Schelach Lecha

Erkenne dich selbst!

In Kontakt mit sich selbst: Ben Barnes in dem britischen Spielfilm »Das Bildnis des Dorian Gray« (2009) Foto: imago/ZUMA Press

Das 4. Buch Mose ist voll von aufregenden Ereignissen, die unseren Vorfahren widerfuhren, als sie durch die Wüste wanderten von Ägypten ins Gelobte Land.

Der Weg dorthin war alles andere als einfach. Zwei der wichtigsten Ereignisse werden in dieser und der Toralesung der nächsten Woche beschrieben. Obwohl keines von beiden etwas war, worauf man stolz sein kann, können wir viel daraus lernen.

Diese Woche lesen wir, wie Mosche Spione ins Gelobte Land aussandte. Statt eines ermutigenden Berichts über ihre faszinierende Reise berichteten sie darüber, wie furchterregend die Menschen seien, die sie in dem Land gesehen haben, und wie schlecht daher die Chancen stünden, das Land erfolgreich zu erobern.

Unsere Weisen sagen, dass die Spione die Anführer jener Generation waren. Dies seien sie nicht zufällig gewesen, sondern sie waren tatsächlich für ihre Position geeignet. Doch sie hatten Angst, sie würden durch den Einzug ins Heilige Land ihre Stellung verlieren. Deshalb redeten sie schlecht über die Herausforderungen, die ihrem Volk bevorstanden.

Rebellion Nächste Woche werden wir in unserem Wochenabschnitt von einer schrecklichen Rebellion gegen Mosche lesen, die von einem nahen Verwandten namens Korach angeführt wurde. Auch hier handelt es sich um Menschen, die von ihrer eigenen Sache absolut überzeugt sind.

Ein gemeinsames auffälliges Motiv beider Geschichten ist, dass in beiden Fällen die Hauptakteure große, bedeutende Männer waren. Damit meine ich nicht nur, dass sie einflussreich waren, wie vielleicht manche große Politiker oder Geschäftsleute, die nicht viel Gutes tun.

Nein, jene Männer waren tatsächlich großartig. Sie waren Zaddikim, äußerst rechtschaffene und herausragende Persönlichkeiten. Doch nahmen sie im falschen Moment den falschen Abzweig, und so wurden sie zu einem schrecklichen Beispiel für alle folgenden Generationen.

Nun könnten die Skeptiker einwenden: Wenn die Besten der Besten so streng beurteilt werden, wie ist es dann für uns einfache Menschen überhaupt möglich, ein anständiges Leben zu führen? Ist der Ewige wirklich so streng, dass es unmöglich ist, vor seinem Urteil zu bestehen?

Dies ist der falsche Ansatz. Größere Menschen gehen tatsächlich ein größeres Risiko für ihr Handeln ein. Sie müssen noch mehr nachdenken und mehr abwägen, bevor sie schließlich eine Entscheidung treffen.

Herausforderungen Doch seien Sie versichert: Der Ewige erwartet nie das Unmögliche von uns. Auch die Protagonisten unseres Wochenabschnitts waren mit allen notwendigen Werkzeugen ausgestattet, um mit den Herausforderungen umzugehen, vor denen sie standen.

Vielmehr ist die eigentliche Botschaft hinter den großen Taten der großen Menschen, dass wir groß werden – aber uns selbst danach infrage stellen müssen.

Groß zu werden bedeutet nicht, unfehlbar zu werden. Dies ist ein ganz anderes Bild als das, was uns manche Medien vermitteln. Dort ist das Leben oft schwarz und weiß: Schlechte Menschen tun schlechte Dinge, und gute Menschen tun gute Dinge.

Die Tora lehrt uns, differenzierter über uns selbst nachzudenken.
Die Medien verkaufen ein Produkt, das die Menschen gerne kaufen. Sie erzählen von den üblen Taten der bösen Menschen, die weit von uns normalen, anständigen Menschen entfernt sind. Die Menschen wollen diese Art von Geschichten hören, um sich selbst gut zu fühlen: Die sind schlecht, aber ich bin nicht wie sie.

