Simchat Tora

Ein Fest der Freude

Sefarden feiern: Simchat Tora in Jerusalem Foto: dpa

Mit großer Vorfreude und Spannung wird Simchat Tora, das Freudenfest der Tora, von vielen erwartet. Manche mögen den außergewöhnlich fröhlichen Charakter des Festes, für andere bedeutet es die lang ersehnte Entspannung und Erholung am Ende einer Reihe von Feiertagen, die im Monat Tischri aufwarten und uns auf Trab halten – »Herbstmanöver«, wie sie in meiner Gemeinde in Köln gerne genannt werden.

Simchat Tora ist tatsächlich in vielerlei Hinsicht ein außergewöhnliches Fest, was wohl einigen Aspekten zuzuschreiben ist. Das Fest steht nicht nur für das Ende der Herbstfeiertage, sondern gleichzeitig auch für die Beendung der Tora‐Vorlesung und deren Wiederbeginn. Während des ganzen Jahres wird Woche für Woche jeweils am Schabbat ein Wochenabschnitt aus der Tora vorgelesen. Diesen Jahreszyklus beendet die Lesung des letzten Wochenabschnittes »Wesot haBracha« an Simchat Tora, der einzige Abschnitt der Tora, der nicht am Schabbat gelesen wird! Direkt anschließend wird der Beginn der Tora vorgelesen.

liebe Damit kommt unsere Liebe zur Tora zum Ausdruck: Wir wollen sie nicht loslassen, sie nicht beenden und zur Seite legen, sondern direkt fortfahren, sie von Neuem zu lesen und zu studieren (laut Nachale Jehuda). Selbst der Satan bekommt damit keine Gelegenheit, das jüdische Volk anzuklagen und es zu beschuldigen, dass es, G’tt behüte, der Tora überdrüssig sei und sich nicht mehr mit ihr beschäftigen wolle (so Rabbi Jaakow ben Ascher, der Baal ha‐Turim). Außerdem vermitteln wir damit, dass die Tora kein Ende kennt, sondern stets von Neuem vertieft werden kann (so Knesset Jecheskel). Jung und Alt lesen und entdecken in ihr stets neue Erkenntnisse und Anleitungen fürs eigene Leben!

So erfahren wir auch den Verlauf des jüdischen Kalenderjahres mit seinen Feiertagen: Nicht wie ein wiederkehrender Kreislauf, sondern wie eine fortlaufende Spirale, auf der man einerseits stets wieder an denselben Punkt zurückkehrt (von oben betrachtet), und andererseits eine stete Entwicklung aufwärts stattfindet (von der Seite betrachtet). Wir bauen auf den bisherigen Errungenschaften auf, stützen uns auf sie und beziehen neue spirituelle Kraft aus ihnen, um die nächste Stufe erreichen zu können.

Torastudium »Ojlem habe is a gite Sach, Tojre lernen is a bessre Sach …« So lautet der Refrain eines jiddischen Liedes: »Die zukünftige Welt ist eine gute Sache, Tora zu lernen eine noch bessere …« Das Torastudium und dessen Bedeutung gehören zum grundlegenden Selbstverständnis des Judentums und stellen einen Selbstwert dar, der laut der Brajta im Traktat Pea, die wir jeden Morgen zum Morgengebet zitieren, dem Wert aller anderen Gebote entspricht.

Interessanterweise finden wir einerseits die Anweisung im ersten Kapitel des Buches Jehoschua, die Tora Tag und Nacht zu studieren. Andererseits gibt es keinerlei Vorgaben darüber, welchen Inhaltes dieses Torastudium zu sein hat! Die freie Wahl zwischen den völlig unterschiedlichen Bereichen, Themen, Kapiteln, Inhalten und Lernformen innerhalb der Heiligen Schriften des Judentums ist dem Lernenden überlassen, mit einer Ausnahme: dem Wochenabschnitt. Dieser soll von jedem Juden jeweils auf den Schabbat hin studiert werden, nach dem Prinzip »schnajim mikra echad targum« – zwei Mal den Text lesen und einmal die (aramäische Onkelos)-Übersetzung beziehungsweise den (Raschi)-Kommentar dazu.

