Nizawim-Wajelech

Einer für alle

Füreinander einstehen und Verantwortung tragen: »Einer für alle, alle für einen« – so lautet das Motto der drei Musketiere, über die Alexandre Dumas (1802–1870) in seinem gleichnamigen Historienroman geschrieben hat. Foto: picture alliance / The Advertising Archives

Paraschat Nizawim beginnt mit dem Bund, den Gʼtt mit seinem Volk schließt. Es heißt (5. Buch Mose 29, 9–14): »Ihr steht heute alle vor dem Ewigen, eurem Gʼtt: eure Häupter, eure Stämme, eure Ältesten und eure Beamten, jeder Mann Israels, eure Kinder, eure Frauen und der Fremde in deinem Lager (…), um in den Bund des Ewigen, deines Gʼttes, einzutreten und in Seinen Eid, den der Ewige, dein Gʼtt, heute mit dir schließt, damit Er dich heute zu Seinem Volk mache und Er dein Gʼtt sei, wie Er dir gesagt hat und wie Er deinen Vätern, Awraham, Jizchak und Jakow geschworen hat.« Weiter heißt es: »Nicht nur mit euch allein schließe ich diesen Bund und diesen Eid, sondern auch (…) mit denen, die heute nicht mit uns hier sind.«

Raschi (1040–1105) erklärt den Ausdruck »und mit denen, die heute nicht mit uns hier sind« als »auch mit den zukünftigen Generationen«. Der Maharal, Rabbi Löw von Prag (1522–1609), fragt, wie man einen Bund schließen könne mit jemandem, der noch nicht existiert.

Rabbi Isaak Arama (1420–1494) vertieft dieses Problem angesichts des Grundsatzes, dass niemand seinen Kindern und Nachkommen eine ewige Verpflichtung aus einem Schwur oder Gelübde hinterlassen könne, solange sie diese nicht im Erwachsenenalter durch Zustimmung oder Schweigen akzeptieren.

Keine ewige Verpflichtung ohne Zustimmung - oder Schweigen

Der Text in der Tora fährt fort: »Es könnte unter euch jemanden geben (…), dessen Herz sich heute von dem Ewigen, unserem Gʼtt, abwendet, um den Göttern jener Völker zu dienen, und es könnte unter euch eine Wurzel geben, die Gift und Wermut hervorbringt. Und wenn jemand die Worte dieses Eides hört und sich in seinem Herzen segnet und sagt: ›Friede wird mir sein, auch wenn ich in der Sturheit meines Herzens wandere‹ (…), dann wird der Ewige nicht vergeben, sondern der Zorn des Ewigen und seine Eifersucht werden gegen diesen Mann entbrennen (…), und der Ewige wird seinen Namen unter dem Himmel auslöschen. Der Ewige wird ihn von allen Stämmen Israels (…) trennen« (5. Buch Mose 29, 17–20).

Diese Verse erfordern eine Erklärung. Erstens: Was dachte sich der Mensch, den Bund zu brechen? Zweitens: Warum segnete er sich selbst, dass ihm nichts Schlechtes geschehen werde? Drittens: Warum muss man ihn von ganz Israel trennen, um ihn zu bestrafen?

Der Bund wird nicht mit dem Einzelnen, sondern mit dem gesamten Volk Israel geschlossen: Der Maharal erklärt, dass der Bund, den der Allmächtige mit Israel geschlossen hat, kein Bund mit Einzelnen ist, sondern ein Bund mit der Nation als Ganzes. Dieser Bund ist ewig und gilt auch für zukünftige Generationen, da er nicht mit einem Menschen aus Fleisch und Blut geschlossen wird, sondern mit dem, was »die Seele der Nation Israels« genannt wird, und daher ist auch jeder automatisch bei seiner Geburt verpflichtet, die Tora einzuhalten.

