Verantwortung

»Die Witwe dürft ihr nicht bedrücken«

Viele verwitwete Frauen werden ausgegrenzt. Foto: Thinkstock

Verantwortung

»Die Witwe dürft ihr nicht bedrücken«

Frauen leben heute länger als ihre Männer. Wir müssen sie aktiv in unsere Gesellschaft einbeziehen

von Emuna Braverman  12.01.2016 09:55 Uhr

»Alle rechtschaffenen Frauen sind vor ihren Männern gestorben – was ihnen die Demütigung ersparte, Witwen zu werden«, schreibt einer der klassischen Kommentatoren zum Tod von Sara, der Frau Abrahams.

Ich weiß nicht, ob es heutzutage weniger rechtschaffene Frauen gibt, oder ob man das so nicht sagen kann. Doch Frauen überleben in unseren Zeiten ihre Männer in erschütterndem Ausmaß – und sind dann häufig großem Schmerz, Einsamkeit und anderen Mühen der Witwenschaft ausgeliefert.

Demütigung Der Status, verwitwet zu sein, hat viele unerfreuliche Aspekte. Der Midrasch bezieht sich insbesondere auf Degradierung und Demütigung. Was bedeutet das, und was ist in diesem Zusammenhang unsere Verantwortung? Wir sollen doch besonders sensibel und besorgt um die Witwen sein. Aber sind wir das wirklich?

Partnerschaft hat etwas Verführerisches und Machtvolles. Paare suchen die Nähe anderer Paare. Oft bestimmen sie die sozialen Erfahrungen. Wir treffen uns in Gruppen, die aus einer geraden Anzahl von Mitgliedern bestehen (dies geht zurück auf Zeit des viktorianischen England, als diese Vorschrift unerlässlich für eine erfolgreiche Dinnerparty war!). Wir haben dafür sogar einen Ausdruck: »Zwei sind Gesellschaft, drei sind Pöbel«. Nicht gerade eine Botschaft an die Witwen, dass sie in unserem Leben willkommen sind.

Singles Denken wir überhaupt daran, wie sich all die Singles unter uns fühlen – die noch nicht Verheirateten, die Geschiedenen und die Witwen? Ich habe viele Geschichten gehört, eine schrecklicher als die andere: über die Witwe eines Rabbiners, die von ihrer Gemeinde gezwungen wurde, ihr Haus zu verlassen, bis hin zu der Witwe, die eine sogenannte Freundin bat, mit ihr auszugehen, und die als Antwort zu hören bekam, man treffe sich lieber mit einem befreundeten Paar: »Das ist einfach viel bequemer für uns.«

Es ist unglaublich, dass Menschen so grausam und gedankenlos sein können, doch die Geschichten nehmen kein Ende: von der Witwe, der mitgeteilt wurde, sie könne nicht an einem Ausflug teilnehmen, weil man sich nicht mit ihr zusammen auf den Rücksitz quetschen wolle, bis hin zu der Frau, die aus Verzweiflung auf einen Heiratsschwindler hereinfiel und ihr gesamtes Erspartes verlor.

Finanzen Ja, es gibt soziale Kränkungen, die eine Frau dazu veranlassen könnten, lieber zu Hause zu bleiben, anstatt anhaltende Ablehnung zu riskieren. Und dann sind da noch die finanziellen Demütigungen – die Entdeckung, dass die Situation einer Frau nicht so rosig ist, wie sie es sich vorgestellt hatte, die Notwendigkeit, andere um Unterstützung zu bitten, die wenig hilfreichen Antworten, der Verlust des Heims, des Lebensstils, der Chancen.

Innerhalb unserer Gemeinschaft gibt es wunderbare Organisationen, die sich bemühen, Witwen zu unterstützen. Doch wenn eine Institution da ist, um zu helfen, fühlen wir uns als Individuen manchmal weniger verpflichtet, weniger verantwortlich, weniger dazu bereit, selbst in Erscheinung zu treten.

Pflicht Aber damit entziehen wir uns unserer individuellen Pflicht. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass eine Institution eine Witwe zum Schabbat oder in ein Restaurant einlädt – oder zu einem Spaziergang im Park, ins Theater oder ins Konzert. Für solche Aktivitäten bedarf es Zeit und Zuwendung. Was gebraucht wird, ist ein Freund.

In der heutigen Zeit, in der Frauen länger und vor allem bedeutend länger leben als ihre Männer, ist es an uns, nicht nur das Gebot der Tora zu erfüllen, das die Bedrückung von Witwen verbietet, sondern aktive Schritte zu unternehmen.

Wir müssen freundlich und bestärkend sein, den Witwen die Hand entgegenstrecken, bevor sie es selbst tun müssen, und sie zu einem Teil unseres Lebens und unserer Familien machen. Und vor allem dürfen wir nicht zulassen, dass sie sich wie der sprichwörtliche »Pöbel« fühlen. Das ist eine Gelegenheit für uns alle, etwas zu geben – und wenn wir selbst etwas geben, werden wir auch diejenigen sein, die am meisten davon profitieren.

Übersetzung und Abdruck mit freundlicher Genehmigung von www.aish.com

Justiz

Ehemaliger Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlin verurteilt

Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte den Angeklagten wegen eines sexuellen Übergriffs und sexueller Nötigung zu 10 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung

 23.01.2026

Talmudisches

Von hellen Tagen und dunklen Nächten

Was unsere Weisen über die Bedeutung von Licht und Dunkelheit lehren

von Vyacheslav Dobrovych  23.01.2026

Chidon Hatanach

Unser Fundament

Der Bibelwettbewerb, der nun in München in eine neue Runde geht, erinnert an den Kern der jüdischen Seele – die Texte der heiligen Schrift

von Rabbiner Dovid Gernetz  23.01.2026

Rezension

Eine Liebe in »bitterböser Zeit«

Die Briefe von Joseph Norden an Regina Jonas eröffnen einen völlig neuen Blick auf die erste Rabbinerin der Welt

von Mascha Malburg  23.01.2026

Bo

Funke der Hoffnung

Die Tora lehrt, wie wir auch in schweren Zeiten nie Glauben und Zuversicht verlieren

von Rabbiner Netanel Olhoeft  22.01.2026

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

Schweiz

Ein Eruv für Zürich

Unsichtbar im Stadtbild, spürbar im religiösen Alltag. Die größte jüdische Gemeinschaft der Schweiz spannt einen symbolischen Faden – und macht jüdisches Leben sichtbarer

von Nicole Dreyfus  20.01.2026 Aktualisiert

Talmudisches

Schlechter Atem als Scheidungsgrund

Was unsere Weisen über Mundgeruch wussten

von Detlef David Kauschke  16.01.2026

Rabbi Schalom Scharabi

Jedes Wort eine Intention

Der jemenitische Raschasch ist in unseren Breitengraden kaum bekannt. Dabei hat er schon im 18. Jahrhundert gelehrt, was auch heute wieder gefragt ist: ganz bewusst zu leben – und zu beten

von Vyacheslav Dobrovych  16.01.2026

Waera

Wahre Größe

Mosche blieb stets bescheiden – und ist damit ein Vorbild an vollkommener Demut

von Aviezer Kantor  15.01.2026