Tempelberg

Der heiligste Ort der Welt

Blick von oben auf den Tempelberg in Jerusalem Foto: Getty Images

Im Juni 1967 rief General Motta Gur, im Sechstagekrieg Kommandeur der israelischen Einheiten in Jerusalem, einen mittlerweile legendären Satz in sein Funkgerät: »Har Habajit Bejadenu« – »Der Tempelberg ist in unserer Hand!«.

Es war ein sehr emotionaler Moment für Israel und für Juden in der ganzen Welt. Denn seit dem Unabhängigkeitskrieg, in der Zeit der jordanischen Besatzung von 1948 bis 1967, hatten Juden die Kotel (Klagemauer) nicht mehr besuchen können. Und in der Altstadt, wo Juden zuvor unter anderen Herrschern immer leben konnten, hatten sie keinen Wohnort mehr.

Altstadt Halten wir uns vor Augen: Weder zur Zeit des Osmanischen Reichs noch des Britischen Mandats war der Besuch der Kotel für Juden in irgendeiner Art und Weise beschränkt oder gar verboten, sondern nur von 1948 bis 1967. Erst seit dem Sechstagekrieg gab es wieder einen Zugang für Juden zur Kotel und eine Möglichkeit, in der Altstadt zu wohnen, denn seither beherrscht Israel Jerusalem.

In den Augen vieler Menschen ist die Kotel für Juden der heiligste Ort der Welt. Wer sich aber damit auskennt, weiß, dass es einen für uns noch heiligeren Ort gibt. Und der liegt nicht weit von der Kotel entfernt, sondern befindet sich gleich hinter der Klagemauer.

Genau genommen ist die Kotel »nur« eine Mauer des Tempelbergs, dem für Juden heiligsten Ort weltweit. Unsere Verbindung mit Har HaMoria, dem Tempelberg, begann schon mit der Erschaffung der Welt. Laut dem Midrasch ereignete sich an diesem Ort die Schöpfung. Später fand dort auch die Bindung Jizchaks statt.

Genau genommen ist die Kotel »nur« eine Mauer des Tempelbergs.

Zion Mosche erklärt uns in einer seiner Reden, wo der heiligste Ort der Welt ist, zu dem Juden sich hinwenden sollen. Er meint den Ort, »den Er, euer G’tt, aus all euren Zweigen wählen wird, Seinen Namen dort einzusetzen: Wollt ihr Seine Wohnstatt besuchen, dorthin sollst du fahren« (5. Buch Mose 12,5). König David beschreibt noch deutlicher, wie lieb Jerusalem G’tt ist: »Denn Er hat Zion erwählt, hat ihn begehrt sich zum Sitz« (Psalm 132,13).

Der Tempel auf dem Berg Moria bedeutet sowohl in unserer Geschichte als auch für unsere Zukunft sehr viel. Doch in der Gegenwart ist er kaum präsent. Allerdings wollen viele Menschen die Bedeutung des Tempels und die dort gültigen Regeln für die Bediensteten nicht nur studieren, sondern den Tempelberg auch besuchen: manche aus historischen und kunstwissenschaftlichen Gründen, andere aus Überzeugung, dass dieser Ort von größter religiöser Bedeutung für uns ist. Vielen Juden wäre es auch wichtig, dort beten zu können. Aus halachischer Sicht stellt sich also die Frage: Was ist erlaubt und was nicht?

Als der Tempel noch existierte, gab es zwei Haupteinschränkungen für den Aufstieg (auf Hebräisch: Alija – sowohl physisch als auch geistig gemeint). Die erste Regel besagte, dass es im Tempel drei Hauptbesuchsbereiche gab. Den ersten durften alle betreten, den nächsten nur die Leviten und die Kohanim (Priester) und den wichtigsten Bereich, wo sich der Altar, die Menora und die Bundeslade befanden, nur die Kohanim.

Bundeslade Doch auch die Priester durften das Kodesch haKodaschim, das Allerheiligste mit der Bundeslade, nicht betreten – außer dem Kohen haGadol, dem Hohepriester, an Jom Kippur, dem Versöhnungstag.

Laut Oberrabbinat sollen Juden den Tempelberg nicht betreten.

Die zweite Beschränkung galt für alle, die unrein waren. Falls jemand Kontakt mit einem Toten hatte, auch wenn er ihn nicht berührt hatte, sondern nur unter einem Dach mit dem Toten gewesen war, musste er sich zuerst mit der Asche der Roten Kuh reinigen, um den Tempel betreten zu können.

