Wa’etchanan

Du sollst nicht fremdgehen

Ist der Götzendienst das Fremdgehen gegenüber G’tt, so ist der Ehebruch das Fremdgehen gegenüber dem Ehepartner. Foto: Getty Images

Wa’etchanan

Du sollst nicht fremdgehen

Die Tora lehrt uns, was Götzendienst und Ehebruch miteinander zu tun haben

von Vyacheslav Dobrovych  23.07.2021 09:45 Uhr

Im Wochenabschnitt Wa’etchanan warnt Mosche das Volk eindrücklich vor dem Götzendienst, der Verehrung jeglicher Bildnisse und jeglicher G’ttheiten außer dem Schöpfer: »So hütet euch nun, dass ihr den Bund (Brit) von Haschem, eurem G’tt, nicht vergesst, den Er mit euch geschlossen hat, und nicht ein Bildnis macht von irgendeiner Gestalt« (5. Buch Mose 4,23).

Mosche bekräftigt diese Aussage mit den Worten des darauffolgenden Verses: »Denn Haschem, dein G’tt, ist ein verzehrendes Feuer und ein eifernder G’tt.«

G’tt wird hier metaphorisch als verzehrendes Feuer bezeichnet – ein Feuer, das seine Widersacher, die Götzendiener, vernichtend verbrennt.

METAPHORIK Die Metaphorik des verzehrenden Feuers findet sich auch im Talmud: »Ein Mann (Isch) und eine Frau (Ischa), die würdig wurden, haben die Präsenz G’ttes unter ihnen. Sind sie nicht würdig, verzehrt sie das Feuer« (Sota 11b).

Rabbi Jehuda Löw, der Maharal von Prag (1520–1609), kommentiert diese Talmudstelle wie folgt: Das Wort für Mann ist »Isch«, das Wort für Frau ist »Ischa«. Die gemeinsamen Buchstaben von Mann und Frau sind Alef und Schin, diese ergeben das Wort »Esch« – Feuer. Die nicht gemeinsamen Buchstaben der Wörter »Mann« und »Frau« (Jud und Heh) bilden zusammen einen der Namen G’ttes. Die Buchstaben der Wörter Mann und Frau ergeben also die Wörter »Feuer, G’tt, Feuer«.

Der Talmud möchte damit sagen, dass ein Mann und eine Frau, die »würdig« wurden, ihre Liebe auf einem gesunden Fundament, bereinigt vom Egozentrischen, aufzubauen, in ihrer Verbindung die Süße der g’ttlichen Präsenz erleben dürfen. Doch ein Paar, das nicht »würdig« wurde, sich also nicht würdig benimmt, muss dabei zusehen, wie seine Verbindung wie von einem Feuer verbrannt wird.

TAFELN Im weiteren Verlauf des Wochenabschnitts werden die Zehn Gebote wiederholt. Sie wurden von Mosche auf zwei Tafeln mit jeweils fünf Geboten empfangen.

Die Rabbinen lehren, dass das erste Gebot auf der ersten Tafel mit dem ersten Gebot auf der zweiten Tafel (also dem sechsten Gebot) korrespondiert, das zweite Gebot der ersten Tafel mit dem zweiten Gebot der zweiten Tafel (also dem siebten Gebot) und so weiter. Die erste Tafel symbolisiert hierbei das Verhältnis zwischen Mensch und G’tt, während die zweite Tafel das Verhältnis der Menschen untereinander behandelt.

Wenn ein Gebot an einer bestimmten Stelle der ersten Tafel auftaucht, bedeutet dies, dass das korrespondierende Gebot auf der zweiten Tafel dieselbe Idee ausdrückt, bloß auf zwischenmenschlicher Ebene. So sind Gebot Nummer zwei und Gebot Nummer sieben eigentlich nur zwei Seiten derselben Medaille.

Bezeichnenderweise verbietet das zweite Gebot den Götzendienst und das siebte Gebot den Ehebruch. Götzendienst und Ehebruch sind also bereits in den Zehn Geboten als zwei Seiten ein und derselben Medaille ausgedrückt: Ist der Götzendienst das Fremdgehen gegenüber G’tt, so ist der Ehebruch das Fremdgehen gegenüber dem Ehepartner.

