Tora

Der Bote kommt

Der Begriff »Engel« stammt aus dem Griechischen und bedeutet Gesandter oder Bote. Foto: Thinkstock

Tora

Der Bote kommt

Wenn der Mensch wichtige Entscheidungen trifft, kann es passieren, dass er Engeln begegnet

von Rabbiner Konstantin Pal  26.11.2012 18:43 Uhr

Im heutigen Wochenabschnitt lesen wir von der seltsamen nächtlichen Begegnung Jakovs: »Da sprach er zu ihm: ›Wie heißt du?‹ Und er sprach: ›Jakov‹. Da sprach er: ›Nicht mehr Jakov wird man dich nennen, sondern Israel; denn mit Gott und Menschen hast du gestritten und hast gewonnen.‹ Da fragte Jakov: ›Nenne mir doch deinen Namen!‹ Jener entgegnete aber: ›Was fragst du mich nach meinem Namen?‹ Dann segnete er ihn dort« (1. Buch Moses 32, 28-30).

Es wird schnell klar, dass es sich bei diesem Treffen um eine ungewöhnliche Begegnung handelt. Es ist keine Begegnung zwischen zwei Menschen, sondern Jakov trifft auf ein höheres Wesen, einen Engel – und dieses Treffen hat Folgen für ihn.

treffen Was bedeutet es, einem Engel zu begegnen? Der Begriff »Engel« stammt aus dem Griechischen und bedeutet Gesandter oder Bote, hebräisch »Malach«. Einem Engel zu begegnen, bedeutet, einen Boten zu treffen. Da wir dieses Wort im religiösen Kontext verwenden, ist der Engel ein Gesandter Gottes. In unserer Geschichte sehen wir, dass die Mitteilungen, die Engel übermitteln, eine geistige Dimension haben und Entscheidungen beeinflussen.

Unser Vorfahr Jakov hat eine außergewöhnliche Fähigkeit. Er begegnet in entscheidenden Augenblicken seines Lebens Engeln. Es sind Momente, die allesamt Wendepunkte waren. Aus der Bibel wissen wir, dass Jakov mindestens drei Mal Gesandte Gottes traf. Diese Begegnungen unterstreichen die Dimension der Entscheidungen, die Jakov trifft und die sein Leben verändern. Von den ersten beiden Treffen haben wir vergangene Woche in der Paraschat Wajeze gelesen, die dritte Begegnung schildert der aktuelle Wochenabschnitt Wajischlach.

Jakovs erste Begegnung findet statt, als er sich entschließt, aus seinem Haus in Beer Sheva zu fliehen, um dem Zorn seines Bruders Esaw zu entgehen. Auf der Flucht nach Haran, der Heimat seiner Mutter Rivka, träumt er nachts von einer Treppe, die Erde und Himmel miteinander verbindet und auf der Engel hinauf- und hinabsteigen. Er nennt diesen Ort Beit-El, Haus Gottes. Jakov versteht diesen Traum als Ausdruck seiner Hoffnung, dass Gott ihn auf seinem Weg begleiten möge.

Die zweite Begegnung mit den Engeln findet Jahre später statt, als Jakov aus Haran zurückkehrt. Nachdem er einen »Friedensvertrag« mit seinem Schwiegervater Laban abgeschlossen hat, begegnet er einer ganzen Gruppe von Engeln, die sich am Eingang ins Heilige Land versammelt haben. Jakov nennt diesen Ort »Machanaim« (»Zwei Lager«). Damit spielt er auf die beiden Lager an: das seiner Familie und das der Engel.

Segen Dieses friedliche Zusammentreffen mit den Engeln spiegelt Jakovs Stimmung wider, nachdem er die Streitigkeiten mit Lawan gelöst und in den Augen des Schwiegervaters Anerkennung gefunden hat. Die dritte und vermutlich wichtigste und bekannteste Begegnung findet kurz nach der zweiten statt: Jakov ist beunruhigt, als er erfährt, dass sein Bruder Esaw ihn wiedersehen möchte. Er trifft wichtige Vorkehrungen, um seine Familie zu schützen und den Bruder zu beruhigen. Zurückgeblieben auf der anderen Seite des Flusses Jabbok, kämpft Jakov mit einem Wesen. Und obwohl es ihm physischen Schaden zufügt, lässt Jakov es nicht los – bis er einen Segen erhält.

