Megilla

Erhobenen Hauptes

Mordechai verneigt sich nicht vor Haman – weil Benjamin sich nicht vor Esaws Söhnen beugte. Foto: Thinkstock

Eine der Schlüsselszenen im Buch Esther ist die, als Mordechai sich nicht vor Haman verbeugen wollte. Diese Weigerung hätte beinahe zur Vernichtung des gesamten jüdischen Volkes geführt. Innerhalb von wenigen Sekunden rastete Haman aus – und beschloss, ein ganzes Volk auszurotten.

Doch warum reichte es ihm nicht, lediglich Mordechai zu bestrafen? Hamans Schwierigkeiten mit seinem »Wut‐Management« oder die Tatsache, dass er schon immer ein Antisemit war und nur auf einen Anlass gewartet hatte, seine Neigung auszuleben, scheinen als Erklärungsversuche für Hamans extreme Reaktion unzureichend. Eine weitere Frage, die uns beschäftigen soll, ist: Warum wollte sich Mordechai nicht vor Haman verbeugen? War er sich der möglichen Folgen denn nicht bewusst?

Amalek Es ist allgemein bekannt, dass der Konflikt mit dem amalekitischen Volk, dem Haman angehörte, uns durch das Purimfest begleitet. Die Amalekiter stellten eine Antithese zum jüdischen Volk dar und zu allem, wofür Israel steht. Sie zeichnen sich in der Tora durch den Ausdruck »ascher korcha baderech« aus – »er fand euch zufällig auf dem Weg« (5. Buch Mose 25,18). Sie symbolisieren den Zufall, eine g’ttlose Welt. Da das jüdische Volk hingegen für den Glauben an die g’ttliche Vorsehung steht, wird Israel befohlen, Amalek ganz und gar zu zerstören.

König Schaul aus dem Stamm Benjamin schaffte es nicht, die Amalekiter auszulöschen, und ließ ihren König Agag am Leben. Daher wurde Agag zu einem Vorfahren von Haman. Doch wo Schaul scheiterte, war ein weiteres Mitglied der Familie von Kisch aus dem Stamm Benjamin erfolgreich: nämlich Mordechai.

Um die Geschichte der Megilla besser verstehen zu können, müssen wir einen noch früheren Konflikt betrachten. Amalek ist ein Nachkomme Esaws. Und bei näherer Betrachtung ist die Geschichte von Jakow, der den Segen von Esaw stiehlt, voll sprachlicher und thematischer Parallelen zur Geschichte der Megilla.

wiederholung Vielleicht das auffälligste Beispiel: die fast wörtliche Wiederholung einer ganzen Phrase. Die Beschreibung von Esaw, als er bitterlich über den Verlust seines Segens weinte – »wajizak zeaka gedola umara ad meod« (und er schrie einen außerordentlich großen und bitteren Schrei, 1. Buch Mose 27,34) –, ähnelt auf unglaubliche Weise der Beschreibung von Mordechais Reaktion beim Hören von Hamans Erlass »wajizak zeaka gedola umara« (und er schrie einen großen und bitteren Schrei, Esther 4,1). Das Wort »wajiwes« (und er verschmäht) erscheint als Beschreibung von Esaws Haltung zu seinem Erstgeburtsrecht und Hamans Weigerung, nur Mordechai zu töten (1. Buch Mose 25,34 und Esther 3,6).

Sowohl Esaw als auch Haman wurden von brennendem Zorn auf ihre Gegner erfüllt. Riwka empfiehlt Jakow, wegzulaufen, bis der Zorn seines Bruders nachlässt – »ad ascher taschuw chamat achicha« (1. Buch Mose 27,44). Dem ähnlich sagt der Text, dass Haman mit Wut gegen Mordechai erfüllt wurde – »wajimale Haman al Mordechai cheima« (Esther 3,5). Schließlich schmieden sowohl Esaw als auch Haman geheime Pläne. »Wajomer Esaw bilibo«, sagte Esaw zu sich selbst (1. Buch Mose 27,41), und »Wajomer Haman bilibo«, sagte Haman zu sich selbst (Esther 6,6).

Segen Diese Parallelen sind nicht direkt. Kein Charakter entspricht ganz genau einem Charakter in der jeweils anderen Geschichte. Doch die Megilla steht in einer klaren Verbindung zur Geschichte vom gestohlenen Segen.

Eines der gemeinsamen Themen ist das Verbeugen. Wie bereits erwähnt, sind die Ablehnung Mordechais, sich zu verbeugen, und Hamans unangemessene Reaktion darauf wichtige Ereignisse in der Megilla. Der Segen, den Jakow stiehlt, lautet: »Völker werden dir dienen, Nationen sich beugen vor dir. Du wirst ein Herr sein deiner Brüder, die Söhne deiner Mutter werden sich vor dir verbeugen« (1. Buch Mose 27,29).