Das Wort Ehebruch, wie es in den meisten Übersetzungen der Tora vorkommt, drückt allerdings nicht ganz den Wortlaut des hebräischen Originals aus. Die Tora sagt: »Lo (Nicht) Tinaf!« »Tinaf« ist der Imperativ von »Niuf« und bezeichnet jegliches selbstsüchtige, lustzentrierte Handeln im Rahmen der Sexualität. Auch innerhalb der Ehe. Die Zehn Gebote verbieten also eine selbstsüchtige Sexualität, die nur die Bedürfnisbefriedigung zum Ziel hat.

Das Verständnis der hebräischen Sprache lässt uns gleich zwei der Zehn Gebote verstehen. Wenn das siebte Gebot die selbstsüchtige Sexualität (auch in der Ehe) verbietet, so verbietet das damit korrespondierende zweite Gebot den selbstsüchtigen Götzendienst. Dieser versucht, die spirituellen Energien für die Bedürfnisbefriedigung zu manipulieren. Der authentische G’ttesdienst hingegen versucht, G’tt zu dienen, aus Ehrfurcht und Liebe, das Richtige zu tun, auch entgegen den kurzfristigen Bedürfnissen.

Ausgehend von dem Gelernten können wir verstehen, wieso der Talmud im Falle der unwürdigen Ehepartner dieselbe Metaphorik benutzt wie die Tora im Falle des Götzendienstes.

Es geht in beiden Fällen um einen Bund: auf der einen Seite um einen Bund mit G’tt, auf der anderen Seite um den Bund mit einem Menschen. In beiden Fällen schützt das Aufrechterhalten des Liebesbundes vor den verheerenden Folgen des verzehrenden Feuers.

Vielleicht wurde dieser Gedanke bereits im allerersten Wort der Tora angedeutet: »Bereschit« – auf Deutsch: im Anfang. Das kabbalistische Werk Tikkunei Zohar zählt 70 Lehren auf, die aus dem ersten Wort der Tora entnommen werden können. Der Tikkunei Zohar weist darauf hin, dass die sechs Buchstaben des Wortes Bereschit zwei neue Wörter ergeben: Brit (Bund) und Esch (Feuer). Mehr noch: Das hebräische Wort für Feuer befindet sich in der Mitte des ersten Wortes der Tora und wird von dem Wort »Bund« eingeschlossen.

Das Wort »Bereschit« lehrt dadurch auf eindrucksvolle Art und Weise, dass man die Wahl hat zwischen dem Bund und dem Feuer. Es lehrt uns, dass der Bund vor dem Feuer, der Zerstörung, schützt.

Dies ist ein starkes Beispiel dafür, wie viel Weisheit in nur einem Wort stecken kann.

Vielleicht kann das oben Gesagte auch eine Aussage des berühmten Gaon von Wilna (1720–1797) erklären. Er war der Auffassung, dass alle Gebote der Tora auf das erste Wort der Tora zurückgeführt werden können. Das erste Wort, Bereschit, ist laut dem Gaon von Wilna eine Miniatur des gesamten Buches.

Wenn wir die Aufrechterhaltung des Bundes mit G’tt und das Aufrechterhalten des Bundes mit dem Ehepartner oder der Ehepartnerin als Sinnbild gesunder Spiritualität und Zwischenmenschlichkeit sehen und diese im Gegensatz zwischen Bund (Brit) und Feuer (Esch) zusammengefasst werden, so lässt sich verstehen, wieso der Gaon von Wilna alles im Wort Bereschit zusammengefasst sieht.

Letztendlich ist dies die absolute Botschaft der Tora: Hüte den Bund mit deinem Schöpfer, hüte den Bund mit deinen Nächsten!

Der Autor studiert Sozialarbeit in Berlin.

inhalt
Der Wochenabschnitt Wa’etchanan beginnt mit der erneuten Bitte von Mosche, doch noch das Land betreten zu dürfen. Aber auch diesmal wird sie abgelehnt. Mosche ermahnt die Israeliten, die Tora zu beachten. Erneut warnt er vor Götzendienst und nennt die Gebote der Zufluchtsstädte. Ebenso wiederholt werden die Zehn Gebote. Dann folgt das Schma Jisrael, und dem Volk wird aufgetragen, aus Liebe zu G’tt die Gebote einzuhalten und die Tora zu beachten. Den Abschluss bildet die Aufforderung, die Kanaaniter und ihre Götzen aus dem Land zu vertreiben.
5. Buch Mose 3,23 – 7,11

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