Talmudisches

Eines Freundes Freund zu sein

Nichts geht über eine richtige Bromance. Foto: Ridofranz

Talmudisches

Eines Freundes Freund zu sein

Was unsere Weisen über die »Chewruta« lehren

von Netanel Olhoeft  27.08.2020 16:38 Uhr

»Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein, … mische seinen Jubel ein!« So heißt es in der »Ode an die Freude« des von der deutschen Neo-Orthodoxie des 19. Jahrhunderts bewunderten Dichters Friedrich Schiller.

Man möchte mit unseren talmudischen Weisen ergänzen: Die Freundschaft ist nicht nur ein »großer Wurf«, sondern weit mehr. Der babylonische Gelehrte Rawa führt diesbezüglich ein im vierten Jahrhundert n.d.Z. übliches, recht radikales Sprichwort an: »Entweder hat man einen Freund wie die Freunde Hiobs, oder man hat eben den Tod« (Bava Batra 16b).

Wer waren die Freunde des geplagten Aramäers Hiob? Was machte ihre Freundschaft aus, und was hat das mit dem Tod zu tun?

Haut Wie der Tanach uns berichtet, hatte Hiob kurz zuvor seine Kinder, seinen materiellen Besitz sowie seine Gesundheit verloren. Schmutzig und befallen von Ausschlag saß er nun auf der Erde, kratzte sich mit einer Tonscherbe die Haut und versuchte, seinen Schmerz zu lindern.

»Dies hörten die drei Freunde Hiobs …, und sie reisten an, jeder aus seinem Ort (aus fernen Ländern), … sie stimmten sich ab, zu Hiob zu kommen, um ihr Mitleid zu bezeugen und ihn zu trösten.«

Diese Tat der Fürsorge war es, die unsere Weisen als einen Höhepunkt biblischer Freundschaft verstanden. Nun, da Hiob nichts mehr besaß, das seinem Leben Halt geben konnte – und er auch dem physischen Tod nahe war –, sprangen seine Freunde in die Bresche.

Sorge Zunächst ohne Hintergedanken traten sie eine lange Reise an, um ihrem leidenden Freund beizustehen und ihm ein Ohr zu leihen. »Rabbi Assi sagt: Hat man eine Sorge im Herzen, so erzähle man sie anderen« (Joma 75a).

In diesem Sinne heißt es auch anderswo in der rabbinischen Literatur: »Was für einen Freund beschaffe man sich? … Einen, dem man alle seine Geheimnisse erzählen kann« (Avot de-Rabbi Natan 8,3).

Doch nicht nur der physische Tod kann einen in Abwesenheit der Freundschaft ereilen. Manchmal ist es auch ein sozialer oder geistiger. Aus diesem Grund erging bereits bei der Schöpfung das Diktum: »Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist«, woraufhin der Mensch als Mann und Frau geschaffen und anschließend in eine eheliche Verbindung geführt wird.

Tora Doch für unsere Weisen, für die das Studium der Tora als Inbegriff eines guten Lebens im Vordergrund stand, hatte die Freundschaft, aramäisch: »Chewruta«, neben der persönlichen Ebene auch noch eine andere Bedeutung: »Rabbi Jossi bar Chanina sagte: Ein Schwert komme über diejenigen Gelehrten, die die Tora allein studieren (und nicht in Lerngruppen), denn nicht nur, dass sie verdummen, sondern sie sündigen auch« (Ta’anit 7a).

Das gemeinschaftliche Studium galt in talmudischer und der späteren jüdischen Tradition als die Idealform des Lernens. Wer allein lernt, übersieht womöglich einiges, merkt sich weniger, hört keine Kritik, mit der er sich auseinandersetzen könnte. Auch beim Lernen ist also Freundschaft geboten.

Freundschaft »So wie ein Eisenstück ein anderes schärft, so schärfen auch zwei Toraschüler einander in ihrem Verständnis der Halacha« (Ta’anit 7a). Ohne Diskurs kein tiefes Lernen. Daher stammt die halachische Anweisung, nicht allein, sondern in »Chewruta«, in »Freundschaft«, zu lernen. Die Freundschaft wehrt dem geistigen Verfall.

Doch neben diesen Bedeutungen verkörpert die Freundschaft auch noch ein tiefergehendes mystisches Prinzip: Wenn zwei Menschen sich liebevoll oder kameradschaftlich zusammenschließen, so bildet diese Einheit nichts Geringeres als die Einheit der Menschheit mit G’tt und dessen Ewigkeit ab.

So wird also auch der Tod sinnbildlich zurückgedrängt: »Wenn jemand das Angesicht seines Freundes empfängt, dann ist das, als würde er das Antlitz G’ttes empfangen« (Eruvin 31a).

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  02.10.2026

Schemini Azeret

Ende und Anfang

Nach der langen Zeit der Feiertage beginnt der neue Jahreskreis

von Chajm Guski  02.10.2026

Simchat Tora

Im eigenen Rhythmus

Die fünf Bücher Mose bilden den Herzschlag des jüdischen Volkes

von Valentin Lutset  02.10.2026

Talmudisches

Frieden mit sich selbst und anderen

Was unsere Weisen über das innere Gleichgewicht und das Miteinander lehren

von Vyacheslav Dobrovych  01.10.2026

Feiertage

Gut gefüllt

Zu Sukkot gibt es eigentlich keine traditionellen Speisen wie an Rosch Haschana oder Pessach. Und doch essen sich gefülltes Gemüse, Teigtaschen und gestopfte Weinblätter in der Laubhütte besonders gut. Steckt mehr dahinter?

von Daniela Rusowsky  29.09.2026

Schweiz

Eine Sukka voller Fragen

Die Israelitische Cultusgemeinde Zürich hat ihre nichtjüdischen Nachbarinnen und Nachbarn in die Laubhütte eingeladen. Zu selbstgemachtem Hummus darf alles gefragt werden. Ein Besuch

von Nicole Dreyfus  25.09.2026

Zusammenhalt

Was uns verbindet

Sieben Tage feiern Juden in der Laubhütte. Der achte aber hat eine eigene Botschaft

von Rabbiner Elischa Portnoy  25.09.2026

Sukkot

Mit Herz und Sinnen

Welche Bedeutung die Vier Arten an Sukkot haben und warum sie den Menschen erfreuen

von Rabbiner Avraham Radbil  24.09.2026

Sukkot

»… und du sollst nur fröhlich sein«

Warum die Tora gerade das Laubhüttenfest zu einer Zeit unserer Freude erklärt

von Vyacheslav Dobrovych  24.09.2026