Machen wir uns nichts vor: Wenn wir die Nachrichten über Kindesmissbrauch hören, macht uns das nicht zu besseren Menschen. Leider motivieren uns diese schrecklichen Informationen in den meisten Fällen nicht dazu, uns für die Unterdrückten einzusetzen. Auch das Bewusstsein, dass das Böse existiert, macht uns nicht unbedingt »vernünftiger«.

Genauso wenig können wir unsere Persönlichkeit verbessern, indem wir uns einen fiktiven Film über den Kampf »Gut gegen Böse« ansehen. Niemand hat je davon gehört, dass ein Filmfan zu einem herausragend rechtschaffenen Individuum geworden ist, weil er aus den Geschichten über Filmhelden gelernt hat.

Die Wahrheit ist, dass die Tora uns sogar davon abrät, das Gesicht eines bösen Menschen anzustarren (Talmud, Megilla 28a). Umso weniger ist es ratsam, den künstlerischen Ausdruck solcher Bosheit zu hören oder zu sehen!

Die Kehrseite der Medaille ist, dass es den Menschen, die durch diese ethischen und moralischen Quellen (wie Nachrichten oder Filme) beeinflusst sind, schwerer fallen wird, einzugestehen, dass sie selbst möglicherweise Fehler begangen haben oder Unzulänglichkeiten an den Tag legen. Denn sie lernen anhand der Medien nicht, sich immer wieder selbstkritisch zu hinterfragen, sondern werden mit dem konfrontiert, was sie gern sehen möchten, um sich selbst besser zu fühlen. Das ist ein gefährlicher Weg, denn er kann dazu führen, dass man anderen die Schuld gibt, anstatt sich selbst.

Selbstkritik Aus den Fehlern großer Persönlichkeiten der Tora können wir lernen, wie wichtig ständige Selbsterkenntnis und Selbstkritik sind.
»Glaube nicht an dich selbst bis zum Tag deines Todes«, heißt es in der Mischna (Avot 2,4). Rabbeinu Jona (1210–1264) erklärt, dass diese uralte Lehre ein großes Paradoxon enthält: Wenn wir tatsächlich in der Lage sind, die Richtigkeit unserer eigenen Wege ständig infrage zu stellen, dann haben wir doch eine gewisse Sicherheit, wirklich die richtige Entscheidung zu treffen.

Indem wir die bloßen Grundlagen des allgemeinen menschlichen Anstands erfüllen, geduldig, demütig und weise sind und sogar die Wege und Gebote der Tora befolgen, schaffen wir einen stabilen Boden für die Entwicklung unserer Persönlichkeit. Aber unsere Arbeit ist an diesem Punkt noch lange nicht beendet.

Ständiges Nachdenken und Kontemplation, die Verbindung zu den Weisen der Tora, das Besprechen wichtiger Entscheidungen mit ihnen und das Aufrechterhalten der Ehrfurcht vor Haschem in uns sind die Werkzeuge, die tatsächlich die Macht haben, uns zu besseren Menschen zu machen und unseren Ruf als gute Menschen zu schützen.

Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin.


inhalt
Mit G’ttes Erlaubnis sendet Mosche zwölf Männer in das Land Kanaan, um es auszukundschaften. Von jedem Stamm ist einer dabei. Zehn kehren mit einer erschreckenden Schilderung zurück: Man könne das Land niemals erobern, denn es werde von Riesen bewohnt. Lediglich Jehoschua bin Nun und Kalev ben Jefune beschreiben Kanaan positiv und erinnern daran, dass der Ewige den Israeliten helfen werde. Doch das Volk schenkt dem Bericht der Zehn mehr Glauben und ängstigt sich. Darüber wird G’tt zornig und will das Volk an Ort und Stelle auslöschen. Doch Mosche kann erwirken, dass G’ttes Strafe milder ausfällt.
4. Buch Mose 13,1 – 15,41

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