Talmudisches

Der zerbrochene Krug

Die Haushälterin lässt absichtlich einen Tonkrug vom Dach hinabfallen, damit die Schüler von Rabbi Jehuda Hanassi ihr Gebet unterbrechen. Foto: Thinkstock

Frauen kommen im Talmud kaum vor, denn alle Rabbinen und ihre Schüler waren Männer. Manchmal allerdings sind Frauen durchaus sehr aktiv am Geschehen beteiligt, wie zum Beispiel in der berühmten Geschichte vom Tod des Rabbi Jehuda HaNassi.

Er wird meist einfach Rabbi genannt, ist einer der wichtigsten Tannaiten und der Redakteur der Mischna. Er lernte bei den Großen seiner Zeit, wie Rabban Schimon ben Gamliel, Rabbi Jehuda und Rabbi Meir. Auch zu seinen Schülern gehörten wichtige Gelehrte, wie Rabbi Jehoschua Ben Levi, Bar Kapara und Rav.

Söller In Ketubot 104a berichtet der Talmud über Rabbis Tod: »Am Tag, an dem Rabbi starb, ordneten die Rabbanan ein Fasten an und flehten um Erbarmen. Auch bestimmten sie: ›Wer da sagt, Rabbi sei gestorben, werde mit dem Schwert niedergestochen.‹ Die Haushälterin Rabbis stieg auf den Söller und sprach: ›Die droben verlangen nach Rabbi, und die hienieden verlangen nach Rabbi; möge es G’ttes Wille sein, dass die hienieden die droben besiegen.‹ Als sie aber sah, wie oft er die Toilette aufsuchte und sich damit abquälte, die Tefillin ab- und anzulegen, sprach sie: ›Möge es Dein Wille sein, dass die droben die hienieden besiegen.‹ Da aber die Rabbanan nicht aufhörten zu beten, nahm die Haushälterin einen Krug und warf ihn vom Söller hinab. Da stockten die Rabbanan, und die Seele Rabbis kehrte zur Ruhe ein.«

Diese Geschichte ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Sie beginnt mit »Am Tag, an dem Rabbi starb«. Es heißt »starb« und nicht »im Sterben lag«, das heißt, im Prinzip war es klar, dass sein Leben nicht mehr zu retten war. Trotzdem beteten seine Schüler wie auch die Haushälterin für seine Genesung. Vielleicht hofften sie auf ein Wunder oder waren sich nicht bewusst, dass Rabbi tatsächlich sterben würde.

Beten Es ist aber lediglich die Haushälterin, die später bemerkt, wie schlecht es Rabbi geht und dass er sterben wird. Daher tut sie etwas völlig Ungewöhnliches: Während sie vorher noch betete, dass »die hienieden«, also die irdischen Wesen, »die droben«, also die himmlischen Wesen, besiegen und somit Rabbi weiter am Leben bleibt, betet sie nun darum, dass er sterben möge, um von seinem Leid befreit zu werden.

Doch ist das überhaupt möglich? Für den Tod eines Menschen zu beten? Die Rabbanan jedenfalls, all die großen Gelehrten, merkten nicht, wie es um ihren Lehrer stand, sie merkten nicht, wie sehr er litt. Vielleicht wollten sie es aber auch nicht sehen. Oder sie dachten, dass Rabbi auf jeden Fall leben sollte, egal wie er litt, denn das Leben ist ja das Kostbarste, was wir haben.

So beteten sie intensiv weiter, und Rabbis Seele konnte nicht aus dem Körper entweichen. Weil schließlich die Haushälterin aufs Dach steigt, einen Tonkrug hinabfallen lässt und der Krach die Beter verstummen lässt, stirbt Rabbi.

Medizinethik Die Entscheidung der Haushälterin wird später für zwei wichtige Grundlagen in der Medizinethik dienen: zum einen, dass es unter Umständen erlaubt sein kann, um Barmherzigkeit für einen Patienten zu bitten (also um dessen Tod), und zum anderen »die Beseitigung eines Hindernisses auf dem Weg zum Sterben«.

Der Ran, Rabbenu Nissim ben Reuven Gerondi, zitiert die Geschichte ebenso in seinen halachischen Entscheidungen wie Rabbiner Mosche Feinstein in seinem Werk Iggrot Mosche.

Der Text dient vor allem als Entscheidungshilfe bei Kranken in der letzten Phase ihrer Krankheit. Zum Beispiel soll bei einem Patienten mit starken, unkontrollierbaren Schmerzen, bei dem es keine Hoffnung auf Besserung gibt, auf medizintechnische Geräte verzichtet werden, wenn sie nur noch dazu dienen, sein Leben zu verlängern.

Nicht umsonst heißt es im Talmud (Rosch Haschana 26b, Megilla 18a), dass Rabbis berühmte Schüler von dieser Haushälterin lernen konnten. Selbst zeitgenössische Entscheider (Poskim) sind von ihr beeindruckt, unter ihnen Rabbiner Moshe Feinstein, der in einem Responsum (Iggrot Mosche, Choschen Mischpat 2,73) ihre Weisheit ausdrücklich lobt.

Mit diesem Beitrag beginnen wir eine neue Reihe. Die Texte aus der vorangegangenen Reihe »Wieso Weshalb Warum« finden Sie in unserem Dossier unter www.juedische-allgemeine.de.

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