Talmudisches

Der Böse Blick

Gegen den Bösen Blick: Chamsa-Amulett Foto: Marco Limberg

Talmudisches

Der Böse Blick

Von Glaube und Aberglaube

von Rabbiner Jehoschua Ahrens  06.12.2018 15:06 Uhr

Aberglaube war in der Antike tief in der Alltagskultur verankert und ist selbst heute noch in manchen Regionen unserer sonst so aufgeklärten Welt allgegenwärtig. Das Judentum macht hier keine Ausnahme: Ein durchaus präsentes Thema in der rabbinischen Literatur ist der Böse Blick. Es gibt aber keine einheitliche Meinung über das »Ajin HaRa«, das »Böse Auge«, und der Talmud widerspricht sich teilweise selbst.

Sicherlich ist es kein Wunder, dass ausgerechnet das »Auge« böse sein soll, denn nach dem Talmud sind es gerade visuelle Wahrnehmungen, die sündhaf­teste Versuchungen verursachen. In Sota 8a wird eine ganze Reihe solcher Versuchungen aufgelistet und diskutiert. Am Schluss heißt es, dass Raba sagte, »es sei bekannt, dass der böse Trieb nur über das Gewalt hat, was man mit den Augen sieht«.

KRÄFTE Neben moralischen Auswirkungen, in­klusive Eifersucht und Hass, assoziieren zahlreiche talmudische Quellen den Bösen Blick mit schädlichen Kräften. So heißt es in Baba Mezia 107b: »›Der Herr wird von dir jede Krankheit fernhalten‹ (5. Buch Mose 7,15). Raw erklärte, darunter sei das böse Auge zu verstehen. (...) Er ging nämlich einst auf einen Begräbnisplatz, tat dort, was er tat, und sprach darauf: 99 (sterben) durch ein (böses) Auge und einer auf natürliche Weise.«

Es gab aber auch Tricks, dem Bösen Blick zu entgehen. Die Nachfahren von Josef waren zum Beispiel immun dagegen, und das kann sich jeder zunutze machen, wie Brachot 55b erklärt: »Wer in eine Stadt kommt und sich vor dem bösen Auge fürchtet, nehme den Daumen seiner rechten Hand in seine linke Hand und den Daumen seiner linken Hand in seine rechte Hand und spreche wie folgt: ›Ich, X, Sohn des Y, entstamme dem Stamm Josefs, über den das böse Auge keine Macht hat.‹ Es heißt nämlich: ›Ein fruchttragendes Reis ist Josef, ein fruchttragendes Reis an einer Quelle‹ (1. Buch Mose 49,22). Und man lese nicht ale-ajin (an einer Quelle), sondern ole-ajin (das Auge übersteigend).

Rabbi Jose ben Rabbi Chanina entnimmt dies aus Folgendem: ›Sie mögen sich fischartig auf Erden vermehren‹ (1. Buch Mose 48,16). Wie die Fische im Meer das Wasser bedeckt und das böse Auge keine Macht über sie hat, so hat auch über die Kinder Josefs das böse Auge keine Macht. Wer sich aber vor seinem eigenen bösen Auge fürchtet, schaue auf seinen linken Nasenflügel. (...) Wenn jemand krank wird, so tue er dies am ersten Tag nicht kund, damit er seinen Glücksstern nicht gefährde.«

Der Böse Blick kann aber laut Talmud auch Objekte treffen. So verbietet Raw, im Feld eines Nachbarn zu stehen, wenn der Mais hochgewachsen ist (Baba Mezia 107a). Und ein gefundenes Kleidungsstück sollte nicht über das Bett gelegt werden, wenn Gäste im Haus sind (Baba Mezia 30a). Außerdem heißt es, Segen komme nur über jene Dinge, die vor dem Auge verborgen sind (Ta’anit 8b).

MACHT Viele spätere Kommentatoren verstehen das Böse Auge nicht als eigenständige Macht, sondern als eine spezielle Präsenz und Überwachung durch G’tt. Jedoch stellt keiner die Idee eines bösen Blickes und anderer folkloristischer Überzeugungen so direkt infrage wie Mai­monides, der Rambam. Er lässt in sei­nem Talmudkommentar Mischne Tora den Bösen Blick, wie auch anderen Aberglauben, einfach weg.

Trotzdem sind viele Bräuche, die auf den Bösen Blick zurückgehen, noch heute allgegenwärtig. So ist es zum Beispiel nicht üblich, zwei Brüder (oder Vater und Sohn) nacheinander zur Tora aufzurufen, und wir feiern nicht zwei Hochzeiten innerhalb einer Familie zum selben Zeitpunkt. Auch zählen wir keine Menschen, und in Israel ist es üblich, ein Chamsa-Amulett gegen den Bösen Blick zu tragen oder nach dem Lob einer anderen Person noch »Bli Aijn HaRa« hinzuzufügen.

Wenn es denn tatsächlich so ist, dass negative Blicke (und Gedanken) anderen Schaden zufügen können, dann sollten wir uns immer bemühen, alles positiv zu betrachten, damit unser Segen und die Segnungen anderer mit einem freundlichen und dankbaren Blick gesehen werden.

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