Diaspora

Doppelter Genuss

Doppelt schmeckt besser: Auch beim zweiten Seder gibt es Mazza, Ei und Bitterkraut. Foto: Getty Images/iStockphoto

Diaspora

Doppelter Genuss

Warum wir uns an zwei Abenden hintereinander an die Sedertafel setzen

von Rabbiner Avichai Apel  18.04.2019 10:25 Uhr

Ein Mal zu feiern, ist normal. Um sich an Pessach an zwei Abenden hintereinander an die Sedertafel zu setzen, braucht man einen guten Grund. Warum tun wir das in der Diaspora? Und manche Menschen fragen sogar: Warum tun wir uns das an?

Innerhalb Israels dauern alle Festtage nur einen Tag – außer Rosch Haschana, das auch in Israel zwei Tage lang gefeiert wird. Dort sind der erste Tag Pessach und der siebte Tag von Pessach Feiertage, während in der Diaspora beide um einen zusätzlichen Tag verlängert werden. Genauso ist es auch an Sukkot. Auch Schawuot wird in der Diaspora zwei Tage statt wie in Israel nur einen Tag gefeiert. Und an Pessach ist der doppelte Genuss noch intensiver als an den anderen Feiertagen.

Warum ist das so? Alle oben erwähnten Feiertage haben ihre Quelle in der Tora. Und die Tora schreibt uns ganz genau vor, wie lange und wann sie zu feiern sind. Was hat sich in der Diaspora geändert? Wir glauben doch, dass wir die Tora nicht verändern dürfen. Woher kommen dann die zusätzlichen Feiertage?

Kalender Ungenauigkeiten im Kalender werden von vielen als Ursache der doppelten Feiertage genannt. Manche sprechen sogar von einer »Strafe« dafür, dass man nicht nach Israel zurückkehrt (das heißt, ganz nach Israel zieht und nicht nur dorthin in den Urlaub fährt). Doch der eigentliche Grund für den Brauch, zweimal zu feiern, ist ein anderer.

Der Pessachputz hat Kraft gekostet. Am zweiten Pessachabend feiern wir mit neuer Energie.

Grundsätzlich sind die Entscheidungen über das Datum der Feiertage von uns Menschen abhängig. G’tt lässt uns selbst den Mond beobachten, und falls zwei Zeugen zum rabbinischen Gericht, zum Beit Din, kommen und behaupten, den Neumond gesehen zu haben, entscheidet das Beit Din nach langen Fragen und Untersuchungen, den neuen Monat zu verkünden und zu heiligen.

Wenn dieser Zeitpunkt klar ist, weiß man auch, wann der Feiertag stattfindet: Jom Kippur am 10. Tag des jüdischen Monats Tischri und Pessach ab dem Vorabend des 15. Tags des Monats Nissan.

In Israel wurde die Information über das Datum der Feiertage schnell verbreitet. Für die Städte im Ausland wurde ein System entwickelt, bei dem man auf den Berggipfeln Feuerfackeln anzündete. So erreichte die Nachricht alle Städte, die das Feuer gesehen hatten und die Information weitergaben.

In Eretz Israel bekommen wir so viel Heiligkeit, dass ein Seder ausreicht.

Allerdings konnte man dieses Verfahren leider nicht fortsetzen. Denn die Samaritaner zündeten ab und zu Feuerfackeln auf den Bergen an, was dazu führte, dass die Juden außerhalb Israels an falschen Tagen Rosch Chodesch und somit auch die Feiertage begingen. Deswegen wurde dieses System der Neumondverkündung gestoppt.

Die Juden in der Diaspora beschlossen daher, die Feiertage immer zwei Tage lang zu feiern, um das richtige Datum nicht zu verpassen. Somit gab es stets Zweifel daran, ob der erste Tag des Feiertags heilig ist und der zweite nicht – oder umgekehrt. Übrigens wurde Rosch Haschana sogar in Israel zwei Tage lang gefeiert, weil man nicht wusste, wann das Beit Din den Neumond heiligt – und Rosch Haschana wird am Rosch Chodesch, zu Beginn des jüdischen Monats, gefeiert.

Jom Kippur dagegen wurde immer nur an einem einzigen Tag begangen. Das heißt, am ersten möglichen Tag wurde gebetet und gefastet, denn es ist ausgesprochen schwierig, zwei Tage lang zu fasten.

Die Gemara diskutiert, ob es noch Sinn macht, zwei Festtage zu behalten, oder ob es vielleicht vernünftig wäre, nur an einem einzigen Tag zu feiern, nachdem Hillel II. im vierten Jahrhundert n.d.Z. einen konstanten Kalender für alle Jahre eingerichtet hatte.

Die Tora hat uns befohlen, den Rabbinern zuzuhören und zu gehorchen, damit sie weiter in ihrer Originalform bei uns erhalten bleibt.

SMICHA Hillel tat dies aus folgendem Grund: Um zu entscheiden, wann Rosch Chodesch ist, brauchen wir in Israel ein Beit Din von Rabbinern, die »Smuchim« sind. Das sind Rabbiner, die die Erlaubnis, Rabbiner zu sein und über die Halacha zu entscheiden, von Rabbinern bekommen haben, die ihrerseits ihre Smicha in der Kette der Generationen seit Mosche erhalten haben. Doch da es solche Rabbiner heutzutage nicht mehr gibt, richtete Hillel einen Kalender für alle Juden ein.

Laut dem Talmud folgen wir der Tradition, zwei Tage zu feiern, damit es nicht wieder dazu kommt, dass der Kalender aufgrund der Schwierigkeiten in der Diaspora in Vergessenheit gerät oder fehlerhaft wird und man, wenn Pessach nur einen und nicht zwei Tage gefeiert wird, am Feiertag versehentlich Chametz isst.

Wir verändern dadurch die Tora nicht, sondern wir stärken unsere Möglichkeit, die Tora zu behalten – trotz der Probleme, vor denen wir im Laufe von Generationen immer wieder standen.

Der Glaube an die mündliche Tora, das heißt, an die Worte der Rabbiner, ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Die Tora hat uns befohlen, den Rabbinern zuzuhören und zu gehorchen, damit sie weiter in ihrer Originalform bei uns erhalten bleibt. Die Toragelehrten sind diejenigen, die sie bewahren und damit die Kraft bekommen, uns Anweisungen zu geben.

Der zweite Seder ist keine Strafe für Juden, die immer noch im Exil leben.

Ich finde es gerade bei der Sedernacht gut, dass man zweimal feiern soll und zweimal feiern muss. Denn jeder weiß, dass am ersten Sederabend alle – und vor allem die Mütter – einfach fertig sind.

Das gesamte Putzen und Ausräumen des Chametz vor Pessach hat uns viel Kraft gekostet. Es ist daher besonders schön, dass sich am zweiten Abend alle ausruhen und mit neuer Energie und Freude den zweiten Seder feiern können.

heiligkeit Natürlich gibt es auch Menschen, die den zweiten Sederabend als Belastung empfinden. Ich sehe das aber nicht so und glaube auch nicht, dass es sich bei diesem Brauch um eine Strafe für die Juden handelt, die immer noch im Exil sind.

Ich sehe darin vielmehr eine positive Botschaft: In Eretz Israel bekommen wir durch unsere Anwesenheit im Heiligen Land so viel Heiligkeit (Keduscha) an einem Tag mit, dass wir nicht zwei Sederabende dafür brauchen.

Der Autor ist Gemeinderabbiner in Frankfurt am Main und Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

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