Talmudisches

Eine Sechs und fünf Nullen

Foto: Getty Images/iStockphoto

Sechshunderttausend – so viele Juden etwa lebten 1948 unmittelbar vor der Staatsgründung Israels im damaligen Mandatsgebiet Palästina. Eine Schicksalszahl. Die 600.000 begleitet uns durch die gesamte jüdische Literatur.

Im Talmud (Gittin 57a) wird im Namen von Rabbi Jochanan berichtet, dass König Jannai, der von 103 bis 76 v.d.Z. über Judäa herrschte, 600.000 Städte auf dem »Berg des Königs« baute. In jeder dieser Städte lebten 600.000 Einwohner. Wenn man diese Aussage wörtlich nimmt, dann behauptet der Talmud, dass im Israel der Antike 360 Milliarden Menschen lebten. Es ist kaum vorstellbar, dass die Autoren des Talmuds ihre Angaben wörtlich nahmen. Was also hat diese Geschichte zu bedeuten?

EXODUS Im 2. Buch Mose (12,37) lesen wir vom Auszug aus Ägypten: »Es waren an die 600.000 Mann zu Fuß, nicht gerechnet die Kinder.« Am Ende der Wüstenwanderung, 40 Jahre nach dem Auszug aus Ägypten, beträgt die Anzahl immer noch circa 600.000 (4. Buch Mose 26,51). Historiker halten diese hohen Zahlen für unrealistisch und verwerfen den Exodus unter anderem deswegen als Mythos. Wenn wir den Text der Tora dennoch wörtlich nehmen, stellt sich die Frage: Warum hat sich die Anzahl der Israeliten während der Wüstenwanderung kaum verändert?

Weitere Quellen der jüdischen Tradition erwähnen die Zahl 600.000. So sagt der Talmud (Schabbat 88a), dass während der Empfängnis der Tora 600.000 Engel vom Himmel herabstiegen. Und im Sohar, dem Hauptwerk der Kabbala, heißt es, die Tora enthalte 600.000 Buchstaben. Es gibt zwar nur rund 300.000 Buchstaben in der Tora, doch die Kommentatoren erklären, dass ein Buchstabe aus mehreren Teilbuchstaben bestehen kann.

Das Alef beispielsweise besteht aus zweimal Jud und einem Waw. Die einzelnen Teilbuchstaben ergeben dann insgesamt 600.000.
Der Arizal, Rabbi Jitzchak Luria (1534–1572), lehrt, dass das jüdische Volk aus 600.000 Seelen besteht. Diese unterteilen sich in jeweils 600.000 Seelenteile. Dies bedeutet, dass sich mehrere Menschen eine Seele teilen können.

BRACHA Laut der Halacha muss man beim Anblick von 600.000 Juden an einem einzigen Ort den Segen »Gepriesen seist Du, G’tt, König des Universums, Inhaber der Weisheit der verborgenen Geheimnisse« sprechen. Laut dem Rambam, Maimonides (1138–1204), gilt dieses Gesetz nur in Israel. Nach Ansicht von Rabbi Josef Karo (1488–1575) gilt es überall auf der Welt.

Rabbi Yaakov Abuchatzira (1806–1880) lehrt, dass das Torastudium deshalb so wichtig ist, weil die 600.000 Buchstaben der Tora als Schutz für die 600.000 Seelen Israels fungieren. Jeder Buchstabe hat eine dazugehörige Seele.

Rabbi Hillel Rivlin (1758–1838), ein direkter Vorfahre des ehemaligen israelischen Präsidenten Reuven Rivlin, schreibt im Namen des Gaon von Wilna (1720–1792), dass die Einwanderung von 600.000 Juden ins Heilige Land die Ankunft des Maschiach vorantreiben würde.

Zusammenkunft Was hat es mit dieser Zahl auf sich? Sie scheint auf eine Zusammenkunft zur Heiligkeit hinzuweisen.

Rabbi Jochanan aus der am Anfang zitierten talmudischen Passage lebte im 3. Jahrhundert n.d.Z. im Heiligen Land. In jener Zeit wurde die jüdische Bevölkerung immer mehr zur Minderheit, und die traumatischen Erlebnisse des Bar-Kochba-Aufstandes ließen jegliche Hoffnung auf Selbstbestimmung verblassen. Der Talmud leitet die Geschichte über die Städte auf dem »Berg des Königs« mit einem Vers aus dem Buch Eicha, den sogenannten Klageliedern, ein: »Der Herr hat vertilgt und nicht verschont alle Wohnungen Jakows (…), zu Boden geworfen und entweiht hat er ihr Königreich« (2,2).

König Jannai war einer der letzten souveränen Herrscher vor der Ankunft der Römer, doch er verhielt sich unwürdig und mörderisch. Vielleicht ist diese Geschichte eine Erzählung davon, wie die Zusammenkunft zur Heiligkeit auch wieder verloren gehen kann.

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  28.06.2026 Aktualisiert

Chukat–Balak

Stärken und Schwächen

Unser Blick auf das eigene Volk ist manchmal nicht besonders positiv. Da hilft ein Perspektivwechsel

von Rabbiner Jaron Engelmayer  26.06.2026

Chabad

Jüdische Gemeinde verschiebt Fest wegen Hitze

Neuer Termin nun Ende August

 25.06.2026

Interview

»Eine Gemeinde muss wie ein Business geführt werden«

Vor 30 Jahren reiste Rabbiner Yehuda Teichtal mit einem One-Way-Ticket nach Deutschland und baute die Berliner Chabad-Gemeinde auf. Ein Gespräch über Glauben und Management

von Mascha Malburg  25.06.2026

Talmudisches

Beratungsklau

Was unsere Weisen über ehrliches Einkaufen lehrten

von Detlef David Kauschke  25.06.2026

Jubiläum

Fünf Jahre jüdische Seelsorge der Bundeswehr: Militärrabbiner Zsolt Balla zieht Bilanz

Seit dem Start der jüdischen Militärseelsorge vor fünf Jahren wächst ihre Bedeutung in der Truppe. Sieben Militärrabbiner tun inzwischen Dienst. Ein Fazit - mit Blick auf Zeitenwende und deutsche Geschichte

von Karin Wollschläger  23.06.2026

Bundeswehr

Fünf Jahre Militärrabbinat

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) betonte, die Jüdische Militärseelsorge bereichere den Dienstalltag und schärfe die ethische Orientierung der Streitkräfte

 22.06.2026

Talmudisches

Schlaf

Was unsere Weisen über die Nachtstunden lehren

von Chajm Guski  19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026