Philosophie

Erkenntnis und Erfahrung

Im Hörsaal: Christoph Schulte (66) Foto: Uwe Steinert

Es war eine klare religiöse Rahmung: Die Abschiedsvorlesung von Christoph Schulte, Professor für Jüdische Studien und Philosophie an der Universität Potsdam, begann und endete mit einem Verweis auf das »Schma Israel«.

Seinen Vortrag »Von der Gotteserkenntnis zur Gotteserfahrung – die Kabbala zwischen Philosophie und Mystik« leitete Schulte am Mittwoch vergangener Woche ein, indem er die Interpretation von Maimonides (1138–1204) anführte: »Gotteserkenntnis ist die höchste Form der Gottesliebe. Diese Lehre hat Maimonides für die jüdische Religionsphilosophie mit nahezu kanonischer Geltung etabliert. (…) ›Höre Israel!‹ heißt es in der Bibel (…) und im Schma-Israel-Gebet der Synagoge, ›adonai elohenu adonai echad‹ – Gott, unser Herr, ist einzig. Und weiter: ›Ve’ahavta et adonai elohecha bechol levavcha uvechol nafschecha uvechol meodecha.‹ Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft.«

Da für Maimonides wie für die meisten anderen Philosophen seit Platon und Aristoteles die Seele der Sitz des Intellekts sei, lese er das zentrale Gebot der Gottesliebe im Schma Israel als Gebot der Gotteserkenntnis, so Schulte. »›Du sollst Gott lieben mit deiner ganzen Seele‹ heißt dann philosophisch: Du sollst Gottesliebe praktizieren, indem du Gott mit allen Kräften deiner Vernunft zu erkennen suchst. Wie schon in Aristotelesʼ Metaphysik kann auch bei Maimonides einzig die menschliche Vernunft Gott erkennen.«

Im Lauf seines Vortrags ging Schulte auf die grundsätzliche weltanschauliche, religiöse und epistemologische Weichenstellung der Romantik und den Übergang von der allgemeinen philosophischen Gottes­erkenntnis zur individuellen mystischen Gotteserfahrung ein. Laut Immanuel Kant ist philosophische Gotteserkenntnis durch Gottesbeweise nicht mehr möglich.

Von den Neukantianern wurde die Mystik des Irrationalismus verdächtigt

Während die Mystik von den Neukantianern des Irrationalismus verdächtigt wurde, hätten Martin Buber und Gershom Scholem den Blick wieder auf den Chassidismus und die Kabbala gerichtet. »Wenn heute in Kreisen des zeitgenössischen Judentums Kabbala und Mystik als Kern der jüdischen Religion empfunden werden, ist dort auch innerreligiös die mystische Gotteserfahrung zur höchsten Form der Gottesliebe aufgerückt und hat die Gotteserkenntnis ersetzt. (…) Gottesliebe indes bleibt die wichtigste Mizwa«, schloss Schulte, um erneut das Schma Israel zu zitieren: »Ve’ahavta et adonai elohecha.«

Die Laudatio bei der Festveranstaltung hielt Cedric Cohen-Skalli, Leiter des Bucerius Institute for Research of Contemporary German History and Society an der Universität Haifa, der dort moderne jüdische Philosophie unterrichtet. Cohen-Skalli, der aus Israel nach Potsdam angereist war, würdigte Schulte als Vertreter eines »dynamischen Pluralismus«. Diesen Geist habe Schulte durch seine Beschäftigung mit jüdischer Geistesgeschichte wieder in die deutsche Gesellschaft zurückgebracht.

Profitiert davon habe aber auch das Judentum in der Diaspora und Israel. Er sei Schulte für seinen mehrwöchigen Gastaufenthalt im März 2024 an der Universität Haifa sehr dankbar: »Es war eine mutige Entscheidung, nach Haifa zu kommen, und es war typisch für Christoph. Er kam, um seine Freunde zu unterstützen, aber uns auch zu sagen, was von seinem Standpunkt aus in Israel falsch läuft. Diese Aufrichtigkeit hat seine Unterstützung nicht gemindert.«

Schulte (66) ist unter anderem Autor der Bücher Zimzum. Gott und Weltursprung und Die jüdische Aufklärung: Philosophie, Religion, Geschichte sowie Psychopathologie des Fin de siècle. Der Kulturkritiker, Arzt und Zio­nist Max Nordau. Ein weiteres Buchprojekt ist geplant.

Feiertage

Rosch Haschana für Anfänger

Vom Lichterzünden bis zum Taschlich: eine kleine Einführung für weniger erfahrene Synagogenbesucher

von Rabbinerin Ulrike Offenberg  11.09.2026 Aktualisiert

Rosch Haschana

»Wenn ich einmal reich wärʼ …«

An Neujahr, so sagt der Talmud, legt Gʼtt die Summe fest, die wir im kommenden Jahr verdienen werden. Warum wir trotzdem arbeiten, planen und gut haushalten sollten

von Rabbiner Dovid Gernetz  11.09.2026

Teschuwa

Auf die echte Erneuerung!

Statt einfach nur unsere schlechten Laster loszuwerden, bedeutet die Mizwa vielmehr das Finden unseres wahren Ichs

von Rabbiner Jaron Engelmayer  11.09.2026

Neujahr

Stunde null

Zu Rosch Haschana können wir alljährlich durch Teschuwa unsere guten Potenziale hervorrufen

von Rabbinerin Elisa Klapheck  11.09.2026

Rosch Haschana

Jahr der Einheit

Wenn wir uns gegenseitig stärken, werden wir viel erreichen

von Rabbiner Avichai Apel  11.09.2026

Ernte

Von Möhren und Mehrn

Unsere Redakteurin will zu Rosch Haschana eine selbst gezogene Karotte essen. Ein jiddisches Wortspiel brachte sie auf die Idee – und auf einen Weg, auf dem sie manches über das Judentum und über sich selbst lernte

von Mascha Malburg  11.09.2026

Spiritualität

Eine Reise zum Ich

Unser Autor verbrachte die Feiertage als Kind in der Enge der jemenitischen Gemeinschaft von Kiryat Arba. Dann verließ er die religiöse Welt – und fand sie an Rosch Haschana in der Ukraine wieder

von Yonatan Amrani  11.09.2026

Zuwendung

Hagars Schicksal

Am Neujahrstag erzählt der Toraabschnitt von Saras ägyptischer Magd, der Mutter Jischmaels. Oft übersehen, ist sie eine Figur, die uns mahnt, die Augen offen zu halten und uns anderen Völkern nicht zu verschließen

von Paige Harouse  11.09.2026

Tekia

Wenn das Schofar zur Hoffnung ruft

Warum auch in bewegten Zeiten Zuversicht wachsen kann

von Rabbiner Raphael Evers  11.09.2026