Leider wissen wir heute nicht genau, wo der Bereich der Kohanim im Tempel lag. Auch wenn man dies nach archäologischen Ausgrabungen bestimmen könnte, wissen wir, dass es sehr unterschiedliche Meinungen dazu gibt. Dazu kommt, dass wir heute nicht mehr über die Asche der Roten Kuh verfügen und uns nicht wieder reinigen können.

Diese beiden Gründe haben das israelische Oberrabbinat zu der Entscheidung veranlasst, dass ein Jude den Tempelberg überhaupt nicht betreten darf. Klar ist auch, dass dieses Verbot nicht nur für Juden, sondern auch für Nichtjuden gilt. In der Zeit des Ersten und Zweiten Tempels durften schließlich auch Nichtjuden hinein, um dort zu beten und Opfer darzubringen. Das Eintrittsverbot gilt heute also ebenfalls für alle Menschen.

Mikwe Dennoch gehen auch religiöse Menschen und sogar Rabbiner auf den Berg Moria. Wie kommt es dazu? Diejenigen, die auf den Tempelberg steigen, gehen zuerst in die Mikwe, um sich von allen anderen Unreinheiten zu reinigen, und besuchen nur die Stellen des Tempelbergs, für die sichergestellt wurde, dass Menschen, die durch einen Toten unrein geworden sind, sich dort bewegen können.

Es hat keine religiösen Gründe, sondern ist der politischen Situation geschuldet, dass die Religionsfreiheit ausgerechnet für uns Juden auf dem Tempelberg eingeschränkt ist. Juden, und nur Juden, dürfen dort heute nicht beten. Sie dürfen weder das Schma Jisrael noch eine Bracha, einen Segensspruch, sprechen.

Interessant ist, dass vor mehr als 100 Jahren Frankfurter Juden Geld sammelten, um den Tempelberg zu kaufen. Das zeigt, wie tief Juden in aller Welt mit dem Berg Moria verbunden sind. Möge G’tt den Weg dafür bereiten, dass wir wieder volle Freude an Jerusalem haben werden und Tischa beAw zum Feiertag anstatt zum Fastentag wird.

Ganz im Sinne des Propheten Secharja: »So hat Er, der Umscharte, gesprochen: Das Fasten des Vierten, das Fasten des Fünften, das Fasten des Siebenten, das Fasten des Zehnten, werden soll’s dem Hause Jehuda zu Lust, zu Freude, zu guten Festgezeiten – aber liebet die Treue und den Frieden!« (Secharja 8,19).

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main und Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

Haftara

Bewegend, positiv und absolut

Am ersten Tag von Schawuot wird aus dem Buch des Propheten Jecheskel gelesen

von Rabbiner Avichai Apel  16.05.2021

Schawuot

Von Awraham zu Ruth

Ohne Nächstenliebe hat die Tora keinen Bestand – das zeigt die jüdische Geschichte von Anfang an

von Rabbiner Boris Ronis  16.05.2021

Talmudisches

Die Taube als Symbol

Von Noach bis Raschi

von Chajm Guski  14.05.2021

Bamidbar

Einheit in Vielfalt

Jeder der zwölf Stämme Israels soll seine eigene Fahne hissen – und alle mögen im Namen G’ttes zusammenstehen

von Rabbiner Yehuda Teichtal  14.05.2021

Ökumenischer Kirchentag

Schuster fordert mehr Sensibilität im Umgang mit Israel

Zentralratspräsident: »Viele Urteile fallen zu schnell und mit zu wenig Sachkenntnis«

 14.05.2021 Aktualisiert

Schawuot

Nur kein Neid

Rabbinische Gedanken zur Solidarität während der Pandemie und Missgunst in Zeiten der Impfaktion

von Rabbiner Julian-Chaim Soussan  12.05.2021

Treffen

»Das muss stoppen«

Zentralrat der Juden und Deutsche Bischofskonferenz warnen vor wachsendem Antisemitismus

von norbert demuth  12.05.2021

Israelhass

»Mit Null-Toleranz begegnen«

Vorstand der ORD verurteilt Angriffe auf Synagogen in Bonn und Münster

 12.05.2021

Deutscher Koordinierungsrat

Orthodoxer ins Präsidium

Rabbinerkonferenz plädiert für stärkere Verankerung im interreligiösen Dialog

 12.05.2021