Bereschit

Entscheide selbst!

Der Mensch ist für sein Handeln selbst verantwortlich. Foto: picture alliance / Zoonar

Wenn ein Viertel der Menschheit stirbt, handelt es sich um ein schreckliches Szenario – umso mehr, wenn es durch ein anderes Viertel geschah. Davon lesen wir in unserem Wochenabschnitt Bereschit, in dem der Mord Kajins an seinem Bruder Hewel – beide sind Söhne der ersten Menschen Adam und Chawa – beschrieben ist (1. Buch Mose 4).

Ein bemerkenswerter Aspekt besteht darin, wie sich G’tt in die Begebenheit einmischte. Vor wenigen Tagen, an Jom Kippur, standen wir im Gebet und bekannten vor G’tt: »Du kennst die Geheimnisse der Welt und die verborgenen Verstecke allen Lebens, Du durchforstest alle Kammern des Inneren und prüfst Niere und Herz.«

Opfergabe So greift G’tt auch direkt zu Beginn der Geschichte ein. Er stellt fest, dass Kajins Opfergabe nicht genauso aufrichtig gemeint war wie Hewels und nimmt deshalb nur die von Hewel an. Als dies Kajin sehr verdross, spricht G’tt zu ihm und mahnt: »Wenn du dich nicht besserst – am Eingang lagert die Sünde, die es nach dir gelüstet, doch du kannst über sie herrschen.« Aber Kajin lässt sich nicht eines Besseren belehren und wählt stattdessen die wohl schlimmste Alternative: den Brudermord.

Kaum geschehen, spricht G’tt erneut zu Kajin und fragt ihn: »Wo ist dein Bruder Hewel?« Kajin, dem die Allwissenheit G’ttes eigentlich bewusst sein sollte, gibt eine zwischen gespielter Ahnungslosigkeit und stirnbietender Frechheit anmutende Antwort: »Bin ich denn der Hüter meines Bruders?« Daraufhin trifft ihn der Zorn G’ttes: »Das Blut deines Bruders schreit zu Mir vom Erdboden auf!«

Wie konnte sich Kajin derart erdreisten, G’tt nicht nur frech anzulügen, sondern auch noch den Ahnungslosen zu spielen? Hatte er doch kurz davor am eigenen Leib erfahren müssen, dass G’tt selbst die verborgenen Gedanken und Wünsche im Herzen sieht, umso mehr die offenkundigen Tatsachen.

Der Midrasch Bereschit Rabba (22,9) versieht Kajins Frage nicht mit einem Frage-, sondern mit einem Ausrufezeichen: »Dies gleicht einem Stadtfürsten, der einen Ermordeten mitten in der Stadt vorfand, und einen, der direkt neben ihm stand (und ihn offensichtlich soeben ermordet hatte), fragt: «Wer hat diesen ermordet?» Der Mann neben ihm antwortete: «Ich fordere ihn von dir, und du forderst ihn von mir!?» Worauf der Stadtfürst entgegnete: «Du hast nichts gesagt!»

DIEB Die Kommentatoren tun sich mit dem Verständnis dieser Geschichte schwer, doch ein ergänzender Midrasch aus Tanchuma beleuchtet das Beispiel: «Welcher Sache gleicht diese Begebenheit (dem Gespräch zwischen G’tt und Kajin)? Einem Dieb, der in der Nacht Geräte stahl und erst am Morgen vom Wächter gefasst wurde. Der sagte zum Dieb: ›Warum hast du die Geräte gestohlen?‹ Dieser antwortete: ›Ich bin ein Dieb und bin meiner Tätigkeit nachgegangen. Du aber, deine Tätigkeit ist es, am Tor zu wachen, wieso hast du deine Tätigkeit vernachlässigt? Und nun sprichst du so mit mir?!‹ So sprach auch Kajin: ›Ich habe ihn getötet, weil Du (G’tt) in mir den bösen Trieb geschaffen hast. Aber Du, Wächter über alles, wie hast Du es zugelassen, dass ich ihn töte?! Du bist derjenige, Der ihn getötet hat!‹»

Dieses Zwiegespräch wiegt schwer und erschüttert. Nicht nur, dass Kajin sich der Schuld entzieht, gemäß dem Midrasch bezichtigt er auch noch G’tt des Mordes, den er selbst verübt hat: «Du hast mir den bösen Trieb gegeben, in Deiner Hand und Verantwortung als der Wächter über alles war es, die Tat zu verhindern, und Du fragst mich, wo mein Bruder ist? Bin ich etwa sein Hüter? Bist nicht Du es, Der ihn behüten sollte?»