Obwohl Esaw der ältere Bruder ist, gewinnt Jakow die Oberhand. Es ist dieser Machtverlust, der Esaw dazu bringt, bitterlich zu weinen. Er plant heimlich, Jakow zu ermorden und seine Macht zurückzugewinnen. Dies veranlasst Jakow, zu seinem Onkel Lawan zu fliehen. Er heiratet dort und bekommt Kinder. Die ganze Zeit kann er aus Angst vor dem Zorn seines Bruders nicht ins Haus seiner Eltern zurückkehren.

Als Jakow endlich zurückkommt, macht er eine außerordentliche Verbeugung vor Esaw. Ihr erstes Treffen beginnt damit, dass er sich siebenmal vor Esaw verbeugt. Danach verbeugen sich ebenfalls jede seiner Frauen und alle seine Kinder.

Midrasch Der Midrasch greift die Tatsache auf, dass es ein Mitglied in der Familie Jakows gab, das bei ihrer Zeremonie der Niederwerfung nicht anwesend war: Benjamin war noch nicht geboren. Der Midrasch kommentiert die Stelle, als Mordechai sich vor Haman nicht verbeugen wollte. »Was hat Mordechai denen geantwortet, die sagten: ›Warum verstößt du gegen das Gesetz des Königs?‹ (…) Er (Mordechai) antwortete: ›Benjamin war noch nicht geboren‹« (Esther Rabba 7,8).

Beide Parteien sahen das Treffen von Jakow und Esaw als Präzedenzfall: Haman behauptet, dass Mordechai sich verbeugen muss, weil seine Vorfahren es getan haben. Mordechai verweigert dies, weil sein Vorfahre Benjamin sich nicht verbeugte.

Kein Wunder, dass dies Haman ein Dorn im Auge war. Im kollektiven Bewusstsein des amalekitischen Volkes ist die Vorstellung lebendig, dass sie die Macht verloren haben und sich vor den Kindern Israels beugen müssen. Mordechai versucht also, zur Machtstruktur zurückzukehren, die durch den Segen Jizchaks diktiert wurde.

Als Mordechai hört, dass die Ablehnung, sich zu verbeugen, zu Hamans schrecklichem Edikt geführt hat, tut er einen bitteren Schrei. Wie seinerzeit Esaw fühlt er, dass er seine Fähigkeit verloren hat, sich nicht verbeugen zu müssen.

Grösse Haman wird in der Megilla zunächst durch das Wort mit der Wurzel »gadol« charakterisiert, was »groß« bedeutet – genauso wie Jakows älterer Bruder Esaw in der Tora.

Haman glaubt, dass sich andere vor ihm verbeugen sollten. Die Megilla erzählt uns über Hamans Erhöhung: »Gidal Hamelech Achaschwerosch et Haman« (Esther 3,1). Haman beschreibt sogar seine eigene Größe mit dieser Wurzel. Er erzählt seinen Freunden, »et kol ascher gidlo hamelech« – wie groß der König ihn gemacht hatte (Esther 5,11). Haman ist der Ansicht, dass sein Status als »gadol« ihn zur Macht berechtigt.

Doch der Segen Jizchaks bedeutet, dass der jüngere Bruder der Größere wird. Umso ironischer ist die letzte Szene der Megilla, in der wir Haman lebend antreffen: Er wirft sich vor Esther nieder. Und als die Geschichte sich zu wenden anfängt, finden wir die Wurzel »gadol« im Zusammenhang mit Mordechai wieder. Im letzten Kapitel der Megilla, die aus nur drei Versen besteht, beschreibt diese Wurzel Mordechai nicht weniger als dreimal.

erbe Mordechais bleibendes Erbe ist es, ein großer Mann zu sein. Er setzt Jakows Segen wieder in Kraft und nimmt seine rechtmäßige Stellung als derjenige ein, vor dem die anderen sich verbeugen. Wo Jakow und Schaul scheiterten, war Mordechai erfolgreich.

Somit ist die Megilla‐Geschichte keine Erzählung eines lokalen Machtkampfs zwischen zwei Personen, sondern sie handelt von einer langjährigen Auseinandersetzung zwischen Brüdern und den Völkern, die diese Brüder begründet haben. Es ist die Geschichte eines benjaminitischen Helden, der keineswegs dem Kurs folgt, der ihm durch die Geschichte vorgegeben wird. Nein, Mordechai nimmt das Schicksal seines Volkes in die eigenen Hände und belebt einen Segen für Israel wieder, der beinahe seine Gültigkeit verloren hätte.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Osnabrück und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz.

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