Waera

Der ins Verderben rennt

Trotz der Plagen unbelehrbar: Pharao Foto: Getty Images

Waera

Der ins Verderben rennt

Nicht der Ewige verhärtet das Herz des Pharaos – sondern der ägyptische Herrscher verhärtet es selbst

von Rabbinerin Yael Deusel  31.12.2021 11:47 Uhr

Noch sind die Hebräer Sklaven in Ägypten. Erst hatten sie sich noch gefreut, als Mosche ihnen sagte, dass sie mit der Hilfe des Ewigen aus Ägypten ausziehen würden. Doch die Freude war ihnen schnell vergangen, als der Pharao sie noch härter arbeiten ließ. Sie »schenkten Mosche kein Gehör« – aus Kleinglauben, aus Erschöpfung, aus der daraus resultierenden Hoffnungslosigkeit. Nun verliert auch Mosche den Mut, und als ihn der Ewige auffordert, zum Pharao zu gehen und ihm seine Forderungen vorzutragen, meint er, wenn ihm schon seine eigenen Leute nicht glauben, dann werde es der Pharao wohl erst recht nicht tun.

Da sagt der Ewige etwas Erstaunliches: »Siehe, ich habe dich dem Pharao zum G’tt gesetzt, und dein Bruder Aharon soll dein Prophet sein.« Dem Pharao bedeutet der Ewige nichts; er kennt nur seine ägyptischen Götterbilder, und schließlich versteht der Pharao sich auch selbst als Gottheit.

Mit diesem einen Satz lässt der Ewige Mosche wissen: Du sollst dort nicht hingehen als Bittsteller aus dem Sklavenvolk, sondern sollst dem Pharao gegenüber selbstbewusst als Ebenbürtiger auftreten. Ja, der Pharao wird nicht auf dich hören; er wird es erst begreifen, wenn er die Zeichen und Wunder sieht, die Ich tun werde, und auch dann noch nicht sofort.

Und tatsächlich: Die ersten Plagen tut der Pharao noch als Spielereien ab, die seine Hofmagier genauso hervorrufen und auch wieder aufheben können. Zu Beginn sind die Plagen ja auch einfach nur lästig, vor allem die Frösche, die zwar die Hofzauberer ebenso erzeugen – dann aber bedauerlicherweise nicht wieder verschwinden lassen können.

PLAGEN Unwillkürlich denken wir an jenen Pharao zur Zeit von Josef, der wohl bereits eine erste Ahnung von der Macht und Größe des Ewigen entwickelt hatte. Jener Pharao war besorgt wegen seiner Träume und sah in ihnen Zeichen. Er sorgte sich um sein Land und war bereit, entsprechend zu handeln. Der Pharao zur Zeit von Mosche aber sieht nur sich selbst. Die Frösche hätten ihn als Zeichen allerdings schon hellhörig machen können: Sie galten im alten Ägypten als lebensspendende Kräfte. Sie kamen aus dem Nil, von dem das Wohlergehen des Landes entscheidend abhing. Darauf basiert letztlich auch der Reichtum des Pharaos. Die Froschplage zeigt dem Pharao, dass sich ebendiese lebensspendenden, Wohlstand verheißenden Kräfte hier zu seinem Schaden entwickeln. Die Gier nach Reichtum und seine Machtbesessenheit werden ihn in den Ruin treiben, und sein Land dazu. Aber er verschließt die Augen vor der Warnung.

Mosche macht sich an dieser Stelle sogar über den Pharao lustig. Gleichzeitig lässt er ihn wissen, dass nicht er, der Mann Mosche, sondern der Ewige es sein wird, der die Froschplage beendet.

Der Pharao ist wenig beeindruckt, und vermutlich ist er auch ziemlich verärgert, weil die toten Frösche nun in stinkenden Haufen daliegen. Deswegen soll er jetzt seine Sklaven ziehen lassen? Ganz bestimmt nicht! Aber nun wird es richtig ernst: Nach Blut, Fröschen, Ungeziefer und wilden Tieren (etwa eine Allegorie auf die tierköpfigen Götzenbilder der Ägypter?) wird es bedrohlich. Erst ein Viehsterben, dann eine für Menschen ansteckende Seuche, schließlich vernichtet der Hagel die Ernte, und die Heuschrecken fressen den Rest, was an Pflanzen noch übrig ist. Krankheit und Hunger als mittelbare Bedrohung, bevor dann eine direkte, unmittelbare Lebens­gefahr für die Ägypter eintreten wird.

CHARAKTER Noch könnte der Pharao einlenken, er verspricht es sogar. Doch nach jeder Plage vergisst er sofort, was er versprochen hat. Oft wird gerätselt, ob der Pharao wirklich aus freiem Willen gehandelt habe. Hatte nicht der Ewige gesagt, Er selbst werde das Herz des Pharaos verhärten, damit sich Seine, des Ewigen Allmacht erweise durch die Zeichen und Wunder? Nun, der Pharao verhärtet sein Herz wohl schon selbst; es liegt in seinem ganz persönlichen Charakter. Bedenken wir dabei auch, dass in jener Zeit das Herz als Sitz des Verstandes galt. Und so wird Pharao, die selbst ernannte Gottheit, sehenden Auges in sein und seines Landes Verderben rennen.

Vielleicht hat er auch nie begriffen, dass er es eben nicht nur mit dem Menschen Mosche zu tun hat, der zwar zunehmend selbstbewusster wird in seinem Auftreten gegenüber dem Pharao, der aber dennoch nie einen Zweifel daran lässt, dass der Ewige der eigentlich Handelnde ist.

Der Ewige aber wird sich Seinem Volk erweisen als Der, Der Sein Volk aus Ägypten in die Freiheit führt und in das Land bringt, das Er jenen Vorfahren einst für ihre Nachkommen zugesichert hatte.

Die Autorin ist Rabbinerin der Liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

inhalt
Der Wochenabschnitt Waera erzählt, wie die Kinder Israels Mosche und Aharon kein Gehör schenkten, obwohl G’ttes Name ihnen von Mosche offenbart worden war. Mosche verwandelt vor den Augen des Pharaos seinen Stab in ein Krokodil und fordert den Herrscher auf, die Kinder Israels ziehen zu lassen. Der Pharao aber bleibt hart, und so kommen die ersten sieben Plagen über Ägypten: Blut, Frösche, Ungeziefer, wilde Tiere, Viehseuche, Aussatz und Hagelschlag. Doch der Pharao bleibt hart und lässt die Israeliten nicht ziehen.
2. Buch Mose 6,2 – 9,35

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