Gesetz

Der schöne Schein

Wehrt sich gegen Plagiatsvorwürfe und die Aberkennung ihres Doktortitels: FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin Foto: imago

Wenn ein Mensch stirbt, dann wird er in einem bestimmten Ritual gewaschen, man betet und erwähnt seinen Namen im Gebet. Es ist streng verboten, einen Titel hinzuzufügen. Keinen Doktor, keinen Professor. Es gilt nur sein einfacher hebräischer Name. Denn in der nächsten Welt wird er nur an seinen wirklichen Leistungen gemessen, sie ist die Welt der Wahrheit.

Die Welt, in der wir leben, ist die Welt des schönen Scheins und auch der Lüge. Die Tora sagt, dass jeder Ganev gehängt wird. Im übertragenen Sinne bedeutet dies, dass alle seine Missetaten ans Licht kommen.

Gerade weil wir in einer Welt des schönen Scheins leben, in der die Verpackung oft wichtiger als der Inhalt ist und »far bella figura« solch einen überaus hohen Stellenwert bekommen hat, werden Menschen dazu verleitet, angebliche Ehre mit allen Mitteln zu erlangen. Sie versuchen, einen vermeintlich einfacheren und kürzeren Weg zu gehen. Jedoch hat dieser oft so viele Hindernisse, dass er sich dann als langer Umweg entpuppt oder gar nicht ans gewünschte Ziel führt.

Diebstahl Die Halacha bewertet das Plagiat, den Diebstahl von Gedanken, als ein viel größeres Vergehen als den einfachen Diebstahl von Dingen. Denn wenn jemand die Ehre eines anderen stiehlt, kann er sie nicht zurückgeben, während ein Diebstahl von Gegenständen mit der Rückgabe des Wertes des Gegenstands komplett abgegolten ist.

Rabbenu Yona von Gerona (Spanien 1180–1263) vergleicht den Diebstahl von Sachen und Betrug. Er erklärt, dass die Seele eines Menschen Teil des Allmächtigen ist, die Verkörperung der perfekten, unverfälschten Wahrheit. Wenn ein Mensch nun andere betrügt, dann ist dies eine sehr schwerwiegende Sünde, viel schlimmer als der Diebstahl von Sachen, denn der Betrug verschmutzt die G’ttliche Eigenschaft der Seele.

Daher stiehlt der Mensch von G’ttes Ehre. Rabbi Jom Tov Ashbili (Spanien 1250–1330) schreibt, dass eine Person, die eine andere täuscht, ein Gebot der Tora übertritt. Er sagt, dass der Vers »Du sollst nicht stehlen« (3. Buch Moses 19,11) sich auf diese spezielle Form des Diebstahls bezieht. Die Tosefta erwähnt sieben Kategorien von Diebstahl. Die allerschlimmste Form, die zuerst genannt wird, ist »Geneivat Da’at«, der »Diebstahl des Geistes«, also die Täuschung. Auch in Kizzur Schulchan Aruch, der kurzen Fassung der Jüdischen Gesetze heute, steht geschrieben, dass es verboten ist, die Menschen zu täuschen.

Rabbi Moshe Feinstein (1895–1986) aus New York war eine führende halachische Autorität seiner Generation, dessen Psakim (halachische Entscheidungen) bis heute weltweit akzeptiert werden. In seinem Werk Iggerot Moshe hat er eine Frage aufgefüht, die ihm einmal gestellt wurde.

Es ging darum, ob die Schüler der Yeshiva‐High‐School die Antworten der Prüfungen zuvor einsehen dürften, damit sie für die Klausuren nicht lernen müssten, um diese Zeit für das Tora‐Studium verwenden zu können. Rabbi Feinstein war sehr verwundert darüber, dass diese Frage überhaupt gestellt wurde. Denn seiner Auffassung nach sei dies ganz klar Geneivat Da’at und damit unter keinen Umständen erlaubt. Auch nicht, um zusätzliche Zeit für das Tora‐Studium bereitzustellen.

