Corona-Krise

»Eine kritische Situation«

Andreas Nachama Foto: Chris Hartung

Corona-Krise

»Eine kritische Situation«

Rabbiner Andreas Nachama zu religiösen Online-Angeboten, Synagogen und Netzwerken

von Heide Sobotka  17.04.2020 08:24 Uhr

Herr Rabbiner, der Leipziger Theologe Alexander Deeg sieht in der Corona-Krise auch die Chance, sich bei den vielen digitalen Angeboten jetzt intensiver mit anderen Religionen zu beschäftigen. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Das entspricht nicht meiner persönlichen Erfahrung. Junge Leute sehen sich Strea­mings nur zwei Minuten lang an und zappen dann weiter. Obwohl auch ich mit meinen Kollegen vom »House of One« eine kleine Andacht ins Netz gestellt habe, muss ich sagen, dass diese Internet-Angebote wenig mit dem zu tun haben, was in einer Synagoge, einer Kirche oder Moschee passiert.

Es gibt verschiedene Live-Gebetsaktionen im Netz. Was halten Sie davon?
Ich selbst habe für meine Gemeinde meine Predigt für Schabbat nicht nur verschickt, sondern diese auch gehalten. Ich musste danach erst einmal eine Stunde spazieren gehen, weil das schon eine sehr seltsame Erfahrung ist. Sie stehen vor leeren Bänken und reden, das ist nicht wie im Studio oder bei einer Generalprobe. Die Angebote im Internet können kein Ersatz für gemeinsames Beten, für Liturgie und Interaktion sein. In der Synagoge entsteht etwas, woran das Internet nicht einmal ansatzweise heranreicht.

Ist es dann vergebliche Liebesmühe, so etwas anzubieten?
Nein. Wer glaubt, dass es ihm guttut, der findet etwas darin. Deswegen bieten wir es auch an. Meine Erfahrung aus vielen Jahren ist, dass es Menschen, die krank oder allein sind, sehr schwerfällt, eine befriedigende Situation am Schabbat oder Feiertag mit Kerzenzünden und Kiddusch herzustellen.

Manche sagen: »Wir waren noch nie so isoliert, aber auch noch nie so eng miteinander verbunden.« Haben Sie den Eindruck, dass sich die Menschen jetzt mehr umeinander kümmern?
Ich beobachte immer – und das habe ich auch vor Corona gemacht –, wer in der Synagoge fehlt, rufe die Leute an oder schreibe ihnen eine Mail und frage, was los ist. Und dann kann man entsprechend helfen. Ich kann mit solchen Wendungen wie »Das Gute im Schlechten finden« nichts anfangen. Wir müssen sehen: Es ist eine ganz kritische Situation, in der wir uns, die Gemeinden und jeder Einzelne sich befindet. Dass es da auch neue Netzwerke gibt oder der ein oder andere aktiver ist als in normalen Zeiten, das mag sein. Die Stimmung ist meiner Meinung nach aber sehr schlecht.

Wie kann man sie verbessern?
Wir müssen wirklich sehen, wie wir von Woche zu Woche vorankommen. Am Ende geht es auch darum, dass jeder Einzelne gesund bleibt und dass möglichst wenige Menschen von dieser Welt gehen, weil sie an dem Virus erkranken. Nichts schützt davor außer Händewaschen – und damit sind wir schon hilflos genug.

Mit dem jüdischen Präsidenten des deutschen Koordinierungsrates und Berliner Rabbiner sprach Heide Sobotka.

Talmudisches

Geister

Was antike jüdische Überlieferungen über Besucher aus dem Jenseits erzählen

von Rabbinerin Yael Deusel  04.06.2026

München/Jerusalem

Rabbinerkonferenz weist Kritik an deutschen Yad-Vashem-Standorten zurück

Die geplanten Außenstellen von Yad Vashem in Deutschland stoßen auch auf Skepsis. Doch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz warnt davor, die Arbeit der Gedenkstätte zum Gegenstand politischer Abrechnungen zu machen

 31.05.2026

Bonn

»Es ist ein Bruch eingetreten.«

Rabbiner Andreas Nachama betonte, dass Jüdinnen und Juden immer weiter in eine »Defensivposition« gebracht würden. Eine Studientagung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit lotete aus, wie es anders gehen könnte

von Leticia Witte  31.05.2026

Antwerpen

Belgien: Empörung über Anklage gegen jüdische Beschneider

Wegen Anklagen gegen zwei jüdische Beschneider kritisieren jüdische Vertreter die belgischen Behörden scharf. Die European Jewish Association wirft der Staatsanwaltschaft vor, die Religionsfreiheit zu verletzen - Belgien weist dies zurück

von Marlene Brey  27.05.2026

Nasso

Raum für die g’ttliche Präsenz

Warum das Lesen dieses Wochenabschnitts beim Finden eines Ehepartners hilfreich sein soll

von Vyacheslav Dobrovych  24.05.2026

Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Unsere Autorin ist in dem Kibbuz aufgewachsen, der durch das Massaker traurige Bekanntheit erlangte. Eines der prägendsten Feste ihrer Kindheit war das Wochenfest – wird jene Freude je wieder zurückkehren?

von Eshkar Eldan Cohen  21.05.2026

Schawuot 2

Mit offener Hand

Das Gebot des Zehnten ist weit mehr als eine soziale Maßnahme. Es ist eine geistige Übung

von Rabbiner Joel Berger  21.05.2026

Jerusalem

Auf den Spuren der Pilger

Seit Januar kann man auf jener Straße gehen, auf der zu Schawuot einst Juden ihre Früchte zum Tempel brachten. Die Ausgrabungen bekräftigen religiöse Überzeugungen – und entfachen politische Konflikte

von Detlef David Kauschke  21.05.2026

Schawuot

Sei wie ein kleiner Berg

Der Ewige wählte nicht den höchsten Gipfel der Wüste Sinai für die Offenbarung der Tora. Dahinter steckt eine Botschaft

von Rabbiner Avraham Radbil  21.05.2026