Tatsächlich fällt auf, dass G’tt während der ganzen Begebenheit zugegen ist und sich einmischt: Zuerst nimmt Er nur Hewels, nicht aber Kajins Opfergabe an. Dann spricht Er zu Kajin und redet ihm zu, sich eines Besseren zu besinnen. Und kaum ist der Mord geschehen, «meldet sich» G’tt wieder und fragt, wo eigentlich Hewel sei. Nur an einer Stelle scheint der Allmächtige abwesend zu sein: beim Mord selbst! Genau das wirft Ihm Kajin vor und sagt Ihm direkt ins Angesicht: «Bin ich etwa meines Bruders Hüter?»

OPTION Doch so komplex und berechtigt dieser Gegenvorwurf auch erscheint – der Midrasch schmettert ihn mit wenigen Worten ab: «Du hast nichts gesagt» – ist da die Antwort des Stadtfürsten.

Übersetzt ins Zwiegespräch zwischen G’tt und Kajin heißt dies: «Kajin, wenn das deine Argumentation ist, hast du die von Mir erschaffene Welt nicht ansatzweise verstanden! Hätte Ich Mich, wie von dir gefordert, auch bei der Mordtat eingemischt und sie verhindert, dann wäre das ganze Prinzip der Willensfreiheit, der Grundstock und Endzweck der Schöpfung, sinnentleert oder erst gar nicht vorhanden. Wäre die Möglichkeit, sich für das Schlechte zu entscheiden, bloß eine hypothetische Option oder eine ohne Folgen, weil Ich Mich jederzeit doch noch rechtzeitig einmischte und das Übelste verhinderte, dann trüge der Mensch in Wirklichkeit keine Entscheidungskompetenzen und hätte für sein Handeln keine Verantwortung zu tragen. Dies sind aber die wesentlichen Elemente, wofür die Welt erschaffen wurde» (Maimonides, Hilchot Teschuwa 5,3).

Die Geschichte von Kajin und Hewel lehrt die Menschheit, dass die Willensfreiheit ein unerschütterliches, von G’tt gewolltes Gut ist, und dass infolgedessen schlechte Entscheidungen schlimme, tragische und höchst schmerzhafte Konsequenzen tragen können, denn der Mensch ist für sein Handeln selbst verantwortlich.

Der Autor ist Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien.

inhalt
Mit dem Wochenabschnitt Bereschit fängt ein neuer Jahreszyklus an. Die Tora beginnt mit zwei Berichten über die Erschaffung der Welt. Aus dem Staub der aus dem Nichts erschaffenen Welt formt der Ewige den Menschen und setzt ihn in den Garten Eden. Adam und Chawa wird verboten, vom Baum der Erkenntnis zu essen, der inmitten des Gartens steht. Doch weil sie – verführt von der Schlange – dennoch eine Frucht vom Baum essen, weist sie der Ewige aus dem Garten. Draußen werden ihnen zwei Söhne geboren: die Brüder Kajin und Hewel. Der Ältere, Kajin, tötet seinen Bruder Hewel.
1. Buch Mose 1,1 – 6,8

Justiz

Ehemaliger Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlin verurteilt

Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte den Angeklagten wegen eines sexuellen Übergriffs und sexueller Nötigung zu 10 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung

 23.01.2026

Talmudisches

Von hellen Tagen und dunklen Nächten

Was unsere Weisen über die Bedeutung von Licht und Dunkelheit lehren

von Vyacheslav Dobrovych  23.01.2026

Chidon Hatanach

Unser Fundament

Der Bibelwettbewerb, der nun in München in eine neue Runde geht, erinnert an den Kern der jüdischen Seele – die Texte der heiligen Schrift

von Rabbiner Dovid Gernetz  23.01.2026

Rezension

Eine Liebe in »bitterböser Zeit«

Die Briefe von Joseph Norden an Regina Jonas eröffnen einen völlig neuen Blick auf die erste Rabbinerin der Welt

von Mascha Malburg  23.01.2026

Bo

Funke der Hoffnung

Die Tora lehrt, wie wir auch in schweren Zeiten nie Glauben und Zuversicht verlieren

von Rabbiner Netanel Olhoeft  22.01.2026

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

Schweiz

Ein Eruv für Zürich

Unsichtbar im Stadtbild, spürbar im religiösen Alltag. Die größte jüdische Gemeinschaft der Schweiz spannt einen symbolischen Faden – und macht jüdisches Leben sichtbarer

von Nicole Dreyfus  20.01.2026 Aktualisiert

Talmudisches

Schlechter Atem als Scheidungsgrund

Was unsere Weisen über Mundgeruch wussten

von Detlef David Kauschke  16.01.2026

Rabbi Schalom Scharabi

Jedes Wort eine Intention

Der jemenitische Raschasch ist in unseren Breitengraden kaum bekannt. Dabei hat er schon im 18. Jahrhundert gelehrt, was auch heute wieder gefragt ist: ganz bewusst zu leben – und zu beten

von Vyacheslav Dobrovych  16.01.2026

Waera

Wahre Größe

Mosche blieb stets bescheiden – und ist damit ein Vorbild an vollkommener Demut

von Aviezer Kantor  15.01.2026