Lehrer lernen

Jüdische Religionspädagogen aus ganz Deutschland treffen sich zur Weiterbildung – und finden Wege, alte Texte mit Theater, TikTok und KI wieder lebendig werden zu lassen

von Mascha Malburg  13.03.2026

Pro & Contra

Braucht es jüdischen Feminismus?

Ja, sagt Valérie Rhein: »Weil er zu einem hierarchieloseren Miteinander beiträgt.« Nein, findet Noémi Berger: »Gleichwertigkeit ist das Fundament, auf dem jüdisches Leben gebaut ist.«

von Valérie Rhein, Noemi Berger  12.03.2026

Chabad

Europäische Rabbiner tagen in Berlin

Die Hauptstadt ist seit Montag Treffpunkt von rund 180 Rabbinern aus ganz Europa

 09.03.2026

Talmudisches

Neidisch

Was unsere Weisen über Zufriedenheit lehren

von Detlef David Kauschke  06.03.2026

Verantwortung

Zerbrochen und erneuert

Die Geschichte von Mosche und den zweiten Gesetzestafeln zeigt, dass Gestaltungswille uns den Weg zu Gott öffnet

von Paige Harouse  06.03.2026

Dialog

Judaist Rutishauser: Antisemitismus greift tief in die Psyche

Am Sonntag erhält Christian Rutishauser die Buber-Rosenzweig-Medaille für seine Verdienste um den christlich-jüdischen Dialog. Was er zum Antisemitismus sagt - und warum die Gesellschaft »auf die Couch« müsse

von Leticia Witte  06.03.2026