Die Seele eines Israeliten ist in ihrem Ursprung mit der Seele der ewigen Nation Israel verbunden

Da jede Seele eines Israeliten in ihrem Ursprung mit der Seele der ewigen Nation Israel verbunden ist, ist es verständlich, dass, so wie die Nation ewig ist, sich auch die Heiligkeit Israels ewig auf jede Generation und auf jedes einzelne Mitglied Israels überträgt, ungeachtet seiner Taten.

Der Prophet Jehoschua (7,11) schreibt: »Israel hat gesündigt« – es heißt nicht »das Volk hat gesündigt«, sondern »Israel«, um uns zu lehren, auch wenn sie sündigen, bleiben sie Israel. Ein Jude hört nicht auf, an den Bund mit Gʼtt gebunden zu sein, selbst wenn er die Wege des Ewigen verlässt.

Wäre der Bund eine individuelle Angelegenheit zwischen dem einzelnen Menschen und Gʼtt, gäbe es keinen Grund für die gegenseitige Verantwortung ganz Israels füreinander, da jeder nach seinem Glauben leben würde und seinen privaten Bund brechen könnte, ohne dass dies die Gültigkeit des Bundes seines Nächsten beeinträchtigt. Doch gemäß der Erklärung des Maharal, wonach dieser Bund zwischen dem Allmächtigen und der gesamten Nation besteht und nicht mit jedem Einzelnen, kann man den Grundsatz »Ganz Israel haftet füreinander« verstehen.

»Ganz Israel haftet füreinander«

So finden wir im Midrasch Wajikra Rabba (4,6) die Worte von Rabbi Schimon Bar Jochai: »Ein Gleichnis für Menschen, die auf einem Schiff saßen. Einer von ihnen nahm einen Bohrer und begann, unter sich in seiner Kabine zu bohren. Seine Gefährten sagten zu ihm: ›Was tust du?‹ Er sagte zu ihnen: ›Was kümmert es euch, ich bohre doch nur unter mir.‹ Da sagten sie zu ihm: ›Das Wasser steigt und überflutet das ganze Schiff.‹«

Weil der Sünder der Meinung war, der Bund sei nur mit der gesamten Nation geschlossen, womit der Verstoß des Einzelnen keine Auswirkung auf das ganze Volk habe, und er ferner durch die vielen Gerechtigkeiten der Gerechten weiterlebe, sei ihm der Friede gesichert. Deshalb schreibt die Tora, dass der Ewige ihm nicht vergeben wird. Im Gegenteil, weil der Bund mit dem gesamten Volk geschlossen wurde und jeder als untrennbarer Teil der Nation angesehen wird, gilt die Sünde des Einzelnen als Vertragsbruch.

Daher heißt es, dass Gʼtt diese Person vom Ganzen absondern und individuell bestrafen wird, als wäre sie nicht ein Teil des Ganzen, entsprechend dem wichtigen Prinzip »Mida keneged mida«, Maß für Maß. Er war der Meinung, dass ein Einzelner keinen Einfluss auf das Ganze hat, deshalb wird er auch als ein Einzelner bestraft, und die Taten der Gerechten werden ihm nicht helfen.

Von den Wasserträgern bis zu den Stammesführern: Jeder ist verantwortlich

Der Bund betraf jeden Bereich der Gesellschaft im Volk Israel, von den Wasserträgern bis zu den Stammesführern, denn jeder ist verantwortlich, innerhalb seines sozialen Rahmens zu handeln. So wie die Weisen sagten: »Jeder, der die Macht hat, Protest in der ganzen Welt zu erheben und es nicht tut, wird für die ganze Welt verantwortlich gemacht; jeder, der die Macht hat, in seiner Stadt zu protestieren und es nicht tut, wird für seine Stadt verantwortlich gemacht; und jeder, der die Macht hat, in seinem Haus zu protestieren und es nicht tut, wird für sein Haus verantwortlich gemacht.«

In jedem Juden ist ein g’tt­li­cher Funke, der von der ewigen »Seele der Nation Israels« stammt. Dieser Funke bleibt in seiner Seele für immer eingeprägt, ungeachtet seiner äußeren Taten. Deshalb gilt der Bund für jede Person Israels in allen Generationen.

Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin.

INHALT
Im Zentrum des Wochenabschnitts steht der Bund des Ewigen mit dem gesamten jüdischen Volk. Diesmal sind ausdrücklich auch diejenigen Israeliten miteinbezogen, die nicht anwesend sind: die künftigen Generationen. G’tt versichert den Israeliten, dass Er sie nicht vergessen wird, doch sie sollen die Mizwot halten.
5. Buch Mose 29,9 – 30,20

Im Wochenabschnitt Wajelech geht es um Mosches letzte Tage. Er erreicht sein 120. Lebensjahr und bereitet die Israeliten auf seinen baldigen Tod vor. Er verkündet, dass Jehoschua sein Nachfolger sein wird. Die Parascha erwähnt eine weitere Mizwa: In jedem siebten Jahr sollen sich alle Männer, Frauen und Kinder im Tempel in Jerusalem versammeln, um aus dem Mund des Königs Passagen aus der Tora zu hören. Mosche unterrichtet die Ältesten und die Priester von der Wichtigkeit der Toralesung und warnt sie erneut vor Götzendienst.
5. Buch Mose 31, 1–30



Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Unsere Autorin ist in dem Kibbuz aufgewachsen, der durch das Massaker traurige Bekanntheit erlangte. Eines der prägendsten Feste ihrer Kindheit war das Wochenfest – wird jene Freude je wieder zurückkehren?

von Eshkar Eldan Cohen  21.05.2026

Schawuot 2

Mit offener Hand

Das Gebot des Zehnten ist weit mehr als eine soziale Maßnahme. Es ist eine geistige Übung

von Rabbiner Joel Berger  21.05.2026

Jerusalem

Auf den Spuren der Pilger

Seit Januar kann man auf jener Straße gehen, auf der zu Schawuot einst Juden ihre Früchte zum Tempel brachten. Die Ausgrabungen bekräftigen religiöse Überzeugungen – und entfachen politische Konflikte

von Detlef David Kauschke  21.05.2026

Schawuot

Sei wie ein kleiner Berg

Der Ewige wählte nicht den höchsten Gipfel der Wüste Sinai für die Offenbarung der Tora. Dahinter steckt eine Botschaft

von Rabbiner Avraham Radbil  21.05.2026

Religionen

Rabbiner: Juden, Christen und Muslime können einander stärken

Der Nahostkrieg hat auch Auswirkungen auf Gesellschaften in Europa und den USA. Ein niederländischer Rabbiner schreibt, was Juden, Christen und Muslime dennoch einander bedeuten können - und welche Werte sie teilen

von Leticia Witte  21.05.2026

Interreligiöser Dialog

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen mehr Austausch

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen sich intensiver austauschen. Am Mittwoch kamen Delegationen in Berlin zusammen, um einen festen Turnus festzulegen

 20.05.2026

Fest

Magdeburger Synagogen-Gemeinde hat neue Torarolle eingeweiht

Mit dem Fest der Toravollendung konnte die neue Torarolle der Magdeburger Synagogen-Gemeinde eingeweiht werden. Traditionell wurden die 5 Bücher Mose von einem Sofer genannten Schreiber in Israel angefertigt

von Thomas Nawrath  20.05.2026

Konflikt

»Große Irritation« nach Gründung eines neuen liberalen Rabbinatsgericht

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin und die Union progressiver Juden haben ein Beit Din gegründet. Die Allgemeine Rabbinerkonferenz kritisiert den Schritt als »Spaltungsmanöver«

von Mascha Malburg  19.05.2026

Klang

Ewiges Nachhallen

Warum die Israeliten in die Stille der Wüste ziehen mussten, um das Wichtigste zu hören

von Rabbiner Jaron Engelmayer  17.05.2026