megafeier Wenn mit Simchat Tora der letzte Wochenabschnitt erreicht wird, kommt gleichzeitig das einzige gemeinsame Torastudium zu seinem Abschluss – wahrhaft ein Grund für eine gemeinsame Megafeier! Oder etwas traditioneller ausgedrückt: für einen »Sijum« (wörtlich »Abschluss« – in der Regel eines gelernten Traktates). An dieser Feier sollen auch alle teilhaben, genauso wie am Torastudium, weswegen jeder Einzelne zur Toralesung an diesem Tage aufgerufen wird. Um dies zu bewerkstelligen, wird der Abschnitt »Wesot ha‐Bracha« so oft gelesen und wiederholt, bis der letzte Anwesende einen Aufruf hatte!

Oft teilen sich die Anwesenden zu diesem Zweck zeitsparend auf mehrere Toralesungen in verschiedenen Räumen der Synagoge auf. Bezeichnenderweise besteht dieser letzte Wochenabschnitt, wie es schon dessen Name besagt, aus lauter Segen: nämlich denjenigen Segenssprüchen, welche Mosche den einzelnen Stämmen auf ihre weiteren Wege mitgibt. Von diesem Segen soll auch jeder Aufgerufene etwas abkriegen. Außerdem sollen alle Feiertage dieses Monates mit einem großen Segen beendet werden (Rabbenu Nissim).

aufruf Auch die Kinder haben an diesem Fest die jährlich einmalige Gelegenheit, einen Aufruf zur Tora selbst mitzumachen! Der sogenannte »Schischi im kol ha‐nearim« – »Sechstaufgerufene mit allen Jünglingen« – wird von der Schar der anwesenden Kinder bei seinem Aufruf Wort für Wort begleitet und segnet sie abschließend mit dem Vers »hamalach hagoel …«(laut Schaare Efraim). In der Synagogen‐Gemeinde Köln (wie auch in vielen anderen Synagogen) ist der Anblick der sich tummelnden Kinderschar unter den ausgebreiteten Tallitot rund um die Torarolle wahrlich herzerwärmend und einer der erhabensten Höhepunkte des G’ttesdienstes!

Solche Momente brennen sich in das Gedächtnis der Kinder ein und bewirken mehr als 1000 Worte! Eines der letzten Gebote der Tora, »Hakhel« (»versammle«), schreibt vor, das ganze jüdische Volk alle sieben Jahre zum Sukkotfest zu versammeln, damit der König ihnen im Tempelvorhof aus der Tora vorlese (5. Buch Mose 31, 10–13). Ausdrücklich werden bei der Versammlung nicht nur Männer und Frauen, sondern auch die Kleinkinder genannt. Wozu sollen diese teilnehmen, obwohl sie den Inhalt des Vorgetragenen noch nicht verstehen können?

stille Nicht der Inhalt der vorgetragenen Worte, sondern der Gesamteindruck des sich einprägenden Erlebnisses ist von Bedeutung! Um mitzuerleben, wie das ganze Volk zu Abertausenden dicht gedrängt steht und in ehrfurchtvoller Stille dem König lauscht, wie dieser aus der Tora vorliest! Auch wenn das Kind kein Wort versteht: Dieses Bild wird es nicht mehr loslassen. Die Wertschätzung und Ehrung der Tora werden in ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Um die Kinder nicht nur auf spiritueller Ebene zu begeistern, ist es vielerorts Brauch, sie zu Simchat Tora zu beschenken, etwa durch Tüten voller Süßigkeiten. Dieser Brauch trägt bestimmt zur freudigen Erwartung der Kinder auf das Fest bei, dient jedoch nicht bloß der reinen Bestechung. Vielmehr soll sich das Freudenfest rund um die Tora den Kindern assoziativ mit etwas Süßem verbinden, den Worten des Psalmes 19 folgend: »Die Satzungen des Ewigen sind Wahrheit … süßer als Honig … «

