Kapparot

Dreimal über den Kopf

»Dies ist mein Stellvertreter. Dieses Huhn geht dem Tod entgegen, ich aber gehe einem guten Leben und Frieden entgegen«: Kapparot-Spruch Foto: Flash 90

Kapparot

Dreimal über den Kopf

Armes Huhn? Das Sühneritual vor Jom Kippur ist umstritten. Ansichten eines Rabbiners und Tierarztes

von Rabbiner Israel Meir Levinger  26.09.2016 19:33 Uhr

Kapparot ist ein traditioneller Brauch, den traditionelle Juden heute noch in den Tagen vor Jom Kippur praktizieren – vor allem ist das in New York und in Israel der Fall. Dabei wird ein Huhn als Symbol der Sühne mehrfach über dem Kopf eines Menschen im Kreis geschleudert, während aus den Psalmen und dem Buch Hiob rezitiert und ein kurzes Gebet gesprochen wird. Das Huhn wird anschließend geschlachtet und das Fleisch den Armen für die Mahlzeit kurz vor Fastenbeginn gespendet. Tierschützer kritisieren dieses Ritual; auch Israels aschkenasischer Oberrabbiner Israel Lau hat sich davon distanziert.

Doch der Streit, ob der Brauch von Kapparot durchgeführt werden soll, ist nicht neu. Schon Rabbiner Joseph Karo schreibt in seinem Codex Schulchan Aruch, dass dieser Brauch abgeschafft werden soll. Demgegenüber steht die Meinung von Rabbi Mosche Isserles, der behauptet, dass er unbedingt beibehalten werden solle.

Grundlage dieser Diskussion ist die Frage, ob Opfer heute noch Sache der Juden sind oder nicht. Rabbi Karo ist der Meinung, dass es nach der Zerstörung des Tempels keine Opfer jeglicher Art mehr gibt. Rabbi Isserles akzeptiert zwar, dass keine Opfer mehr dargebracht werden. Er argumentiert aber, der jüdische Mensch müsse lernen, Opfer zu bringen. Doch was bedeutet Opfer bringen? In der Tora wird uns befohlen, dass jemand, der irrtümlicherweise eine Sünde begangen hat, ein Sühneopfer oder ein Schuldopfer bringen muss. Er muss dem Hohepriester ein Tier liefern, um es auf dem Altar zu opfern.

Tierzüchter Juden waren traditionell Tierzüchter, und für einen Tierzüchter ist ein Tier das Wertvollste. Muss er ein Tier opfern, tut es weh. Den Juden soll also seine Sünde schmerzen; dadurch findet er Sühne. Wenn der Mensch eine Strafe erhält, die ihm wehtut, wird er das nächste Mal vorsichtiger sein. Es gibt in dieser Sache auch keinen Verhandlungsspielraum: Man muss ein ganzes Tier opfern. Wenn wir dem Juden dagegen die freie Wahl lassen, was er bringen will, wählt er ein Geschenk, oder er gibt Almosen.

In der Tora steht, dass für einen Kranken ein Gebet gesprochen werden soll. Es soll aber mit einer Spende verbunden sein. Einmal hatte ein Mann ein Gebet für seinen schwerkranken Vater gesagt und dabei 50 Euro gespendet. Ich habe zu ihm gesagt: »Ist dir die Gesundheit Deines Vaters nicht mehr wert? Du möchtest Gott bitten, Er soll deinem Vater die Genesung bringen. Einen Arzt hättest du beschämt, mit solch einer geringen Bezahlung!« In vielen Gemeinden ist es üblich, nach dem Leinen, dem Lesen aus der Tora am Schabbat und an Feiertagen, ein Gebet für die Kranken zu sagen.

An diesem Punkt sind viele Mitglieder plötzlich aktiv. Sie treten nach vorn und geben alle Namen der Kranken, die sie nur kennen, an. Es kostet ja nichts. Was die meisten aber nicht realisieren: Prinzipiell sollte dieses Gebet mit einer Spende verbunden sein. In den Gemeinden, in denen eingeführt wurde, für jeden Namen zwei Euro zu bezahlen, hat sich die Zahl der Namen, die erwähnt werden sollen, leider sehr reduziert!

sündenbock Der Brauch von Kapparot mit Hühnern hat sich in jener Zeit entwickelt, als die Juden relativ arm waren. Ein Huhn war sehr teuer. Man nimmt ein Huhn und sagt: Dieses Huhn wird an meiner Stelle der Sündenbock sein. Eigentlich sollte ich die Strafe erhalten. Ich möchte mich sozusagen freikaufen. Dafür werde ich dieses Tier schlachten. Ich möchte ein Opfer bringen und werde das Fleisch einem Bedürftigen geben, der auch wie ich morgen fasten muss, aber heute nichts zu essen hat. Mit meinem Opfer mache ich noch eine Wohltat – das ist ein schöner Gedanke.

