Talmudisches

Entdecker und Deuter

Rabbi Akiva, ein Gigant der mündlichen Tora

von Vyacheslav Dobrovych  29.03.2019 10:41 Uhr

Akiva ben Josef, besser bekannt als Rabbi Akiva (Druckgrafik aus dem 16. Jahrundert)

Rabbi Akiva, ein Gigant der mündlichen Tora

von Vyacheslav Dobrovych  29.03.2019 10:41 Uhr

Im Traktat Brachot (61b) berichtet der Talmud vom qualvollen Märtyrertod des Rabbi Akiva. Die Römer hatten das Torastudium verboten, doch dies hielt den Gelehrten nicht davon ab, weiterhin Tora zu lernen. Er wurde zum Tode verurteilt und mit eisernen Geräten gefoltert.

Während der Folter rezitierte er das Schma Jisrael. Seine Schüler fragten ihn, wie er in solch einem Moment an das Gebot des Schma Jisrael denken konnte. Er antwortete ihnen, er habe sein ganzes Leben darauf gewartet, G’tt selbst im Moment des Todes mit ganzem Herzen lieben zu dürfen.

Rabbi Akiva repräsentiert wie kein anderer die Persönlichkeit eines Giganten der mündlichen Tora. Einerseits war er bereit, für den Text der Tora zu sterben, andererseits war er ein Pionier in der Interpretation der Tora und scheute sich nicht davor, im Text des Tanach immer wieder neue Entdeckungen zu machen.

Vision Die originelle Arbeitsweise Rabbi Akivas wird im Talmudtraktat Menachot (29b) in Form einer Geschichte anschaulich dargestellt: Einst durfte Mosche in einer Vision in die Zukunft schauen. Er fand sich in einem Vortrag von Rabbi Akiva wieder, doch er verstand nicht, worüber die Studenten sprachen. Dies beunruhigte ihn. Wird sich die Tora dermaßen verändern, fragte er sich. Daraufhin wollte ein Student von Rabbi Akiva wissen, wie er zu seiner halachischen Meinung gelangt sei. Rabbi Akiva entgegnete ihm, dass bereits Mosche diese Halacha am Berg Sinai empfangen habe. Als Mosche verstand, dass sich das zukünftige Judentum immer noch auf die am Berg Sinai empfangene Tora berufen wird, war er beruhigt.

Rabbi Akiva repräsentiert wie kein anderer die Persönlichkeit eines Giganten der mündlichen Tora.

Rabbi Akivas Persönlichkeit scheint zwei Seiten zu haben. Er ist einerseits ein treuer Student der Tora, ein Eiferer, der für das Wort G’ttes bereit ist, sein Leben zu lassen. Und auf der anderen Seite hat er keine Angst, im Wort G’ttes immer wieder neue Botschaften und Interpretationen zu entdecken.

Um die Einheit dieser beiden Seiten Rabbi Akivas und auch anderer talmudischer Weisen zu verstehen, müssen wir zunächst das Zusammenspiel von mündlicher und schriftlicher Tora verstehen.

Mystik Die jüdische Mystik unterscheidet zwischen der Chochma, der Weisheit, und der Bina, dem Verständnis. Während die Chochma das rohe Material repräsentiert, beschreibt die Bina die Fähigkeit, das Gelernte in einen Kontext zu stellen, dem Material eine konkrete und nutzbare Form zu geben.

Ähnlich verhält es sich mit den Worten der Tora im Verhältnis zu den Worten der Weisen. Die Verse der Tora gleichen Steinen. Die Analyse, Kontextualisierung und halachisch relevante Schlussfolgerung der Weisen gleicht dabei einem Bauwerk. Ohne die Steine gäbe es kein Bauwerk, doch ohne die Erbauer wären es lediglich Steine. Vielleicht ist das die versteckte Intention des Talmuds, wenn er die Toragelehrten mit Bauarbeitern vergleicht (Brachot 64).

Übrigens ist das hebräische Wort Bnia (Bauen) eng mit dem Wort Bina verwandt. Vielleicht ist dies auch die Intention der Tora im Wochenabschnitt »Waetchanan«.

Dort lesen wir: »Hütet und tut sie (die Anweisungen der Tora), denn sie sind eure Chochma und eure Bina in den Augen der Völker, die von diesen Gesetzen hören werden und sagen: ›Nur ein weises und verständnisvolles Volk ist diese große Nation‹« (5. Buch Mose 4,6).

Übrigens ist das hebräische Wort Bnia (Bauen) eng mit dem Wort Bina verwandt.

Die Fähigkeit der Bina ermöglicht einen anhaltenden Dialog mit dem lebendigen G’tt. Wenn dieser Dialog pulsiert, so wird dies auch für alle anderen Völker erkennbar.

Das Studium der Tora ist daher ein Dialog mit G’tt und die Gesetzesfindung ein Akt der Partnerschaft. Das Wort G’ttes offenbart sich uns im Laufe der Geschichte aus verschiedenen Perspektiven. Sie werden von echten Toragelehrten erkundet und stellen die äußere Manifestation der Tora dar.

Israel

Rabbiner beantworten auf 600 Seiten Fragen zu Corona

Ultraorthodoxe Juden trifft die Pandemie besonders hart. Nun beantworten prominente Rabbiner die wichtigsten Fragen der Charedim zu Covid-19

 30.09.2020

NRW

Laschet reist für politische Gespräche und Papstaudienz nach Rom

Begleitet wird der Ministerpräsident unter anderen vom Kölner Gemeindechef Abraham Lehrer

 30.09.2020

Haftara

Kraft der Umkehr

An Jom Kippur lesen wir das biblische Buch Jona – eine Geschichte der Barmherzigkeit nicht nur für Israel

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  25.09.2020

Pandemien

Kuchen an Jom Kippur

Was Rabbiner früherer Zeiten ihren Gemeinden in Zeiten der Cholera empfahlen

von Rabbiner Avraham Radbil  25.09.2020

Bundesregierung

Felix Klein regt eine breite gesellschaftliche Debatte über Kirche in NS-Zeit an

Antisemitismusbeauftragter: »Es könnte zu einem Gewinn an Glaubwürdigkeit führen«

von Joachim Heinz  25.09.2020

Ha’asinu

Bilanz ziehen

Kurz vor seinem Tod legt Mosche vor Gott, dem Volk und vor sich selbst Rechenschaft über sein Lebenswerk ab

von Rabbinerin Gesa Ederberg  25.09.2020

Talmudisches

Eine Kränkung mit Folgen

Von Rav Rechumi, der seine Frau an Jom Kippur nicht besuchte

von Yizhak Ahren  25.09.2020

Halle

In die Zukunft schauen

Wie die jüdische Gemeinde ein Jahr nach dem Anschlag Jom Kippur feiert

von Rabbiner Elischa Portnoy  24.09.2020

G’ttesdienst

Zusammen mit den Sündern

Warum es so schwerfällt, auf den Synagogenbesuch an Jom Kippur zu verzichten

von Rabbiner Jaron Engelmayer  24.09.2020