Lüge Wenn jemand seine Urkunde erschlichen hat, ist er wie ein Dieb. Wenn er dann aufgrund dieser Urkunde einen höheren Verdienst erwirtschaftet, ist damit auch dieser Verdienst gestohlen, denn jede Aktion in unserem Leben, die auf einer Lüge aufbaut, zieht eine Reihe von weiteren Lügen nach sich.

Zudem fördert der Betrug die Faulheit der Menschen und die Gewohnheit, nicht zu wissen, was man vorgibt, außerdem sät er Misstrauen in der Welt. Denn einer, der hochstapelt, baut einen babylonischen Turm, in dem einer die Sprache des anderen überhaupt nicht mehr versteht. Deswegen sollte eine Person einen Titel nur benutzen, wenn sie diesen auch wirklich glatt koscher verdient hat, von Anfang bis Ende.

Der Talmud lehrt, dass die Gesellschaft vier verschiedene Arten von menschlichem Benehmen überhaupt nicht ertragen kann: den hochmütigen Armen, den unterschlagenden Reichen, den buhlerischen Greis und den sich grundlos über die Gemeinde erhebenden Verwalter, also auch einen, der seinen Titel erschlichen hat. Dieser Letzte ist so verwerflich, dass auch G’tt über diesen jeden Tag weint.

Die Münze hat aber auch eine andere Seite. Im Talmud Babli Traktat Gittin 45a steht geschrieben: »Nicht die Maus, sondern das Loch ist der Dieb.« Es ist in der Natur der Maus, Nahrung zu stehlen. Das Loch aber ermöglicht erst die Tat, deshalb ist die Schuld des Lochs nicht zu vernachlässigen.

Wenn zum Beispiel Bargeld in einem Haushalt herumliegt und das Putzpersonal dieses nimmt, dann hat auch die Person, die das Geld herumliegen ließ, Mitschuld an dem Diebstahl. Denn es ist verboten, »einen Stolperstein vor einen Blinden aufzustellen« (3. Buch Moses 19,14).

Wenn wir diese beiden Gedanken nun auf einen durch Plagiat falsch erworbenen Titel beziehen, sehen wir, dass die Schuld nicht gänzlich auf die Schultern des Missetäters zu legen, sondern auch in dem gesamten Apparat zu finden ist, der seine Arbeit zu überprüfen hat.

Verantwortlichkeit Ein Lehrer, der zum Beispiel sehr von seinem Prüfling eingenommen ist, weil dieser aus gutem Hause stammt oder schön anzusehen ist, könnte leicht in die Versuchung geraten, die Klausur oder Dissertation des Lernenden nur ungenügend nachzuprüfen. Es ist durchaus möglich, dass er das Gefühl hat, der Glanz des Schülers werde auch auf ihn abstrahlen, wenn er als Lehrer dieser Person bekannt wird. Wohl wissen beide, was gespielt wird, geben es aber nicht zu.

Im Nachhinein, wenn alles ans Licht gekommen ist, stellt sich der Lehrer dann hin wie der arme Getäuschte. Dabei ist zu erwarten, dass er zumindest eine Vermutung hat hegen müssen, der er nicht nachgegangen ist. Der Lehrer ist in diesem Falle nämlich wie ein Richter anzusehen, und weil er nachlässig gehandelt hat, ist seine Schuld in diesem Falle schlimmer zu bewerten als die der Maus, die durch das Loch kroch.

Der weise König Salomon hatte gesagt, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt und dass man »kein Haupt über das Volk nominiert, es sei denn, es ist eine Kiste von Würmern hinter ihm«. Immer, wenn ein Mensch aufsteigt und eine höhere Position einnimmt, werden die Menschen gleich versuchen, irgendwelche Mängel an ihm zu finden.

Dies bricht seinen Hochmut, und es ist auch eine Warnung an ihn. Wir dürfen aber in dieser Situation nicht vergessen, dass wir über den Nächsten nicht urteilen sollten, bis wir in seine Lage gekommen sind. Bis dahin können wir nicht sicher sein, ob wir denn nicht genauso handeln würden wie er.

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