Während des Ersten Weltkrieges, als in Palästina Hunger herrschte, konnten sich viele Leute kein Huhn leisten. Man holte Wachteln aus dem Sinai, nur, um diesen Brauch nicht zu verletzen. Doch heute ist leider Tatsache: Die meisten Juden, die erklären, sie wollten kein Tier schlachten und den Brauch der Kapparot-Hühner lieber durch eine Spende ersetzen, geben nur Almosen (Kleingeld) und bringen kein wirkliches Opfer.

Moralapostel sehen im Kapparot-Brauch Tierquälerei. Doch welche Quälerei findet hier eigentlich statt? Man nimmt das »arme« Huhn und dreht es dreimal über dem Kopf, dann schlachtet man es. Geschlachtet werden aber alle Hühner, die zum Essen gedacht sind. Heutzutage werden sie so gezüchtet, dass sie sich in Käfigen kaum bewegen können. Sie werden zum Fressen animiert, sodass sie in etwa 35 bis 40 Tagen ihres Lebens das Schlachtgewicht erreichen.

Schlachtbank Dann werden sie verfrachtet und transportiert – manchmal stundenlang, ohne etwas zu trinken zu bekommen – und dann zur Schlachtbank gebracht. Im Schlachthof werden sie aufgehängt, bis die Betäubung einsetzt. Andere Tiere werden im Wald gejagt oder in Käfigen in Zoos gehalten. Ist das etwa keine Tierquälerei?

Für viele religiöse Juden ist dreimaliges Kreisenlassen eines Huhnes über dem Kopf vor Jom Kippur eine wichtige rituelle Handlung. Sie ist viel weniger tierquälerisch als moderne Massentier- oder Zoohaltung. Das Kapparot-Ritual fällt zwar mehr ins Auge, wenn es offen praktiziert wird, führt aber dem Tier verhältnismäßig wenig Leid zu. Denjenigen Juden, denen dieser Brauch ein Opfer für die Religion bedeutet, sollte dies auch in Zukunft erlaubt sein.

Der Autor war Rabbiner in Basel und München.

Justiz

Ehemaliger Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlin verurteilt

Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte den Angeklagten wegen eines sexuellen Übergriffs und sexueller Nötigung zu zehn Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung

 23.01.2026

Talmudisches

Von hellen Tagen und dunklen Nächten

Was unsere Weisen über die Bedeutung von Licht und Dunkelheit lehren

von Vyacheslav Dobrovych  23.01.2026

Chidon Hatanach

Unser Fundament

Der Bibelwettbewerb, der nun in München in eine neue Runde geht, erinnert an den Kern der jüdischen Seele – die Texte der heiligen Schrift

von Rabbiner Dovid Gernetz  23.01.2026

Rezension

Eine Liebe in »bitterböser Zeit«

Die Briefe von Joseph Norden an Regina Jonas eröffnen einen völlig neuen Blick auf die erste Rabbinerin der Welt

von Mascha Malburg  23.01.2026

Bo

Funke der Hoffnung

Die Tora lehrt, wie wir auch in schweren Zeiten nie Glauben und Zuversicht verlieren

von Rabbiner Netanel Olhoeft  22.01.2026

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

Schweiz

Ein Eruv für Zürich

Unsichtbar im Stadtbild, spürbar im religiösen Alltag. Die größte jüdische Gemeinschaft der Schweiz spannt einen symbolischen Faden – und macht jüdisches Leben sichtbarer

von Nicole Dreyfus  20.01.2026 Aktualisiert

Talmudisches

Schlechter Atem als Scheidungsgrund

Was unsere Weisen über Mundgeruch wussten

von Detlef David Kauschke  16.01.2026

Rabbi Schalom Scharabi

Jedes Wort eine Intention

Der jemenitische Raschasch ist in unseren Breitengraden kaum bekannt. Dabei hat er schon im 18. Jahrhundert gelehrt, was auch heute wieder gefragt ist: ganz bewusst zu leben – und zu beten

von Vyacheslav Dobrovych  16.01.2026

Waera

Wahre Größe

Mosche blieb stets bescheiden – und ist damit ein Vorbild an vollkommener Demut

von Aviezer Kantor  15.01.2026