Hier spiegelt Jakovs Begegnung die Besorgnis darüber wider, was wohl am nächsten Tag, dem entscheidenden Machtkampf mit seinem Bruder, geschehen werde. Die Erfahrung, die Jakov machte, war keinesfalls friedlich, aber sie war der Beweis dafür, dass er inzwischen ein neuer Mensch geworden ist, mit einem neuen Namen und einem neuen Leben.

bestätigung Jedes dieser Treffen findet statt, nachdem Jakov seine Entscheidung und damit die Richtung seines Lebensweges festgelegt hat. Die Engel erscheinen nicht, um Jakov zu sagen, was er machen soll, sondern sie erscheinen als Bestätigung für die von ihm getroffene Entscheidung. Sie begegnen ihm, diktieren aber nicht seinen Weg, und Jakovs Entscheidungen hängen nicht von der Weisung der Engel ab.

Diese Vorstellung des Zusammentreffens mit den Engeln ist anders, als wir uns immer vorstellen. Jakov glaubt nicht, dass die Engel ihn führen, begleiten und schützen, sondern er fällt seine eigene Entscheidung. Erst die ermöglicht ihm ein Treffen mit diesen himmlischen Wesen. Jakov führt keinen Schutzengel mit sich, aber er trifft eine Entscheidung, die eine derart starke geistige Dimension hat, dass sie ihm ein solches Treffen ermöglicht. Auch wir können mit unseren Entscheidungen, mit unseren Worten und mit unseren Handlungen bestimmen, ob wir die Gesandten Gottes treffen oder nicht.

kampf Das Leben und die Entscheidungen, die wir zu fällen haben, sind oft nicht leicht. Daher können wir nicht erwarten, dass unser geistiges Leben, unsere Begegnung mit Gottes Boten immer einfach und friedlich sind. Selbstverständlich gibt es Augenblicke, in denen jeder von uns Entscheidungen trifft, die Frieden und Segen mit sich bringen, Augenblicke, in denen wir im Frieden auf Engel treffen und im Frieden wieder auseinandergehen.

Es gibt aber auch Momente, in denen wir grundsätzliche und folgenreiche Entscheidungen treffen, vielleicht gar solch schwerwiegende, wie sie einst Jakov getroffen hat, wo wir die ganze Nacht hindurch mit einem Boten ringen und kämpfen, streiten und argumentieren, um danach hinter der eigenen Entscheidung stehen zu können.

Jakovs Engel sind keine zarten Schutzengel, sie sind starke Wesen, mächtige geistige Gesandte, die Jakov daran erinnern, dass eine hier, in dieser Welt getroffene Entscheidung eine tiefe Bedeutung hat und weitreichende Konsequenzen nach sich zieht – sowohl für ihn selbst als auch für seine Umgebung. Jakovs Engel sind heilige Boten, die helfen, das Heilige in entscheidenden Lebensmomenten zu finden. Mögen wir genauso wie Jakov gesegnet werden und den uns bestimmten Engeln begegnen.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Wajischlach erzählt davon, wie Jakov sich aufmacht, seinen Bruder Esaw zu treffen. In der Nacht kämpft er an einer Furt des Jabbok mit einem Mann. Dieser ändert Jakovs Namen in Jisra-El. Jakov und Esaw treffen zusammen und gehen anschließend wieder getrennte Wege. Später stirbt Rachel nach der schweren Geburt Benjamins und wird in Efrah beigesetzt. Als auch Jitzchak stirbt, begraben ihn seine Söhne Jakov und Esaw in Hebron.
1. Buch Moses 32,3 – 36,43

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