Noch gut kann ich mich daran erinnern, wie ich selbst ein Kind war und mich an den vielen Süßigkeiten und Spielzeug erfreute, die von den Erwachsenen in der Synagoge der Israelitischen Religionsgemeinschaft Zürich (IRG) zu Simchat Tora zuhauf in die offene Tüte gesteckt wurden. Damals war ich davon überzeugt, dass der Grund, weswegen Simchat Tora nie auf Schabbat fällt, Rücksichtnahme auf die Kinder sei, damit diese die vielen Süßigkeiten mit nach Hause nehmen können (was nur am Feiertag während der Woche erlaubt ist, nicht aber, wenn er auf Schabbat fällt).

Diaspora Später vervollständigte sich mir diese Theorie: In Israel kann Simchat Tora auf Schabbat fallen, da das Fest einen Tag früher als in der Diaspora zusammen mit Schemini Azeret gefeiert wird (die Feiertage werden in Israel mit Ausnahme von Rosch Haschana nur einen Tag gefeiert, und nicht wie in der Diaspora zwei Tage). Das machte Sinn, denn in Israel gibt es in den meisten Städten und Ortschaften einen Eruv, welcher das Tragen am Schabbat erlaubt, wodurch die Kinder ihre ergatterten Kostbarkeiten also auch dann nach Hause nehmen können!

Noch später fand ich heraus, dass die Halacha die natürlich sehr wichtigen Bedürfnisse der Kinder in diesem Fall doch nicht ganz so exklusiv im Sinne hat, sondern eher andere Überlegungen dazu führen, dass Simchat Tora in der Diaspora nicht auf Schabbat fallen kann (damit der nächste Jom Kippur, welcher stets auf den folgenden Wochentag fällt, nicht am Sonntag stattfinden und direkt an Schabbat anschließen würde, um Probleme bei der Aufbereitung des Essens zu vermeiden). Da ich nun aber schon kein Kind mehr war, hat mich diese Erkenntnis nicht mehr ganz so persönlich getroffen.

Höhepunkt Wenn Sukkot das Fest der Freude ist, wie in der Tora bezeichnet (3. Buch Mose 16, 14–15: Und du sollst dich an deinem Feiertage freuen … und nur fröhlich sein!«), dann ist Simchat Tora – »die Freude der Tora« – der Höhepunkt der Fröhlichkeit! »Hakafot« – sieben Runden – werden abends und vormittags mit allen Torarollen gezogen, dazu wird ausgiebig gesungen und getanzt.

Es ist kein Zufall, dass die Feiertage vom Festtag mit dem fröhlichsten Charakter abgeschlossen werden. Einerseits kommen wir von den ehrfurchtsvollen Hohen Feiertagen zu Beginn des Monats geläutert und im Reinen mit uns und mit G’tt in das fröhliche Sukkotfest – ein Prozess, welcher allein schon Grund zur Freude in sich birgt. Andererseits tragen wir die Freude der Feiertage ins Jahr und in den langen Winter hinein. Sie wird uns auch weiterhin begleiten und den Anschluss im Chanukkafest finden.

Freude ist ein wichtiger und unverzichtbarer Aspekt der jüdischen Religion und des Verhältnisses zu G’tt. Rabbi Jehuda Halevi manifestiert in seinem Werk Hakusari, dass es im Dienst vor G’tt drei bedeutende Kräfte gibt: die Ehrfurcht, die Liebe und die Freude. Die Kraft der Freude sei nicht weniger bedeutend und wirkungsvoll als diejenige der Ehrfurcht oder der Liebe. So kann ein Tanzender an Simchat Tora dieselbe Stufe der G’ttesnähe erfahren wie ein Fastender an Jom Kippur. Hierzu sagt der Talmud (Traktat Brachot): »Die g’ttliche Gegenwart ruht auf einem Menschen … nur aus der (spirituellen) Freude an einem Gebot«. Möge uns die Freude stets begleiten und G’tt näherbringen.

Der Autor ist Rabbiner der Synagogen‐Gemeinde Köln und Mitglied im Beirat der Orthodoxen Rabbinerkonferenz.

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