Talmudisches

Der fünfte Becher am Sederabend

Die Mischna erwähnt keinen fünften Becher. Foto: Getty Images

Talmudisches

Der fünfte Becher am Sederabend

Woher der Brauch des Kos Elijahu kommt

von Rabbiner Jehoschua Ahrens  07.04.2020 18:00 Uhr

Für uns ist es heute ganz selbstverständlich, dass wir am Sederabend einen zusätzlichen, fünften Becher Wein auf unserem Pessachtisch haben, den Kos Elijahu, den Becher für Elijahu, den Propheten. Woher kommt dieser Brauch, und was machen wir eigentlich mit diesem Becher und dem Wein darin?

Mischna Tatsächlich lesen wir dazu nichts in der Mischna. Dort heißt es (Pessachim 117b): »Man schenke ihm den dritten Becher ein, und er spricht den Segen über das Mahl, alsdann den vierten, und er liest das Loblied zu Ende und spricht den Segen über das Lied. Zwischen jenen Bechern darf man, wenn man will, (noch außerdem) trinken, nicht aber zwischen dem dritten und dem vierten (Becher).«

Darf ich den Seder einfach so um einen fünften Becher Wein und das Hallel Hagadol erweitern?

In der Mischna wird also kein fünfter Becher erwähnt. In der talmudischen Diskussion heißt es allerdings wenig später: »Die Rabbanan lehrten: Mit dem fünften Becher beendet man das Große Loblied, so Rabbi Tarphon. Manche sagen, (man sagt stattdessen den Psalm 23)‚ ›der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln‹.«

Anschließend diskutieren die Rabbiner, was genau das Große Loblied (Hallel Hagadol) ist – niemand widerspricht allerdings, dass es einen fünften Becher geben soll.

Übersetzungen Es ist interessant, dass üblicherweise in den Talmud-Übersetzungen die genannte Bareita anders wiedergegeben wird: Der fünfte Becher fehlt. Bei den meisten Rischonim wird er jedoch zitiert.

Liegt dem ein Fehler oder vielleicht eine Meinungsverschiedenheit zwischen den Tanaim zugrunde? So sehen es manche mittelalterlichen Kommentatoren. Der Ra’avad zum Beispiel meint, dass Rabbi Tarphon die vier Becher in der Mischna bestreitet. Trotzdem gibt es nur vier Becher, denn die Halacha ist eben gemäß der Mischna.

Die Frage ist, ob der fünfte Becher Wein überhaupt zum Trinken ge­dacht ist.

Dem widerspricht der Ramban. Er sieht keinen Disput zwischen den beiden Meinungen. Für ihn ergänzt Rabbi Tarphon lediglich die Mischna um die Möglichkeit eines fünften Bechers, wenn das Große Loblied gesagt wird. Wenn jemand mehr als vier Becher Wein trinkt, so der Ramban, sähe es so aus, als begänne er einen zweiten Seder − es sei denn, er sagt das Große Loblied und zeigt damit an, dass er den Seder einfach erweitert.

Müdigkeit Aber darf ich den Seder einfach so um einen fünften Becher Wein und das Hallel Hagadol erweitern? Der Rosch ist ganz klar dagegen. Er verbietet mehr als vier Becher Wein, weil man in der Pessachnacht verpflichtet ist, die Geschichte vom Auszug aus Ägypten zu erzählen und über Pessach zu lernen. Wenn wir nun zu viel trinken, dann könnten wir müde werden und schlafen.

Der Ran sieht dies ganz anders: Wer möchte, kann mehr Wein trinken. Es ist sogar eine Mizwa min hamuwchar, also die Ausführung des Gebotes in der bestmöglichen Art und Weise, einen fünften Becher Wein zu trinken und das Große Loblied zu rezitieren.

Symbol Die Frage ist natürlich, ob der fünfte Becher Wein überhaupt zum Trinken ge­dacht ist. Tatsächlich haben das alle Ri­scho­nim so verstanden. Der Rambam zum Beispiel setzt »einschenken« automatisch mit »trinken« gleich (Hilchot Chamez Umaza 8,10). So wie der vierte Becher eingeschenkt und danach auch getrunken wird, so soll – optional – der fünfte Becher getrunken werden.

Die Achronim aber sehen das anders. Rabbiner Jacob Joseph Reischer erwähnt zum ersten Mal in seinem Kommentar zum Schulchan Aruch, Chok Ja’akov (OC 480,6), dass ein zusätzlicher Becher eingeschenkt, aber nicht getrunken werden soll – und er heißt Kos Elijahu.

Einige zeitgenössische Rabbiner, wie Menachem Mendel Kasher, meinen, man soll den fünften Becher während des Seders trinken (Tora Schlema 109−112), so wie es auch im Schulchan Aruch steht (Rama 481,1). Andere, wie Rabbiner Dow Lior, empfehlen hingegen, den Wein des fünften Bechers am Ende des Seders wieder zurück in die Flasche zu gießen oder für den Kiddusch des nächsten Tages zu verwenden.

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